Französische Geländewagen Grande Nation im SUV

Alle Welt baut kompakte Geländewagen. Nur die Franzosen haben bisher den Trend zum SUV verschlafen. Doch jetzt setzen sie die Schlafmütze ab und drängen mit vereinten Kräften auf die Buckelpiste: 2007 kommen die ersten Allradler von Peugeot und Citroën, 2008 zieht Renault nach.


Dem Franzosen ist exotisches Terrain durchaus vertraut. Nicht nur wegen der vielen ehemaligen Kolonien und dem Faible für Nordafrika sind Jean, Luc und Marie weder Wüste noch Dschungel fremd. Nicht umsonst schließlich wurde auch eine der berühmtesten Rallyes, die Langstreckenfahrt nach Dakar, in Paris und nicht etwa in Berlin oder London gestartet. Doch so tief in manchem Franzosen auch ein Abenteuerreisender verwurzelt sein mag, die Automobilhersteller haben das bislang geflissentlich ignoriert.

Zwar hat insbesondere Peugeot jeden zweiten Messestand als Wald oder Wüste gestaltet und eine geländegängige Studie präsentiert. Aber in der Serie waren der Allradantrieb für Kleintransporter wie den Peugeot Partner, ein hochbeiniges Freizeitfahrzeug wie der Citroën Mehari oder der grandios gescheiterte Allradvan Renault Scénic RX4 das höchste der Gefühle. Auch weil sie in den USA als Mutterland des Sport Utility Vehicles (SUV) überhaupt nicht vertreten sind, haben sie dieses Feld kampflos den Asiaten überlassen. Doch nun sind Peugeot, Citroën und Renault die Erosion des Kundenstammes leid und steuern mit einer Offroad-Offensive gegen.

Den Anfang machen die Schwestermarken Peugeot und Citroën, die nun die ersten Fotos ihrer Geländewagen veröffentlicht haben. Bei der Löwenmarke wird der erste Offroader in der jüngeren Geschichte die Nummer 4007 tragen; mit dem Doppelwinkel im Kühlergrill hört er auf den Namen C-Crosser. Damit durchbrechen beide Marken ihre übliche Nomenklatur, die bei Peugeot für gewöhnlich nur eine Null und bei Citroën in der Regel eine Zahl hinter dem C vorsieht. Das sei auch ein Ausdruck für das neue Terrain, das sie mit den beiden Modellen im wörtlichen wie im übertragenen Sinn befahren, argumentieren die PSA-Töchter.

Zwar sind die Autos technisch nahezu identisch. Doch im Auftritt machen beide Marken einen großen Unterschied. So reißt das Löwenmodell ganz gewaltig seine Klappe auf und drückt dem vorausfahrenden Verkehr ein Kühlermaul in den Rückspiegel, das selbst den Rachen des Porsche Cayenne zierlich wirken lässt und so gefährlich anmutet, dass es die Designer vorsichtshalber vergittert haben. Bei Citroën dagegen nehmen sich die Kreativen ein wenig zurück und setzen auf eine geglättete Front, die wie üblich von dem ins Blech geschnittenen Doppelwinkel durchzogen wird.

Geländegänger mit viel Platz

Innen wollen die Franzosen die Variabilität und das Platzangebot eines Vans gewahrt wissen. Deshalb gibt es den 4,64 Meter langen Geländegänger bei einem Radstand von 2,67 Metern – vermutlich allerdings gegen Aufpreis – auch mit drei Sitzreihen. Dabei kann die letzte Bank nicht nur im Wagenboden versenkt werden. Sondern ähnlich wie in einer Großraumlimousine lässt sich zudem die zweite Reihe in Längsrichtung verschieben. So gewinnt man wahlweise acht Zentimeter mehr Raum für die Knie oder die Koffer. Außerdem kann die asymmetrisch geteilte Rückbank vom Kofferraum aus elektrisch versenkt werden, was die Hersteller als Novum in dieser Klasse feiern. Wie groß der Gepäckraum sein wird, haben die Franzosen noch nicht verraten. Nur dass es eine geteilte Heckklappe geben soll, ist schon amtlich.

Ebenfalls noch dürftig sind die Angaben zum Motorprogramm. Bislang haben die beiden Unternehmen lediglich einen neuen Common-Rail-Diesel annonciert, der aus 2,2 Litern Hubraum 115 kW/156 PS schöpfen und mit bis zu 380 Nm zu Werke gehen soll. Er wird mit sechs Gängen dirigiert und gibt seine Kraft auf Knopfdruck wahlweise an die Vorderachse oder an alle vier Räder ab. Für schweres Terrain gibt es zudem eine Differentialsperre. Wie schnell er fährt und was er verbraucht, lassen die Hersteller noch offen. Nur dass er schön sauber ist, stellen sie schon einmal heraus. Dafür sorgt neben dem serienmäßigen Partikelfilter vor allem das breite Treibstoffspektrum: Als einer der ersten modernen Motoren kann er mit einer Beimischung von bis zu 30 Prozent Biosprit leben.

Französisch-japanische Freundschaft

Lange werden Peugeot und Citroën aber nicht alleine bleiben. Auch Renault scharrt schon mit den Hufen und hat deshalb auf dem Pariser Salon die Studie Koleos enthüllt. Sie ist zwar schon relativ nahe an der Realität, wird aber Konzernchef Carlos Ghosn zufolge erst "in der ersten Hälfte 2008" auf den Markt kommen. Positioniert als "modernes Stadtfahrzeug mit Geländefähigkeiten" ist dieses Auto deutlich zierlicher als die beiden PSA-Modelle. Gut 20 Zentimeter kürzer wird es deshalb auch nur über zwei Sitzreihen verfügen. Dafür allerdings bekommt der Großstadtindianer mit seinem Zwei-Liter-Diesel mit 177 PS den stärkeren Motor und mit der vollkommen variablen Kraftverteilung womöglich auch den intelligenteren Allradantrieb.

So ganz alleine schaffen es Franzosen allerdings nicht auf die Buckelpiste. Denn Renault baut dabei auf das Know-how der koreanischen Tochter Samsung. Und Peugeot und Citroën nutzen die Technik von Mitsubishi. Wer nicht bis zum Herbst auf 4007 und C-Crosser warten möchte, bekommt das gleiche Auto deshalb schon ein paar Wochen früher auch als neuen Outlander.



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