Scheuers Führerscheinpläne für Motorräder Gegen die Wand

Motorradfahren fordert Können und Körpereinsatz - mit Autofahren hat es nichts zu tun. Dass Verkehrsminister Scheuer Autofahrer in Scharen ohne Prüfung aufs Motorrad lassen will, ist daher vor allem: gefährlich.

DPA

Ein Kommentar von


Motorradfahren gehört zu den besten Dingen, die das Leben bereithält. Deshalb sollten möglichst viele Menschen Motorrad fahren - aber nicht so, wie es der Bundesverkehrsminister will. Denn wer Autofahrer nach einer Theoriestunde und ein paar Runden um eine Handvoll Hütchen auf irgendeinem Verkehrsübungsplatz auf eine 100 km/h schnelle A1-Maschine setzt, hat vom Motorradfahren nichts verstanden. Dort lernt man zwar, wie sich ein Motorrad bei langsamer Fahrt verhält - was bei Landstraßentempo passiert, allerdings nicht. Und damit schickt man die Neu-Biker mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht ins Glück, sondern in den Tod.

Ein Motorrad schnell und gleichzeitig sicher zu bewegen, hat mit Autofahren absolut nichts gemein. Auf dem Motorrad wirken die Kräfte der Physik viel unmittelbarer und extremer als im Auto, damit umzugehen, muss langsam erlernt werden. Ansonsten gefährde ich mit einem Verhalten, das im Auto keinerlei Konsequenzen hat, mich und andere.

Gut Autofahren hat nichts mit Motorradfahren zu tun

Wer im Auto in einer Kurve vor Schreck plötzlich bremst, kommt mit etwas Untersteuern davon - den Rest regeln ABS und ESP. Vier Räder sorgen eben für viel Stabilität. Passiert das dem frisch motorradfahrenden Autofahrer auf seiner A1-Maschine und er greift instinktiv in die Vorderradbremse, stellt sich die Maschine dadurch ruckartig auf und katapultiert ihn von der Straße.

Ein normales ABS hilft in so einer Situation nicht. Es gibt Systeme, die so einen Unfall verhindern können, indem sie die Neigung der Maschine erkennen und den Bremsdruck entsprechend anpassen. Sie aber sind in der Regel in größeren und teureren Maschinen verbaut - nicht aber bei günstigen 125-Kubik-Maschinen.

Auch dem auf einer schmalen Landstraße plötzlich entgegenkommenden Bus weiche ich im Auto mit einer behänden Lenkbewegung aus. Denn das Auto folgt den Händen des Fahrers. Beim Motorrad ist das ganz anders. Gerade bei höheren Geschwindigkeiten wird kaum noch mit dem Lenker die Richtung bestimmt, die Ausschläge sind minimal. Vielmehr wird mit dem ganzen Körper gelenkt - und der folgt wiederum der Blickrichtung des Fahrers.

Nur wer übt, fährt gut Motorrad

Motorrad fahren ist vielmehr wie Reiten, wo ich das Pferd auch nicht nur mit dem Zügel dirigiere, sondern mit dem Einsatz von Oberschenkel und Hüfte. Nur wenn ich mit meiner Maschine wie mit einem Pferd verschmelze, Körper und Blickrichtung sie führen, fahre ich in solchen Situationen sicher. Starre ich dagegen wie gebannt auf den Bus, kann ich an ihm vorbeilenken wie ich will, ich ende als blutiger Klumpen an der Front des Busses - oder eventuell sogar als Geschoss im Inneren.

Solche Unfälle sind vermeidbar, das erfordert jedoch Training auf Übungsplätzen und der Landstraße - und genau deshalb ist der Motorradführerschein vollkommen zu recht einer der schwersten Führerscheine. Wer ihn leichter oder gar überflüssig macht, nimmt mutwillig Verletzte und Tote in Kauf.

Fotostrecke

7  Bilder
Führerschein-Reform: Diese Motorräder dürften Autofahrer bald nutzen

Dabei sollte auch der Führerschein auf dem Motorrad nur der Anfang sein. Sicher Motorrad zu fahren erfordert körperliche sowie mentale Fitness und konstantes Arbeiten an den eigenen Fähigkeiten über das in der Fahrschule erreichte Niveau hinaus. Ein Beispiel: Der Mensch legt sich von Natur aus instinktiv nicht weiter als 20 Grad in eine Kurve. Die meisten Reifen und Motorräder erlauben aber 50 Grad und mehr.

Pflicht zur Fahrsicherheit statt A1 für alle

Das ist kein überflüssiges Extra für die Rennstrecke, sondern eine sinnvolle Sicherheitsreserve, die Leben retten kann. Soweit nach unten oder schnell wieder in eine aufrechte Position zu kommen, muss aber gelernt werden, am besten mit einem Instruktor. Dann lässt sich das plötzliche Hindernis in der Kurve einfach umfahren und die Schräglage ersetzt dann den fatalen Griff in die Vorderradbremse.

Regelmäßige Fahrsicherheitskurse und die Teilnahme an einem Schräglagentraining sind das, was das Bundesverkehrsministerium eigentlich vorschreiben sollte. Trotzdem ist Andreas Scheuers Idee, mit Zweirädern für mehr Mobilität sorgen zu wollen, nicht grundsätzlich falsch. Denn die sind kleiner und sparsamer als Autos und können so vor allem Städte entlasten.

Doch dafür würde es auch ausreichen, das Geschwindigkeitslimit der kleinen, bereits im Autoführerschein enthaltenen Roller von 45 auf 60 km/h zu erhöhen. Denn die könnten dann einfach im Verkehr mitschwimmen und wären für viele eine gute Alternative zum Auto.

Null Verkehrstote sind so nicht erreichbar

Wie gefährlich stattdessen der aktuelle Plan des Ministers ist, zeigt der Blick auf eine klassische Zweirad-Risikogruppe: Die "Neu- und Wiedereinsteiger" zwischen 45 und 55 Jahren. Männer und Frauen mittleren Alters, die sich sicher sind, sie könnten noch genauso gut Motorrad fahren wie vor 20 Jahren und sich deshalb direkt wieder aufs Motorrad schwingen.

129 Motorradfahrer in diesem Alter starben im Jahr 2017 auf deutschen Straßen, 583 waren es insgesamt. Jeder von ihnen ist einer zu viel. Diese Zahlen auf null zu bringen, wäre eigentlich die Aufgabe eines Bundesverkehrsministers. Doch der arbeitet offensichtlich auf das Gegenteil hin.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/ stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.



insgesamt 314 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Baalsebul 20.06.2019
1. Gleichheit?
Ältere Semester dürfen doch auch jetzt schon 125 Kubikcm Mopeds fahren - lediglich mit dem PKW-Führerschein. Wo ist das große Problem?
AlterNamenloser 20.06.2019
2. Einfach ignorieren
Andere haben das auch bereits geschrieben, aber ich will es ebenfalls mit meiner Blickrichtung loswerden. Bitte ignoriert das Thema einfach. Das Thema mit dem der Verkehrsminister auf billige Art und Weise von der Maut-Schlapper abzulenken versucht. Liebe Grüße
klichti 20.06.2019
3.
Sie haben ja so recht. Seit fast 40 Jahren fahre ich jetzt unfallfrei Motorrad, das hätte ich sicher nicht ohne intensive Schulung ... Äh. Verzeihung, das habe ich nach der langen Zeit schon fast vergessen: bei mir war seinerzeit der Motorrad-Führerschein ein Anhängsel beim Auto-Führerschein, genau das, was Scheuer wohl einführen will. Wer sich einbildet, daß 16 oder 20 oder von mir aus 50 Stunden Praxistraining was anderes bringen als eine schöne Subvention für die Fahrschulen, der hat selber noch keine Maschine bewegt. Haben Sie?
ddcoe 20.06.2019
4. Absolut richtig
Das merkt jeder erfahrene Motorradfahrer, wenn er nach der Winterpause die ersten Fahrten macht. Aber Verkehrskasper Scheuer ist ja bisher auch weder durch Kompetenz, noch durch Ahnung von irgendwas aufgefallen. Scheuer ist als dümmlichen Dampfplauderer allenfalls Bierzelttauglich. Als Minister ist er nur eine Schande und Zumutung.
flevo66 20.06.2019
5. Es ist doch bereits ein Wahnsinn...
Die Fahrzeuge müssen allesamt regelmäßig zur technischen Überprüfung, die Fahrer werden erst im Schadenfall begutachtet (siehe u.a. die zahlreichen "Seniorenunfälle" der letzten Zeit). Darüber mache ich mir deutlich mehr Sorgen, als über die Möglichkeit alternative Mobilitätsformen selbst erleben zu dürfen, bzw. es anderen zu gestatten. Die Diskussion zur Verkehrssicherheit erfolgt doch mit gespaltener Zunge… Lobbyarbeit sei Dank...
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.