Ford-Strategie Autonomie für alle

Bislang ist Ford beim Thema autonome Autos nicht gerade vorausgefahren. Jetzt wollen die Amerikaner bei der Zukunftstechnologie vom Standstreifen auf die Überholspur - und dann gleich die Welt verändern. Es wäre nicht das erste Mal.

Ford

Seit gefühlten Urzeiten bestimmt Ford das Straßenbild in amerikanischen Städten. Zwei Jahrzehnte lang war der Ford Crown Victoria der Inbegriff des Taxis, bis andere Firmen dem Urgestein den Rang abliefen. Geht es nach Ford-Chef Mark Fields, soll sich die Erfolgsgeschichte des Crown Victoria wiederholen, allerdings mit einem kleinen Unterschied. Fields träumt von Zehntausenden Taxen, die in einer amerikanischen Metropole von der Größe New Yorks, Chicagos oder Los Angeles fahren sollen. Allerdings ohne Fahrer. Und schon 2021.

Fields jüngste Ankündigung ist gleich aus zwei Gründen bemerkenswert:

  • Kein Autohersteller ist beim Thema autonomes Fahren bislang so konkret geworden wie Ford, hat den Zeithorizont so kurz gesetzt und dabei mit so großen Zahlen jongliert. Alles, was Audi, Mercedes oder BMW, Toyota, Volvo oder Tesla bislang angekündigt hatten, war entweder längerfristiger, lief auf kleinere Stückzahlen hinaus, war unverbindlicher oder beschränkte sich auf ein weniger komplexes Einsatzszenario (nämlich zum Beispiel Autobahnverkehr).
  • Ford hat man diesen Schritt wahrscheinlich am wenigsten zugetraut. Während die deutschen Hersteller Mercedes, Audi und BMW seit Jahren autonome Fahrzeuge testen und man in ihren Serienmodellen, genau wie bei Tesla oder Volvo, zumindest sekundenweise die Hände in den Schoß legen kann, ist es mit der Autonomie bei den Amerikanern bislang nicht weit her. Mondeo und Co. verfügen erst seit Kurzem über eine automatische Abstandsregelung oder einen Lenkeingriff. Das Ford-Entwicklungszentrum im Silicon Valley, gemeinhin als Nabel der autonomen Autowelt anerkannt, wurde erst vor zwei Jahren eröffnet (Da residierten andere Hersteller dort schon seit Jahrzehnten), und die Flotte der Testwagen beschränkt sich aktuell auf magere zehn Fusion-Limousinen, die mit dem üblichen Sensor-Geweih auf dem Dach durch Michigan, Kalifornien und Arizona geistern.

Wie also will sich Ford an die Spitze der Autonomiebewegung setzen und die vermeintlichen Vorreiter von der Standspur aus überholen?

Ford will alles anders machen

Ganz einfach: Mit einer radikalen Strategie. Mercedes, BMW, Audi, Tesla und Volvo positionieren den Autopiloten seither als ultimative Luxusausstattung. Sie versprechen dem Kunden damit: Zeit. "Wir geben ihm ein knappes Gut zurück und sorgen dafür, dass man Staus und lästige Routinefahrten nicht mehr als Belastung empfindet", beschreibt Daimler-Forschungschef Thomas Weber den Vermarktungsansatz von Mercedes-Benz.

Das autonome Auto als höchste Form des Luxus: So geht die Mercedes-Vision
Daimler

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Fields hingegen will den Autopiloten demokratisieren, so wie einst Firmengründer Henry Ford mit der Einführung der Fließbandproduktion das Auto selbst - über eine kostengünstige Mobilität für Menschen, die sie sich bis dato nicht leisten konnten. Fields will Ford, ähnlich wie die Fahrdienste von Uber oder Lift, zum Mobilitätsdienstleister machen - und die Autos, die der Service braucht, gleich selber liefern. Eine aussichtsreiche Strategie: "Das autonome Fahren spielt für zukünftige Mobility Services eine große Rolle, denn dadurch werden sie wirtschaftlich erst richtig attraktiv - für Anbieter wie für die Kunden", bestätigt auch Christian Kleinhans, Partner bei der Strategieberatung Berylls in München.

"Wenn man den Fahrer als teuersten Posten in der Kalkulation eines Fahrdienstes einsparen kann, ändert sich die Wirtschaftlichkeit dramatisch", sagt Fields. In diesem Nutzungsszenario ist auch der zugegeben hohe Preis eines autonom fahrenden Ford kein Problem: "Das macht sich dann schnell bezahlt." Zumal sich der Hersteller bei diesem Szenario auch keine Sorgen um den Absatz der Fahrzeuge machen muss: Das Unternehmen ist sein eigener Kunde und kann präzise Stückzahlen kalkulieren. Ford will die Produktion deswegen zügig hochfahren und rechnet schon für das Ende des nächsten Jahrzehnts mit einem Anteil von 20 Prozent autonomer Autos am Gesamtverkauf.

Fahrspaß - liegt nicht im Trend

Die Entwicklung auf das Nutzungsszenario automatisiertes Car-Sharing hat aber noch weitere Vorteile: Weil von einem Roboter-Taxi niemand "alte" Werte wie Fahrspaß erwartet, kann die Plattform viel konsequenter entwickelt werden. Zwar müssen die Algorithmen, die Fords Forschungschef Ken Washington für dieses Fahrzeug berechnen lässt, mehr leisten und noch zuverlässiger sein als in anderen Fahrzeugen, weil der Fahrer als Rückfallebene ausfällt. Aber unter dem Strich profitiert das Projekt eher davon, dass hinter dem Steuer niemand sitzt, der Freude am Fahren erleben will.

Will die Roboter-Technologie demokratisieren: Ford-Chef Fields
Ford

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"Wir müssen uns nicht, wie andere Hersteller, mit Übergabeszenarien beschäftigen. Und wir müssen auch nicht überwachen, ob und wie aufmerksam der Passagier im Fahrersitz gerade ist", so Washington. Außerdem verspricht sich Washington größere Freiheiten beim Design: "Wenn wir von vornherein auf den Fahrer verzichten, können wir die bekannte Architektur auflösen und das Auto neu denken".

Die Deutschen Hersteller wollen den Stufenplan

Mit dem Vorstoß von Ford geht der Klassenkampf der Autohersteller in die nächste Runde: Volumenmarken wie jetzt Ford oder wahrscheinlich auch Volkswagen werden die "Demokratisierung des autonomen Fahrens" vorantreiben, so Berylls-Partner Kleinhans, "ganz zu schweigen vom Technologiekonzern Google, der seine Software zum autonomen Fahren lizensieren wird."

Für Vorreiter wie Audi, BMW, Mercedes, Volvo oder Tesla bedeute das einen verschärften Wettbewerb um die Vorherrschaft beim autonomen Fahren, auch wenn die das naturgemäß anders sehen: "Wir gehen die Entwicklung in Richtung autonomes Fahren Stück für Stück. Ein Audi-Fahrer soll diese Fortschritte auch bewusst erleben", erläutert Thomas Müller den bayerischen Stufenplan. Und ein Auto ganz ohne Fahrer kommt für den Leiter der Entwicklung Brems-/Lenk- und Fahrerassistenzsysteme ohnehin nicht in Frage: "Es ist unsere Strategie, dass der Audi-Kunde stets selbst entscheiden kann, ob er sich autonom chauffieren lassen will oder selbst das Lenkrad in die Hand nimmt. Aktiver Fahrspaß gehört für uns auch künftig dazu."

Ford-Chef Fields und Forscher Washington wissen sehr wohl, wie hoch sie sich die Latte gelegt haben. Immerhin wollen sie ihre Autos nicht nur vollkommen autonom auf Autobahnen, sondern auch in - ausgewählten - Städten fahren lassen. Und der Segen der Politik fehlt auch noch. "Nach dem aktuellen Stand der Dinge wäre unser Vorhaben rechtlich nicht zulässig", räumt Washington ein. Doch Zweifel wischt er lässig beiseite. Der Dialog mit den Behörden sei auf einem guten Weg: "Wir bieten mehr Mobilität für alle bei weniger Stau, weniger Unfällen und weniger Abgasen. Das sind Argumente, denen sich die Politik auf Dauer nicht verschließen kann."



insgesamt 99 Beiträge
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tempus fugit 11.10.2016
1. Klar wollen die....
Hersteller in DE 'Stufenpläne' - denn mit jeder neuen Stufe werden die vorherigen Autos künstlich gealtert. Und wohin Stufenpläne führen, sieht man beim den Euro-Plaketten - und wenn die Stufe zu hoch ist, kommt die Mutti und hilft hoch - wie 2009 mit dem Abwrackprogramm von TÜV-abgenommenden fahrbereite, vollwertige Autos. Zuerst wollte man es Umweltprämie nennen, aber das war dann doch zu offensichtlich - und wohl auch damals schon Betrugssoftware eingebaut. Also immer schön langsam, iss ja gut, wenn Ford sowas vorantreibt, vielleicht wird's dann sogar so, dass man garkein Auto mehr braucht und Führerscheine auch vergessen kann... Übrigens, die Ford-Kühlerverkleidung find' ich echt gut!
syracusa 11.10.2016
2.
Das autonome Auto wird unsere Städte mindestens so sehr umkrempeln, wie es der Übergang von Pferdekutschen zum Auto getan hat. Und dieser Übergang wird die Städte an die Bürger zurück geben. Ford geht ganz konsequent den richtigen Weg. Werbebotschaften wie BMWs "Fahrvergnügen" sind schon bald so absurd altmodisch, wie es der Kutscherbock in den ersten Autos war.
radler2 11.10.2016
3.
Zitat von syracusaDas autonome Auto wird unsere Städte mindestens so sehr umkrempeln, wie es der Übergang von Pferdekutschen zum Auto getan hat. Und dieser Übergang wird die Städte an die Bürger zurück geben. Ford geht ganz konsequent den richtigen Weg. Werbebotschaften wie BMWs "Fahrvergnügen" sind schon bald so absurd altmodisch, wie es der Kutscherbock in den ersten Autos war.
Inwiefern? Der Autoverkehr wird zunehmen. Schon allein, weil das Auto nicht mehr geparkt wird sondern eine Leerfahrt unternimmt, um den nächsten Fahrgast aufzunehmen. Brauch hier nur aus dem Fenster sehen, morgens fahren alle in die Tiefgarage und abends raus.
jenzer 11.10.2016
4.
Zitat von syracusaDas autonome Auto wird unsere Städte mindestens so sehr umkrempeln, wie es der Übergang von Pferdekutschen zum Auto getan hat. Und dieser Übergang wird die Städte an die Bürger zurück geben. Ford geht ganz konsequent den richtigen Weg. Werbebotschaften wie BMWs "Fahrvergnügen" sind schon bald so absurd altmodisch, wie es der Kutscherbock in den ersten Autos war.
Fahrvergnügen wird nicht altmodisch werden, solange man noch selber fahren kann. (Und der Spruch kommt auch nicht von BMW iirc.) In den Städten haben wir aber ja heute schon eine Verkehrsdichte, die jegliches Vergnügen am Autofahren im Keim erstickt, wenn man mal die sich strafbar machenden Hirnamputierten außen vor lässt. Aber es gibt ja noch die Freizeit und die Landbevölkerung. Insofern wird es schon für beides noch lange eine Berechtigung geben. Ich fahre zB gerne Auto, aber stehe nicht gerne im Stau. Wenn ich also ein Auto bekomme, was mich sicher und zuverlässig durch den Berufsverkehr lotst, ich aber am Wochenende den Familienausflug selber fahren kann, dann sehe ich schon den Bedarf für beides. Es wird aber natürlich keine Taxis mit Fahrer mehr geben, und die Fahrt zur Arbeit würde mit dem eigenen autonomen Auto, so es denn dann 8 Stunden nur rumsteht statt Fahrgäste zu befördern, auch relativ wenig Sinn ergeben. Man würde somit mittelfristig schon die Anzahl an Privat-PKWs stark reduzieren (können), was gerade in den überfüllten Städten sicher gerne gesehen wird. Allerdings kann sich die Industrie damit auch in den eigenen Fuß schießen, denn weniger PKW bedeutet natürlich auch weniger Absatz.
JEEPZJ5,9liter 11.10.2016
5. Kuhlergrill
Ich möchte mich hier nicht zum autonomen Fahren äußern, ich will nur kurz Bezug nehmen auf einen der Kommentatoren, ider mir vorraus ging: schau dir mal den Kühlergrill älterer Aston Martins an, du wirst eine verblüffende Ähnlichkeit feststellen können, also meiner Meinung nach ist das Design nicht auf Fords Mist gewachsen ??
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