Formel 1 Entdeckung der Schnelligkeit

Der Zeitpunkt ist nicht optimal, um Interesse für die Formel 1 zu wecken. Ein Roter vorneweg, der Rest hinterher. Andererseits: Schon Laien fragen sich, wer je die Dominanz von Schumi und Ferrari brechen wird. Notizen eines F1-Novizen.

Die Alain-Prost-Tanne steht teilnahmslos in der Pfingstsonne, ebenso die Nelson-Piquet-Kugelakazie. Ein paar Meter weitere kippt die Formel-1-Piste des Nürburgrings nach der Start-Ziel-Geraden abrupt ab und schlägt einen Haken nach rechts. "Diese erste Kurve wird vielleicht die wichtigste Kurve der ganzen Saison", sagt David Richards, der Chef des britisch-japanischen Teams BAR-Honda.

Wir sitzen in der Honda-Lounge über der Boxengasse und lauschen den Ausführungen des freundlichen Herren, der 1981 auf dem heißen Stuhl neben Ari Vatanen Rallye-Weltmeister geworden war. Richards, seit drei Jahren Teamchef bei BAR-Honda, erklärt, warum Michael Schumacher alles daransetzen wird, als Erster in die erste Kurve zu preschen. "Dann hat er das Rennen schon halb gewonnen", sagt er und hofft still, dass seine beiden Fahrer zumindest an ihm dranbleiben können.

Es kommt dann genau so, wie Richards es vorhergesagt hat. Schumi schießt als Erster aus der Startformation in die Rechtskurve, kommt früh zum ersten von insgesamt drei Boxenstopps und fährt danach kontrolliert und souverän dem Sieg entgegen. Sein sechster Triumph im siebten Rennen, abhaken.

Was das schon alles? Ist das die "Faszination Formel 1"? Für Neulinge hält ein Formel-1-Rennen bizarre Eindrücke parat. Vor allem: Lärm. Ohrstöpsel sind das wichtigste Utensil für einen Platz an der Strecke. Die Motoren sind nicht nur einfach laut, sie schmerzen am Trommelfell. Zum Lärm kommt das Chaos. Schon früh verliert der ungeübte Beobachter den Überblick, welches Auto an welcher Position im Rennen liegt. Zu Lärm und Chaos kommt die Langeweile. Es geht alles so verdammt schnell, dass sich Spannung gar nicht erst aufbauen kann.

In der Anfangsphase bringt manchmal eine Rempelei die Reihenfolge durcheinander, doch das gibt sich mit Fortdauer des Rennens wieder. Dann ändern sich die Positionen nur noch, wenn die Favoriten die Underdogs überrunden - aus Zuschauersicht ein überaus harmloses Manöver. Oder wenn die Technik versagt, was wegen der weißen Dampfsäulen bei einem Motorplatzer wenigstens spektakulär aussieht.

Es fehlt diesem Sport das Menschliche. Sicher ist es beeindruckend, wie präzise Schumi Bestzeit um Bestzeit auf den Asphalt malt. Nachvollziehbar ist es nicht - etwa wie man einen Freistoß rechts oben in den Winkel von Beckham oder eine Bergankunft von Ullrich nachvollziehen kann.

Selbst beim Pit-Walk, den 45 Minuten der offenen Tür in der Boxengasse, bleibt die Atmosphäre seltsam kühl. Die VIP-Gäste sind vor allem mit ihren Digitalkameras beschäftigt, die Techniker vor allem damit, allzu aufdringliche Motivjäger zu verscheuchen. Hier und da fummeln ein paar Mechaniker unter weißem Kliniklicht an den Autos herum, Reifenstapel sind dekorativ aufgetürmt, Frontflügel fotogen drapiert. Szenen eines Sports, der Hightech, Finanzkraft und Vermarktung immer lückenloser miteinander verzahnt.

Für Emotionen scheint da einfach kein Platz mehr zu sein. Lustig wird es erst, als ein "Schwellkopp-Schumi" durch die Boxengasse spaziert - fürs Erinnerungsfoto. "Der Witz ist, da steckt der echte Schumi drunter", sagt ein Scherzbold. Die am vielen Rot erkennbaren Ferrari-Fans finden es nicht so komisch.

Die Formel 1 ist mehr eine Fernseh- als eine Live-Veranstaltung. Darauf deuten auch die vielen leeren Tribünenplätze am Nürburgring hin. Doch wenn die Fans nicht mehr zu den Rennen kämen, wäre die Raserei um WM-Punkte noch unmenschlicher. Vielleicht sollten die Verantwortlichen noch ein paar Bäumchen pflanzen: Neben Schumacher-Silberpappel, Ecclestone-Eiche oder Alonso-Ahorn unbedingt auch eine Fan-Fichte.

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