Fahrbericht Ford Nugget Plus Lupenreiner Heck-Trick

Der Ford Nugget ist das unterschätzte Mauerblümchen unter den kompakten Campern. Zu Unrecht: Das neue Modell mit dem Plus im Namen schlägt die Konkurrenz in manchen Punkten - auch wegen eines Details im Heck.

Christian Frahm/ SPIEGEL ONLINE

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Beim Öffnen der Schiebetür des Ford Nugget Plus kommt mir spontan eine Szene aus dem Film "Loaded Weapon", einer Filmparodie aus den Neunzigerjahren, in den Sinn: Darin geht der Polizist Jack Cold auf seinen kleinen Wohnwagen am Strand zu, öffnet die Tür und steht im nächsten Moment in einem großen, palastartigen Raum mit Marmorsäulen, großzügigem Wohnbereich, Kamin und einer Bar.

Zugegeben: Marmorsäulen, Kamin und Bar findet man im Nugget Plus zwar nicht, der Überraschungseffekt beim Betreten des 5,34 Meter langen Campers ist dennoch groß. Zum einen, weil man ihm den großzügig gestalteten Innenraum von außen nicht ansieht. Zum anderen, weil Ausbauer Westfalia jeden noch so kleinen Raum sinnvoll ausgenutzt hat, ohne dass es im Inneren gedrungen wirkt. Das zeigt sich besonders im Heck des Nugget Plus, der 37 Zentimeter länger ist, als die Normalversion. Aber dazu später mehr, denn erst einmal geht es Richtung Ostsee auf die Autobahn.

Dort überzeugt der Nugget mit dem 2,0-Liter-Vierzylindermotor mit 170 PS von Ford. Der liefert genug Vortrieb, um auch Überholmanöver auf der linken Spur zu wagen. Die sacht schaltende Sechsgangautomatik und der Abstandsregeltempomat machen die Reise gerade auf längeren Strecken ausgesprochen komfortabel - auch wenn sich der Motor bei einem kräftigen Tritt aufs Gaspedal sonor brummend bemerkbar macht. Trotz der Höhe von 2,80 Metern gerät der Camper auch in sportlich angefahrenen Kurven nicht ins Wanken.

Im Fernsehsessel über die Autobahn

Das Urlaubsgefühl stellt sich schon während der Fahrt auf den neu gestalteten Frontsitzen mit klappbaren Armlehnen ein. Die sind eher der Kategorie Fernsehsessel zuzuordnen - man fläzt förmlich über dem Asphalt. Zusammen mit den drei Plätzen auf der Sitzbank können fünf Personen im Nugget reisen.

Auf dem Campinglatz angekommen, wird erst mal das Mobiliar geprüft. Ein Tisch ist praktischerweise in der Heckklappe verstaut, die Campingstühle sind links neben dem Küchenblock fixiert. Schnell noch den Grill anfeuern und schon steht dem abendlichen Campingauftakt bei Kaltgetränk und Grillwurst nichts mehr im Wege.

Wenn nicht gegrillt wird, kann in der für den Nugget typischen L-förmigen und sehr geräumigen Heckküche gekocht werden: Zweiflammengasherd, ein Spülbecken und diverse Staufächer und Regale bietet Fords Camper. Sind die Vorräte und Küchenutensilien erstmal verstaut, kocht es sich hier fast wie zu Hause. Statt viel Hochglanz gibt es im Nugget unaufgeregt robust gestaltete Oberflächen. Die Küchenanrichte verträgt auch mal einen heißen Wasserkessel, ohne dass der gleich Spuren hinterlässt. Die Kühlbox sorgt für eiskalte Getränke, ist aber mit einem Volumen von 40 Litern nicht üppig bemessen.

Die Freiheit beginnt hinter der Küche

Wo beim normalen Ford Nugget Schluss ist, geht es beim Plus-Modell hinter der Küche noch weiter. Dort verbirgt sich geschickt im hintersten Eck auf der Beifahrerseite das Plus an Freiheit, das der Nugget im Namen trägt: eine Banktoilette von Thetford. Das Klo direkt neben der Küche? Ja, so ist es. Allerdings lässt sich die kleine Toilettenzeile mit einem ausziehbaren Rollo vom Rest des Wohnraums abtrennen - für ein Minimum an Privatsphäre ist so gesorgt. Zum Händewaschen ist gegenüber der Toilette außerdem ein kleines, praktisches Klappwaschbecken angebracht, hinter dem WC noch ein Spiegelschrank.

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Ford Nugget Plus: Die Allzweck-Waffe

Reicht die Katzenwäsche nicht aus, kann man zusätzlich eine Außendusche anschließen. Den Duschkopf befestigt man dafür per Saugnapf Außen am Fahrzeug. Ein optionales Duschzelt kann man außerdem an der geöffneten Heckklappe anbringen, um so ungestört duschen zu können. Mit einem Fassungsvermögen von 42 Litern sind die Frischwassertanks allerdings recht knapp bemessen und müssen entsprechend häufig aufgefüllt werden.

XXL-Dachbett

Großzügig ist dafür das Bett im Dach des Nugget gehalten. Zum Aufstieg ins ausziehbare Hochbett befestigt man eine dreistufige Leiter (die praktisch an einer Seitenwand neben der Toilette verstaut ist) am Küchenblock. Drei Schritte auf die Leiter, einen weiteren auf den Küchenblock neben das Spülbecken gesetzt - schon kann man die 2,10 mal 1,41 Meter große Schlafwiese entern. Ein so großes Dachbett bietet sonst kein kompakter Camper. Auch die Kopffreiheit ist beeindruckend: Selbst mit einer Körpergröße von 1,85 Metern kann man sich im Bett aufrichten, ohne sich den Kopf zu stoßen.

Die untere Sitzbank kann zusätzlich zu einem 1,91 mal 1,30 Meter großen Doppelbett umgeklappt werden. Diese Länge der Liegefläche wird nur möglich, weil man mit den Füßen quasi in einem Staufach im Küchenblock unter dem Spülbecken ruht. Tagsüber kann man im selben Fach dann beispielsweise die Bettwäsche verstauen. Die drehbaren Sitze lassen sich bei gebautem Bett im Erdgeschoss allerdings nicht mehr nutzen, da sie ganz nach vorne geschoben werden müssen.

Alles unterm Dach ins Fach

Hochdach oder Aufstelldach? Das ist bei kompakten Campern immer eine Grundsatzfrage. Im Nugget Plus - den es nur mit festem Dach gibt - zeigt sich ein extrem vorteilhafter Nebeneffekt dieses Konzepts: der Stauraum. In den zahlreichen Küchenschränken, Fächern und Ablagen ist ausreichend Platz für Gepäck und Vorräte auch bei Vollbesetzung. Vergleichbar viel Stauraum findet man sonst nur bei Wohnmobilen oberhalb der Kompaktklasse. Leider ist der Kleiderschrank, der sich hinter der Toilette befindet, etwas klein geraten. Die Kleiderstange misst geschätzte zehn Zentimeter in der Länge und bietet Platz für eine dickere Jacke oder zwei Hemden.

Den Nugget Plus gibt es in der Basismotorisierung mit 130 PS ab 58.963 Euro (zum Vergleich: der normale Nugget startet bei 53.177 Euro). Unser Testwagen mit großem Motor, Automatik und Sonderausstattung wie beispielsweise größeres Audiosystem, Abstandsregeltempomat oder Xenon-Scheinwerfer kostet 69.958 Euro.

Durchdachtes Raumkonzept spart Platz

Und was ist der große Vorteil des Nugget Plus? Sein großes Raumangebot trotz einer Länge von unter fünfeinhalb Metern - hier ist der Nugget nahezu konkurrenzlos. Auf rund zehn Quadratmetern Wohnfläche ein Bad unterzubringen, ohne den Wohnbereich zu beengen, ist gar nicht so einfach. Westfalia gelingt das im Ford Nugget Plus durch einen konsequent durchdachten Innenraum, bei dem einige Komponenten eine Doppelfunktion erfüllen wie die Küchenanrichte, die als Einstieg ins Hochbett gilt oder der Stauraum unter dem Spülbecken, der als Bettverlängerung für die unten schlafenden Reisenden dient.

Obwohl der Nugget im Kompaktsegment der Campingbusse damit zum relativ preiswerten Allrounder wird, fährt er noch immer weitgehend unterm Radar. Seit er 1986 auf den Markt kam, hat Ford rund 15.000 Exemplare verkauft - so viel, wie Volkswagen allein vom California (den es jetzt ebenfalls mit Bad gibt) innerhalb eines Jahres absetzt. Mit der zusätzlichen Toilette an Bord und mehr Unabhängigkeit, könnten sich diese Verhältnisse zumindest ein wenig verschieben.



insgesamt 42 Beiträge
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112211 07.06.2019
1. 10
Mit 10 cm mehr Innenraumbreite ist der Ford dem T6 um einiges voraus. Das schafft einfach deutlich mehr Platz. Wenn der Ford dann auch nicht so beliebt bei Langfingern ist (der T6 wechselt doch ziemlich oft & ungewollt den Besitzer), könnte er eine echte Alternative sein.
Fragende_Leere 07.06.2019
2. Ein WoMo, das
Konsequent zur Benutzung gedacht ist? Mit Westfalia Know How und unter 60k € für neu? Respekt! Wie sieht dazu die Antwort ausvWolfsburg aus? Hätte erwartet, dass das Bezugsmodell von VW direkt genannt wird (vergleichbare Ausstattung oder vergleichbarer Preis).
kiwi.pro 07.06.2019
3. Rechnen darf man nicht!
Für den "Einstiegspreis" kann man mindestens 14 Jahre lang jeweils 6 Wochen zu zweit in einem anständigen Hotel übernachten und frühstücken. Trotzdem lesen ich solche Berichte immer wieder gerne.
DerBlicker 07.06.2019
4. das Modell wurde genannt
Zitat von Fragende_LeereKonsequent zur Benutzung gedacht ist? Mit Westfalia Know How und unter 60k € für neu? Respekt! Wie sieht dazu die Antwort ausvWolfsburg aus? Hätte erwartet, dass das Bezugsmodell von VW direkt genannt wird (vergleichbare Ausstattung oder vergleichbarer Preis).
Der direkte Rivale ist der VW Grand California 600 auf Basis des größeren Crafter. Den gibt es immer mit 177 PS Diesel und Automatik bereits ab 55 000 Euro, da hat der Ford zum gleichen Preis aber mit 130 PS und Handschalter null Chance. Kein Wunder, dass sich der Ford so schlecht verkauft, wenn man fürs gleiche Geld viel mehr bei VW bekommt, Design und Verarbeitung sind dort zudem um Welten besser. Der Grand California wurde übrigens erst kürzlich auch hier bei SPON vorgestellt.
cabeza_cuadrada 07.06.2019
5. Äpfel und Birnen
Zitat von kiwi.proFür den "Einstiegspreis" kann man mindestens 14 Jahre lang jeweils 6 Wochen zu zweit in einem anständigen Hotel übernachten und frühstücken. Trotzdem lesen ich solche Berichte immer wieder gerne.
rechnen sie mal aus wie lange sie die Heizung auf 5 drehen können bis sich ein Kamin rechnet. Camping Urlaub, also unterwegs sein, immer wieder an einem anderen Ort in der freien Natur ist etwas ganz anderes als ein Hotelurlaub. Das muss man mögen und wollen! Als Ersatz für einen ,eigentlich bevorzugten, komfortablen Urlaub in einem Hotel völlig ungeeignet.
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