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29. März 2007, 12:19 Uhr

Ford Probe, Baujahr 1992

Rüstiger Renner

Der Ford Probe polarisiert: SPIEGEL-ONLINE-Leser Daniel Wippermann erntet abwechselnd Spott und Bewunderung für sein Fahrzeug. Ein Verkehrsteilnehmer war so begeistert, dass er ausstieg, um einen genaueren Blick zu riskieren – mitten im Kölner Stadtverkehr.

Das Durchschnittsalter der rund 46 Millionen Pkw in Deutschland liegt bei knapp acht Jahren, einige Autos sind noch deutlich älter. SPIEGEL ONLINE testet mit Hilfe der Leser, wo die Stärken und Schwächen des Altmetalls liegen. Diesmal berichtet Daniel Wippermann aus Köln über seinen Ford Probe 2,2 GT aus dem Baujahr 1992.

Daniel Wippermann:
Das Schönste an der A555 sind die wenigen Kilometer ohne Geschwindigkeitsbegrenzung. Die kurze Autobahnverbindung zwischen Köln und Bonn ist eine wahre Rennstrecke für prestigeträchtige Luxusschlitten und sportliche Edel-Flitzer.

Doch auch als Besitzer eines preiswerten Gebraucht-Coupés aus dem vergangenen Jahrhundert kann ich dort auf der linken Spur mühelos mithalten. Dabei spielt das gefahrene Tempo keine Rolle. Denn bei kräftigem Druck aufs Gaspedal setzt der Turbo meines Ford Probe 2,2 GT mit wuchtigem Ruck ein, um die teilverzinkte Stahlkarosse dank 150 PS und einem Drehmoment von 290 Nm bis weit über den Tachoanschlag von 220 km/h hinaus zu beschleunigen.

Im Alltag überzeugt der betagte Zweitürer ebenfalls durch erstaunliche Qualitäten, beispielsweise seine exzellente Verarbeitung, seine Rostimmunität – und seine prima Ausstattung: Dazu zählen nicht nur die Klimaanlage oder die elektrischen Fensterheber, sondern auch die Innenraum-Illumination mit Fond- und Zündschlüsselbeleuchtung. Ein weiteres Highlight ist das per Knopfdruck einstellbare Fahrwerk, das ganz nach Bedarf sportliches, normales oder komfortables Fahren erlaubt. Wen interessieren da noch serienmäßige Details wie ABS oder Servolenkung?

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Polarisierend ist hingegen das Design des exotisch anmutenden Schlafaugen-Oldies. Trotz rahmenlosen Seitenfenstern und starkschultriger Heckpartie mag mein Probe allenfalls Enthusiasten begeistern, die den eigenwilligen Charme dieses Vehikels erkennen. Und von denen gibt es überraschend viele.

Unvergessen bleibt mir die Begegnung mit einem echten Fan im Kölner Stadtverkehr. Begonnen hatte alles mit einem unfreiwilligen Ampelstopp. Trotz grünen Lichtes bremste vor mir ein grellgelber Toyota, aus dem ein Herr mit der Ausstrahlung eines gealterten Preisboxers ausstieg. Anstatt Rot zu sehen, ließ ich das Seitenfenster herab, um zu hören, was er mir wohl zu sagen hätte. Ich erwartete das Schlimmste.

Doch der beleibte Mann im knapp sitzenden Trainingsanzug legte sein großväterlichstes Lächeln auf, um meinen Ford Probe lautstark und in aller Herrlichkeit zu loben. Es rührte mich zutiefst, dass er als ehemaliger Besitzer des gleichen Modells seine Begeisterung für das Fahrzeug so ungehemmt und spontan mit mir teilen wollte.

Im Gegensatz dazu finden Freunde und Kollegen eher spottende Worte, wenn es um meinen rüstigen Renner geht. Am liebsten lästern sie über die provozierende Linienführung der eigentlich so gutmütigen Karosse. Geradezu höhnisch sind ihre Scherze über die vielfältigen Kunststoffapplikationen im Innenraum und die mittlerweile schmutzigweißen Original-Alufelgen im konsequenten Achtziger-Jahre-Look.

Aber spätestens auf der A555 spielt solch oberflächliche Betrachtung keine Rolle mehr – wenn überholten Neuwagenpiloten nur noch der Blick auf die gigantischen Rücklichtleisten meines alten Ford Probe 2,2 GT bleibt.

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