Frühe VW-Modelle Wie der Käfer in Form kam

Versuchswagen, Vorserien-Autos und das Urmodell des Porsche: Im Hamburger Automuseum Prototyp sind die Ahnen des späteren VW-Bestsellers Käfer zu bestaunen. Darunter einige Volkswagen, die nach mehr als 70 Jahren erstmals wieder in ihrem ursprünglichen Zustand glänzen.

Porsche Archiv

Wo bitte geht's zum Käfer? Wer Ende der dreißiger Jahre in der "Stadt des KdF-Wagens" den Weg zum Volkswagenwerk nicht fand, dem zeigten Hinweisschilder im Stil putziger Wander-Wegweiser, wo es lang ging. Im Hamburger Automuseum Prototyp führt ein solcher Holzpfeil mit Käfer-Relief in die kleine, aber feine Sonderausstellung "Archetypen - die ersten Volkswagen".

"Wir haben so ein Schild einfach mal nachschnitzen lassen", sagt Thomas König, der gemeinsam mit Oliver Schmidt das Museum initiiert hat und auch den laufenden Betrieb sicherstellt. Denn der Wegweiser ist nicht nur ein skurriles Relikt, sondern zugleich ein Fingerzeig darauf, mit wie viel Aufwand der Volkswagen schon propagandistisch vermarktet wurde, lange bevor das erste Serienexemplar aus den Werkshallen rollte. Verfügbar waren Merchandising-Artikel wie Anstecker, Kalender, Kinderbücher, Blechmodelle, sogar Likörfläschchen in Käfer-Form: Mit all dem ließ die NS-Organisation "Kraft durch Freude" Ende der dreißiger Jahre für das Einheitsauto werben, das die Volksgemeinschaft zum Preis von 990 Reichsmark mobil machen sollte. "Fünf Mark die Woche musst Du sparen, willst Du im eigenen Wagen fahren" - getreu diesem Merksatz zahlten bis Kriegsende fast 337.000 Sparer insgesamt 268 Millionen Reichsmark ein - ohne dass allerdings je einer von ihnen dafür den vierrädrigen Gegenwert erhielt.

Viele Überbleibsel dieser Werbekampagne sind nun im Museum Prototyp zu sehen, ergänzt um Aufzeichnungen und Fotoalben der Ingenieure, die Ende der dreißiger Jahre die verschiedenen Volkswagen-Prototypen auf ausgedehnten Testfahrten über die ersten Autobahnen trieben. Hauptdarsteller der Sonderausstellung aber sind natürlich die Käfer-Vorläufer selbst. In Zusammenarbeit mit Volkswagen und der passionierten VW-Sammlerfamilie Grundmann haben König und Schmidt diverse Urahnen des späteren Käfers aus den Jahren 1934 bis 1942 zusammengetragen, an denen die schrittweise Entwicklung zum späteren Weltbestseller ablesbar ist.

So steht dem einzig erhaltenen Prototypen vom Typ 32, mit dem Ferdinand Porsche bereits 1934 im NSU-Auftrag die Käfer-Konzeption vorwegnahm, ein originalgetreu rekonstruierter KdF-Versuchswagen von 1936/37 gegenüber. Und ein Duo aus Kübel- und Schwimmwagen aus den ersten Kriegsjahren dokumentiert, wie einfach sich Porsches Schöpfung an die Bedürfnisse der Wehrmacht anpassen ließ.

Ein früher Käfer von 1938 und einer der berühmten "Berlin-Rom-Wagen"

Die Prunkstücke aber sind zwei in schwarzem Nitrolack glänzende Volkswagen, die nach ihrer Wiederherstellung zum ersten Mal überhaupt der Öffentlichkeit präsentiert werden: ein Vorserien-Käfer von 1938 und ein Exemplar des legendären "Berlin-Rom-Wagens" aus dem Folgejahr.

Der Käfer mit der Chassis-Nummer 38/06 fand 2009 zurück nach Deutschland, nachdem ihn Vater und Sohn Grundmann bis auf die Grundsubstanz verschlissen in Litauen entdeckt hatten. Dort war er nach dem Krieg als Beutegut jahrzehntelang im Einsatz gewesen, wobei er Brezelfenster, Teile der Bodengruppe und irgendwann auch seinen Boxermotor einbüßte. Nach der Wiederbelebung durch die Grundmanns ist der 38er nun bis hin zum typischen Bremslicht im Griff der Motorklappe in seinen Geburtszustand zurückversetzt.

Der Kontrapunkt zum Käfer: Das auf dem gleichen Fahrgestell basierende Stromlinien-Coupé Typ 60 K 10, das Ferdinand Porsche 1939 für eine geplante Propaganda-Fernfahrt von Berlin nach Rom konstruierte. Deren Start wurde durch den Kriegsbeginn verhindert, und von den drei gebauten "Berlin-Rom-Wagen" überlebte nur einer halbwegs unbeschadet den Krieg. Aus den Relikten eines zweiten Exemplars aber konnten die Prototyp-Macher in zehnjähriger Arbeit den Ur-Porsche neu aufbauen. 40 PS leistet der Boxermotor im Heck, der den überwiegend aus Leichtmetall gebauten Wagen auf das sagenhafte Tempo von 175 Stundenkilometer beschleunigen könnte. "Allerdings würde man einen sehr langen Anlauf brauchen, um dieses Tempo zu erreichen", sagt Thomas König. Und er macht dabei nicht den Eindruck, als würde er seiner Preziose diese Anstrengung wirklich zumuten wollen.

Die Ausstellung "Archetypen. Die ersten Volkswagen" ist bis zum 15. Juni 2011 im Automuseum Prototyp in der Hamburger Hafencity zu sehen.

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fuzzi-vom-dienst 03.05.2011
1. Suche ...
Ich habe vor vielleicht 20 Jahren mal irgendwo in einem Automusuem oder vielleicht auch im Deutschen Museum in München einen Käfer gesehen, der - laut Ausstellungstafel - mit einem etwa 15 - 20 PS starken Diesel-Motor (Boxer !) ausgestattet war. Das Aussstellungsstück war ausdrücklich als einziger existierender Prototyp eines Diesel-Käfers bezeichnet. Wer kann helfen? WO könnte das Fahrzeug stehen?
olleolaf 03.05.2011
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Zitat von fuzzi-vom-dienstIch habe vor vielleicht 20 Jahren mal irgendwo in einem Automusuem oder vielleicht auch im Deutschen Museum in München einen Käfer gesehen, der - laut Ausstellungstafel - mit einem etwa 15 - 20 PS starken Diesel-Motor (Boxer !) ausgestattet war. Das Aussstellungsstück war ausdrücklich als einziger existierender Prototyp eines Diesel-Käfers bezeichnet. Wer kann helfen? WO könnte das Fahrzeug stehen?
Meinen Sie diesen: http://www.autobild.de/klassik/artikel/ein-kaefer-mit-dieselmotor-765608.html ??
fuzzi-vom-dienst 03.05.2011
3. Danke!
Zitat von olleolafMeinen Sie diesen: http://www.autobild.de/klassik/artikel/ein-kaefer-mit-dieselmotor-765608.html ??
Danke für die Blitz-Antwort! Die Sache hat nur den Haken, dass ich noch nie im Porsche-Museum war; aber vielleicht war das Fahrzeug auch mal an ein anderes Museum ausgeliehen worden? So etwas gibt es ja öfters mal zwischen den verschiedenen Museen! Nochmals Danke für den Tipp!
mauimeyer 03.05.2011
4. Danke für diesen Bericht!
Zitat von sysopVersuchswagen, Vorserien-Autos und das Urmodell des Porsche: Im Hamburger Automuseum Prototyp sind die Ahnen des späteren VW-Bestsellers Käfer*zu bestaunen. Darunter einige Volkswagen, die nach mehr als 70 Jahren erstmals wieder in ihrem ursprünglichen Zustand glänzen. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,759006,00.html
Super Bericht! Man muß großen Respekt vor den Konstrukteuren haben, die diese Autos vor 75 Jahren gebaut haben! Das Ganze noch ohne Computer nur mit dem Rechenschieber. Das Wort "Innovation" hat bestimmt niemand aus Bescheidenheit in den Mund genommen. Damals ging es darum, Menschen ein Auto zu bieten, die sich das vorher nie hätten leisten können. Dabei wurden "bewährte" Konstruktionsprinzipien verlassen und mal echt neue Sachen gemacht! Dagegen ist das Marketing-Geschwurbel von heute Schwachsinn! Diesen Pioniergeist heute und wir hätten das energieeffiziente Alltagsauto! In Göttingen hat Pabst von Oheim das Strahltriebwerk entwickelt und Hahn und Meitner haben die Kernspaltung geschafft! Ich verneige mich vor den Wissenschaftlern und Ingenieuren dieser Zeit! Sie haben maßgeblich zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen! Kauri
wakaba 04.05.2011
5. Richtig bemerkt
Zitat von mauimeyerSuper Bericht! Man muß großen Respekt vor den Konstrukteuren haben, die diese Autos vor 75 Jahren gebaut haben! Das Ganze noch ohne Computer nur mit dem Rechenschieber. Das Wort "Innovation" hat bestimmt niemand aus Bescheidenheit in den Mund genommen. Damals ging es darum, Menschen ein Auto zu bieten, die sich das vorher nie hätten leisten können. Dabei wurden "bewährte" Konstruktionsprinzipien verlassen und mal echt neue Sachen gemacht! Dagegen ist das Marketing-Geschwurbel von heute Schwachsinn! Diesen Pioniergeist heute und wir hätten das energieeffiziente Alltagsauto! In Göttingen hat Pabst von Oheim das Strahltriebwerk entwickelt und Hahn und Meitner haben die Kernspaltung geschafft! Ich verneige mich vor den Wissenschaftlern und Ingenieuren dieser Zeit! Sie haben maßgeblich zu unserem heutigen Wohlstand beigetragen! Kauri
Grosse Entwürfe passieren mit Bleistift, Papier und 1-2 Gehirnen. Das Komiteeprinzip ist, wie man an VW und den meisten Anderen täglich erleben darf, einfach nur zum Scheitern verurteilt. Das gibt dann unteren Durchschnitt für den unteren Durchschnitt. Leider ist Porsche alles andere als ein begnadeter Konstrukteur - er ist und bleibt ein Nazi-Opportunist und KZ Betreiber. Das Konzept Plattform und (lufgekühlter!!)Heckantrieb war bereits 1930 Makulatur und ein absoluter Schmarrn. In einem Kleinwagen handelt man sich nur Nachteile ein. Ein Sportwagen mit Heckmotor ist undenkbar - ein 911er heute noch ein Pseudosportler der nur mit vielen technisch fragwürdigen Lösungen einigermassen auf der Strasse zu halten ist.
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