Designer über Flugtaxis "Die Geheimwaffe der Zukunft"

Er zeichnete die Neuauflage des Mini und entwarf bei McLaren Sportwagen für Millionäre: Frank Stephenson gilt als einer der einflussreichsten Autodesigner der vergangenen Jahre. Hier erklärt er, warum er künftig abhebt.
Konzeptzeichnung mehrerer Lilium-Jets

Konzeptzeichnung mehrerer Lilium-Jets

Foto: Lillium

SPIEGEL ONLINE: Herr Stephenson, Sie haben als Designer Jahrzehnte in der Autoindustrie gearbeitet. Jetzt wechseln Sie zu Lilium, einem Start-up, das ein Flugtaxi entwickelt. Warum?

Frank Stephenson: Ich finde es unglaublich spannend, an einem neuen Transportmittel zu arbeiten. Wir verändern die Art, wie Menschen sich von A nach B bewegen, grundlegend. Das passiert nicht sehr oft in der Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Gab es bei Ihrer bisherigen Arbeit bereits Berührungspunkte zur Luftfahrt?

Stephenson: Ja, gleich zu Beginn meiner Karriere, beim zweiteiligen Heckflügel des Ford Escort RS Cosworth. Ursprünglich sollte dieser Spoiler sogar drei Teile  haben! Vorbild war die Fokker Dr.I, der Dreidecker aus dem Ersten Weltkrieg, der als Flugzeug des Roten Barons berühmt wurde. Den dritten Spoiler hat damals die Finanzabteilung bei Ford gestrichen, dadurch war die Produktion, wenn ich mich richtig erinnere, zehn Mark billiger. Damit haben sie zwar Geld gespart, aber die Effizienz des Spoilers zerstört und dem Auto Charakter genommen. Der Wagen hätte viel dramatischer ausgesehen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie ein Lieblingsflugzeug?

Stephenson: Wie viel Zeit haben wir? (lacht). Im Ernst: Ich bin vernarrt in die Luftfahrt und mag alle Flugzeuge: alte, aktuelle, zukünftige. Die Fokker Dr. I, der Dreidecker des Roten Barons, war mein allererstes Lieblingsflugzeug. Aber ich schätze auch die Bugatti 100p aus den Dreißigerjahren, die den Geschwindigkeitsrekord für Propellerflugzeuge brechen sollte. Aber auch Spionageflugzeuge wie die SR-71 Blackbird begeistern mich, von den heutigen Flugzeugen faszinieren mich die F-35, die F-22 Raptor oder die Jets von Sukhoi.

SPIEGEL ONLINE: Ist ihr Wechsel nicht auch als Flucht zu verstehen, weil das Auto immer mehr an Bedeutung verliert?

Frank Stephenson: Ich glaube nicht, dass ein Flugtaxi oder irgendein anderes Transportmittel das Auto ersetzen wird. Es wird eine weitere Option im System Mobilität sein - und eine sehr effiziente, weil es die Städte nicht weiter verstopft. Die Menschen merken, dass man nicht noch mehr Fahrzeuge auf die Straße bringen kann, ohne auf moderne Technologien zu setzen.

SPIEGEL ONLINE: Dafür braucht man kein senkrechtstartendes Flugtaxi, selbstfahrende Autos können dieses Problem auch lösen.

Stephenson: Für mich ist das Flugtaxi auch nicht die Lösung, aber eine Lösung. Es ermöglicht Menschen eine völlig neue Art und Weise, zügig von A nach B zu kommen. Für mich ist das die Geheimwaffe für die Zukunft: Ein System, das Menschen nicht nur an ihr Ziel bringt, sondern eines, das sie auch genießen können. Autos und Taxis sind angenehm, aber ein senkrechtstartendes, elektrisches Flugzeug ist allen anderen Optionen überlegen.

SPIEGEL ONLINE: An welche Situationen denken Sie, doch gewiss nicht an die Fahrt vom Bahnhof zum Hotel?

Stephenson: Oft reicht schon der Weg an die Stadtgrenze, um eine Stunde oder länger im Taxi zu sitzen. Außerdem sitzen Menschen am liebsten oberhalb des Verkehrs. Das ist seltsamerweise auch der Grund, warum viele Leute lieber ein SUV fahren: Sie befinden sich weiter oben, in der sogenannten "Command Driving Position", und können auf den Verkehr herunterschauen. Dadurch fühlen sie sich sicherer und besser geschützt.

SPIEGEL ONLINE: Kaum ein Gebiet ist so stark reguliert wie die Luftfahrt. Hat man da als Designer überhaupt angemessene Freiheiten im Vergleich zur Gestaltung eines Autos?

Stephenson: In der Autoindustrie gibt es beim Design vermutlich viel mehr Einschränkungen als bei Flugzeugen, denn die stoßen üblicherweise nicht frontal zusammen. Bei einem Auto gibt es für alles Vorschriften. Wo die Scheinwerfer sein müssen, wie der Ein- und Ausstieg auszusehen hat, alles ist reguliert. Das macht es heute so schwer, ein schönes Auto zu entwerfen. Deshalb haben alle Autos eine ähnliche Ästhetik.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Wechsel für Sie eine Befreiung?

Stephenson: Nein, ich finde es einfach unglaublich aufregend, eine neue Art des Reisens in Angriff zu nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Flugtaxis sind aber beileibe nicht die einzige neue Art, wie Fortbewegung gestaltet werden kann.

Stephenson: Das stimmt. Man kann auch Menschen 500 Kilometer weit durch unterirdische Vakuumröhren schießen. Aber das finde ich uninteressant. Ich will die Reise genießen. Deshalb ist das eVTOL (die Abkürzung eVTOL steht für electric vertical take-off and landing, also ein Flugzeug mit E-Antrieb, das senkrecht startet und landet, Anm. d. Red.) meiner Meinung nach die perfekte Art zu reisen. Man kann die Aussicht genießen und währenddessen viele Dinge erledigen.

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Designer Frank Stephenson: Das sind seine coolsten Entwürfe

Foto: imago/CTK Photo

SPIEGEL ONLINE: Aber was ist mit Menschen, die an Flugangst leiden? Kann ihnen das Design dabei helfen, sich in so einem Flugzeug trotzdem sicher zu fühlen?

Stephenson: Es muss auf den ersten Blick klar werden, dass das Flugzeug sicher ist. Ein Flugzeug mit zwei Triebwerken vermittelt mehr Sicherheit als eines mit nur einem Triebwerk. Das Flugzeug von Lilium hat über 30 E-Motoren, wenn da einer ausfällt, sind noch ziemlich viele übrig. Und das Innere muss so aufregend gestaltet sein, dass sich die Passagiere mehr darauf konzentrieren als auf den Flug selbst.

SPIEGEL ONLINE: Werden auch Elemente aus dem Autodesign ins Flugtaxi einfließen?

Stephenson: Nein, ich möchte keine etablierten Ideen mitbringen. Ich kann aber von meiner Erfahrung mit Supersportwagen profitieren. Aktive Aerodynamik ist da sehr wichtig, damit das Auto auf der Straße klebt. Diese Technologie ist extrem komplex, aber auch bei Flugzeugen anwendbar - nur eben andersherum, jetzt geht es um Auftrieb statt um Anpressdruck.

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