Forschungsprojekt V300+ Rasen ohne Reue?

Eine deutliche Reduktion der CO2-Emissionen funktioniert – davon sind viele Experten überzeugt – nur mit alternativen Kraftstoffen. Einer davon ist Flüssiggas. Doch dem fehlt der Sexappeal. Forscher aus dem Saarland wollen das ändern und versprechen Rasen ohne Reue.


Der Klimawandel ist das Thema der Stunde und die Automobilindustrie steht in der Pflicht, endlich ihren Beitrag zu einer Reduktion der CO2-Emissionen zu leisten. Während sparsamere Motoren, Hybridantriebe oder gar die Brennstoffzelle noch viel Entwicklungszeit benötigen, könnten sie dieser Forderung mit alternativen Kraftstoffen bereits kurzfristig nachkommen, glauben viele Kritiker.

"Das Leistungspotential der umweltfreundlichen Kraftstoffe ist nach unserer Meinung bei weitem noch nicht ausgeschöpft", sagt Professor Harald Altjohann von der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes, und lenkt den Blick zum Beispiel auf Flüssiggas. Wird dieser auch als "Autogas" bekannte Kraftstoff verbrannt, wird bis zu 18 Prozent weniger CO2 freigesetzt als beim Benziner. Auch an der Zapfsäule geht es sauberer zu. Denn das geschlossene Tanksystem verhindert ein Entweichen von Kohlenwasserstoffen, denen ein deutlich größerer Treibhauseffekt zugeschrieben wird als CO2.

Allerdings fehlt solchen Alternativen bislang der Sexappeal und die Akzeptanz beim Kunden. Zwar machen eher vernunftsorientierte Marken wie Chevrolet oder Subaru eifrig Werbung für die technisch meist problemlose Umrüstung auf den neuen Kraftstoff, der in der Regel in einem Zusatztank in der Reserveradmulde mitgeführt und auf Knopfdruck anstelle von Benzin in die Zylinder gespritzt wird. Doch für Lust und Leistung stehen weder ein Chevrolet Evanda noch ein Subaru Impreza.

Deshalb startet Altjohann mit einer Reihe prominenter Partner ein Forschungsprojekt, das den Antrieb vom Dünkel der Freudlosigkeit befreien soll: "Wir wollen am Beispiel Flüssiggas zeigen, dass Leistung und Umweltschutz sich keinesfalls ausschließen", sagt er und gibt damit den Startschuss für das Vorhaben "V300+", in dem unter dem Patronat des Bundesumweltministeriums und des Saarbrücker Wirtschaftsministeriums gemeinsam mit der Fachhochschule Kaiserslautern und einer Reihe von Partnern aus der Energie- und der Automobilwirtschaft bald sogar ein Geschwindigkeitsrekord fallen soll: Deutlich mehr als 300 km/h sollen zeigen, dass man mit solchen Fahrzeugen flüssig Gas geben kann und beim Rasen nicht immer Reue zeugen muss.

Hochleistungsprojekt soll Serienlösungen bringen

Nach Meinung der bei V300+ Beteiligten kann mit diesem Projekt die Gleichrangigkeit von Flüssiggas als Antriebsenergie eindrucksvoll demonstriert werden. "Wir wollen die Höchstleistung, von der man die gewonnenen Erfahrungen dann nach unten hin zu Serienfahrzeugen transferieren kann", sagt Professor Patrick Klär. "Die Öffentlichkeit wird mit diesem spektakulären Projekt für die Möglichkeiten alternativer Treibstoffkonzepte sensibilisiert."

Ganz neu erfinden müssen die Projektpartner den Sportwagen dafür nicht: Denn als Basis dient ein H1, den Tuner Hartge in das Vorhaben einbringt. Das H klingt zwar nach Wasserstoff, steht aber für einen aufgeblasenen 1er BMW, der bislang – ganz konventionell mit Super Plus befeuert – auf brachiale 550 PS kommt und nun auf den neuen Treibstoff umgerüstet werden soll. Das Projekt V300+ ist bereits das dritte dieser Art. Schon 2001 und 2005 haben Professoren und Studenten der beiden Hochschulen unter Mithilfe der Automobilzulieferer der Region ein Rennfahrzeug aufgebaut und beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring eingesetzt.

Auf die Rennpiste mit Gasantrieb

Mit dem Anspruch des sauberen Sportlers stehen die Saarländer nicht alleine. Beim 24-Stunden-Rennen sind regelmäßig Autos mit Erd- oder Flüssiggas-Antrieb am Start. Und auch in den USA machen sportliche Saubermänner den etablierten PS-Bonzen Konkurrenz. So baut Tesla einen batteriebetriebenen Roadster, der mit einer Beschleunigung von 0 auf 100 in 4,2 Sekunden sogar einem Porsche Boxster Paroli bieten kann. Und von Designer Joe Palumbo kommt die immerhin optisch durchkonstruierte Idee von einem Hybrid-Sportwagen, der es in die Liga der Spitzensportler schaffen soll, in der bislang nur Ferrari oder Lamborghini daheim sind: Sein Traum ist ein Sportwagen, der den Ferrari F430 ebenso aussticht wie den Porsche 911, mit dem man auf der Rennstrecke eine paar Rekorde brechen und danach zum Einkaufen und wieder nach Hause fahren kann – und zwar ohne zwischendurch auch nur einmal zu tanken.

Die zweisitzige Flunder mit einem Alurahmen und einer Kohlefaser-Karosserie wiegt keine 1000 Kilo und wird deshalb bestückt mit einem Hybrid-Antrieb, dem Palumbo 350 PS zuschreibt. Den Standardsprint 0 auf 100 soll er in weniger als vier Sekunden schaffen, und trotzdem soll der Durchschnittsverbrauch nur knapp über fünf Liter liegen. Das könnte, so raunen die Reporter in den amerikanischen PS-Blogs, der Anfang vom Ende des konventionellen Sportwagens sein.



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