Formel-1-Vision Pulse Rennzirkus 3.0

Rennautos ohne Räder, Rennstrecken wie Achterbahnen, Rennfahrer wie futuristische Gladiatoren - das ist Pulse. Ausgedacht hat sich dieses Szenario der deutsche Designer Harald Belker. Sein Ziel ist ein Science-Fiction-Film über die Formel 1 der nächsten Generation.

Harald Belker

Papier ist geduldig, und bis jetzt gibt es Pulse nur auf Papier. Auf 180 Seiten und rund 500 Zeichnungen beschreibt Harald Belker bis ins Detail eine Rennsportwelt, die er kühn für das Jahr 2035 verheißt. 39,95 Dollar kostet das Kompendium als Paperback, 60 Dollar als Hardcover. Wer zu blättern beginnt und die Phantasie auf Drehzahl bringt, taucht ein in eine Fiktion, gegen die das aktuelle Formel-1-Geschehen wirkt wie ein aufgetakelter Verkehrsübungsplatz. "Pulse - the Future of Racing" ist ein bizarr-genialer Entwurf, mit dem Belker auf die Pole Position der Vollgas-Visionäre vorpreschen möchte.

Mit heutigen Formel-1-Boliden haben die von Belker entworfenen, abgemagert und fragil wirkenden Renngeräte kaum noch etwas gemein. "Was die Autos von heute in ihrer Dynamik beschränkt, ist nicht die Leistung, sondern der Reifen. Deshalb habe ich den einfach weggelassen", sagt der Motorsportfan. Dort, wo man üblicherweise Räder erwarten würde, verfügen Belkers Konstrukte über eine Art Stempel. Die Pulse-Renner rasen nämlich via Magnetfeld über eine eng geschlungene Piste. Der limitierende Faktor, sagt der Erfinder, sei bei dieser Art von Rennsport nicht mehr das Material, sondern der Mensch.

"Kurvengeschwindigkeiten, Beschleunigung und vor allem die Verzögerung gehen an die Grenzen der Belastbarkeit", erklärt Belker. Die Renngleiter aus seinem Zeichenstift beschleunigten binnen 9,1 Sekunden von 0 auf 300 km/h und bremsten wieder auf 0.

Der deutsche Pulse-Rennfahrer heißt Thomas Mann

Um das Potenzial der Idee zu verdeutlichen, entwarf Belker neben der Hardware auch gleich die Helden seiner schönen, neuen Rennwelt: Im Buch treten unter anderem Thomas Mann aus Deutschland, Tyler Max aus den USA oder die verführerische Enox van den Berg aus Südafrika auf - selbstverständlich in hautengen Anzügen, unter denen die Muskeln nur so schwellen. Der besonderes Reiz von Pulse bestehe darin, so Belker, dass alle mit der gleichen Technik fahren. Deshalb komme es vor allem auf die Aerodynamik der Rennschlitten, den Mut der Piloten und die Taktik des Teams an.

Das Reglement für die Pulse-Rennserie mit zehn Teams hat sich Belker aus allerlei Sportarten zusammen geklaubt: Wie beim Radfahren gibt es eine Mannschaftswertung und analog zur Rallye-Raserei sind Sonderprüfungen vorgesehen. Und ganz anders als in der Formel 1, in der Rennen bisweilen in der Boxengasse entschieden werden, gibt es bei den Pulse-Wettfahrten eine Fülle von Streckenvarianten. Statt in die pit lane, die Boxengasse, abzubiegen, können Pulse-Piloten während der zweistündigen Rennen in Spezialstrecken wie die Zentrifuge, den Korkenzieher oder die Zickzack-Passage abzweigen. "Die sind zwar noch viel anspruchsvoller als die normalen Kurse, aber da kann man überholen, Zeit gut machen und extra Punkte sammeln", sagt der Designer. Außerdem sehen seine Streckenpläne aufgrund dieser Abkürzungen aus wie eine Modellautorennbahn, die im Drogenrausch zusammengebaut wurde.

Die physikalischen Gesetze blieben nicht völlig unbeachtet

Belker selbst glaubt nicht mal im Traum daran, dass es im Jahr 2035 auf dem Nürburgring, in Monza oder Sao Paulo. einmal so zugehen wird wie in seinem Szenario. Zugleich sagt er: "Ganz ausgeschlossen ist das natürlich nicht." Immerhin habe er in seinem Szenario zumindest rudimentäre physikalische Gesetzmäßigkeiten berücksichtigt.

Für den Endvierziger war das eine Selbstverständlichkeit, immerhin hat er mal Maschinenbau studiert. Nach seiner technischen Ausbildung hat der in Krefeld geborene Belker in Los Angeles noch eine Ausbildung zum Automobildesigner drangehängt und blieb anschließend in Kalifornien. Nur kurz war er noch mal in Deutschland und arbeitete bei Porsche. Danach arbeitete er im damals neu eröffneten Mercedes-Designstudio an der US-Westküste und wechselte von da nach Hollywood.

Der Job in der Autoindustrie sei ihm zu politisch, zu organisiert und zu strategisch geworden, sagt Belker. Über "eine Reihe glücklicher Zufälle" landete er als Transportation-Designer beim Film und zog dort gleich am Anfang das große Los. "Mein erster Auftrag war das neue Batmobil", erinnert sich Belker.

Das Ziel ist ein eigener, großer Kinofilm

Seitdem ist der Exil-Deutsche gut im Geschäft. Er hat für "Spiderman" gezeichnet und für den Film "Minority Report" mit Tom Cruise; er entwirft Raumschiffe und Rennwagen und denkt sich für manche Filme ganze virtuelle Welten aus. Doch die Sache habe einen Nachteil, sagt Belker: "Natürlich weiß die Branche, wer hinter den Entwürfe steckt, und irgendwo steht der eigene Name auch ganz klein im Abspann. Aber den Lorbeer kassieren immer die anderen."

Das sollte anders werden, und deshalb begann Belker vor fünf Jahren, die Idee zu Pulse zu entwickeln. Dahinter stehe nichts als sein eigener Name und eine große Vision, sagt er. Das Buch ist jetzt der erste Schritt zum erhofften Merchandising-Erfolg: Spielzeugautos soll es geben und eine kleine Fernsehserie, über die Belker bereits mit der BBC verhandelt; dazu Videoclips und ein Computerspiel. Das Ziel aber sei ein eigener, großer Kinofilm. Das 180-Seiten-Buch soll dabei auch als Türöffner zu potenziellen Investoren fungieren. "Wenn man 150 Millionen Dollar einsammeln will, ist eine tolle Idee nicht genug. Da muss man auch was vorzeigen können."

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