Neue Führerscheinregeln Autofahrer sollen ohne Prüfung Motorräder fahren dürfen

Verkehrsminister Andreas Scheuer will nach SPIEGEL-Informationen die Führerscheinregeln ändern: Bald soll jeder Autofahrer auch Motorrad fahren dürfen - mehr als 100 km/h schnell. Experten sind entsetzt.

Leichtmotorrad (in Lissabon)
Carlos Costa/ NurPhoto/ Getty Images

Leichtmotorrad (in Lissabon)

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Die Bundesregierung möchte den Zugang zum Motorradfahren deutlich erleichtern. Zukünftig soll jeder mit seinem Autoführerschein sogenannte Leichtkrafträder fahren dürfen, ohne dafür wie bisher eine zusätzliche Ausbildung und Prüfung absolvieren zu müssen. Es sind lediglich wenige Übungsstunden vorgesehen, wie aus einem Entwurf für eine Änderung der Fahrerlaubnis-Verordnung hervorgeht, der dem SPIEGEL vorliegt.

Unfallexperten sind entsetzt von dem Vorschlag. Man sehe "keine hinreichenden Gründe, den Zugang zur zweitgefährlichsten Fahrzeugklasse auf deutschen Straßen zu lockern", heißt es in einer Stellungnahme des Deutschen Verkehrssicherheitsrats. Noch gefährlicher sind in der Systematik des Rates lediglich Motorräder einer höheren Hubraumklasse. Experten erwarten unisono, dass nach der Änderung mehr Menschen bei Motorradunfällen getötet oder verletzt werden würden.

Andreas Scheuer (CSU)
DPA

Andreas Scheuer (CSU)

Auch die bundeseigene Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) rät von der Idee ab. Es könne davon ausgegangen werden, dass es "zu einer Erhöhung der Verunglücktenzahlen insgesamt kommen würde", heißt es in einer Analyse, die dem SPIEGEL vorliegt. Eine Modifikation der derzeitigen Regelungen werde "aus wissenschaftlicher Sicht nicht empfohlen".

Doch im Bundesverkehrsministerium von Andreas Scheuer (CSU) scheint man die Empfehlung der eigenen Experten ignorieren zu wollen. Eine SPIEGEL-Anfrage ließ sein Haus unbeantwortet. Der vorgelegte Entwurf greift die Kritik nicht auf, sondern sieht vor:

  • Autofahrer könnten ihren B-Klasse-Führerschein demnach zukünftig um eine sogenannte Schlüsselzahl 195 erweitern. Damit dürfen sie leichte Motorräder fahren. Typische Hersteller sind Piaggio, Yamaha, oder KTM. Die Leichtkrafträder haben maximal 15 PS, können aber über 100 km/h schnell fahren. Bisher war dafür der separate Führerschein A1 notwendig.
  • Eine Prüfung und umfangreiche Ausbildung auf dem Motorrad sind nicht mehr nötig. Stattdessen reicht es, wenn der Autofahrer eine 90-minütige Theorieeinheit und sechs praktische Fahrstunden absolviert. Letztere können außerhalb des Straßenverkehrs stattfinden, etwa auf einem Verkehrsübungsplatz.
  • Der Autofahrer muss mindestens 25 Jahre alt sein und seinen Führerschein seit mindestens fünf Jahren besitzen.

Warum Scheuer die Führerscheinregeln lockern will, geht aus dem Entwurf nicht hervor. Darin heißt es lediglich, der Gesetzgeber wolle Gestaltungsmöglichkeiten nutzen, die ihm das EU-Recht gewährt. Ziel sei es, mehr Mobilität insbesondere im ländlichen Raum zu ermöglichen, hieß es am Donnerstag aus dem Ministerium, nachdem der Entwurf öffentlich wurde.

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Von den Änderungen profitieren würden außer den Motorradherstellern auch Sharinganbieter. Sie könnten Motorroller verleihen, die schneller sind als die bisher üblichen 45 km/h.

Österreich hat die Regeln bereits liberalisiert - die Erfahrungen sind laut Bast-Analyse nicht gut. Die Regelung habe "zu einer deutlich erkennbaren Verschlechterung der Verkehrssicherheit beigetragen". Auch in Deutschland gab es bis April 1980 eine sogenannte Einschlussregelung. Wer damals einen Autoführerschein (Klasse 3) gemacht hat, darf auch heute noch Leichtkrafträder fahren. Allerdings sieht die Bast genau für diese Altersgruppe auch deutlich erhöhte Unfallzahlen.

Der Verkehrssicherheitsrat sieht mit der geplanten Regelung besonders Menschen im Alter zwischen 45 und 55 Jahren als gefährdet an. Diese "Neu- und Wiedereinsteiger" gelten - neben ganz jungen Fahrern - als Risikogruppe. Die neuen Regeln würden "zu einer geradezu unverantwortlichen Exposition dieser Menschen ohne die notwendige Vorbereitung auf die spezifischen Risiken des Fahrens motorisierter Zweiräder mit hohen Geschwindigkeiten führen", so die Experten.

Versicherer sehen Widerspruch zum Ziel von weniger Toten

Minister Scheuer ruft mit seinem Vorschlag zum wiederholten Mal Kritik von Fachleuten für Unfallforschung hervor. Anfang des Jahres schloss der CSU-Politiker ein generelles Tempolimit auf Autobahnen kategorisch aus. Dabei gibt es deutliche Hinweise, dass dieses die Zahl der Unfalltoten reduzieren könnte. Dann gab es heftigen Widerstand gegen Scheuers Vorschlag, E-Tretroller auf Gehwegen fahren zu lassen. Erst die Bundesländer stoppten diese Idee, um Fußgänger zu schützen.

Auch bei dem nun betroffenen Entwurf für Motorräder entstehe der Eindruck, "dass erneut die Schaffung von Mobilitätsoptionen höher priorisiert wird als deren Konsequenzen für die Verkehrssicherheit", kritisiert die Unfallforschung der deutschen Versicherer in ihrer Stellungnahme, die dem SPIEGEL vorliegt. Das Vorhaben stehe "in offensichtlichem Widerspruch" zu dem Ziel der Bundesregierung, die Zahl getöteter Motorradfahrer zu reduzieren.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
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Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
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Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
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Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
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Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

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An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/ stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

insgesamt 574 Beiträge
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frank_w_abagnale 20.06.2019
1. Freie Fahrt für freie Bürger!
Warum nicht? Entbürokratisierung ist immer gut. Und es sollte auch nie der Grundsatz "Freie Fahrt für freie Bürger!" vergessen werden.
claus7447 20.06.2019
2. Wenn ich sehr, sehr sarkastisch denke..
Hat sich Scheuer mit Spahn verbündet um die Zahl der Organspender zu erhöhen! Was tut dieser Minister, offensichtlich völlig ungeeignet!
steve_burnside 20.06.2019
3. Soll das die Reaktion auf die gefloppte Maut sein?
Scheurer will sich wohl unbedingt jetzt profilieren, da geht er über Leichen. Nämlich genau die wären die Folge, wenn diese unsinnige Regelung durchkäme. Aber es gibt ja zum Glück noch Instanzen, die so etwas zu verhindern wissen. Das wird nur wieder ein weiterer Rohrkrepierer der CSU.
crazy_swayze 20.06.2019
4. Überschrift
Wer sich an das Absolvieren seines Autoführerscheins erinnert, weiß, dass er dort nur rudimentäre Fahrkenntnis erhalten hat. Autofahren lernt man beim Fahren nach seiner Prüfung. Daher halte ich es für vorgeschobene Argumente, dass Menschen, die bereits über 5 Jahre am Straßenverkehr teilnehmen, nicht auch einen A1 auf verkürztem Wege machen können, weil dies zu gefährlich sei. Hier wollen Fahrschulen ihre Pfründe sichern. Im Hinblick auf Umweltschutz ist es vorteilhaft, wenn E-Motorräder mit bis über 100 kmh über sharing leichter gefahren werden dürfen. Die 45 kmh sind ja vielen zu langsam, weil man so immer ein Bremsklotz im Verkehr ist. Vor allem außerorts.
skylarkin 20.06.2019
5.
Ich bin entsetzt, dass Spiegel online unterschlägt, dass wer seinen Führereschein vor 1980 gemacht hat, also wohl 57 Jahre oder älter ist (mein Vater fährt mit 75 einen 125er Roller), solche Kleinkrafträder schon lange fahren darf. Bedeutet wer älter, oder sogar alt und gebrechlich ist, darf sich problemlos ohne Prüfung oder zusätzliche Stunden auf so ein Motorrad/Roller setzen, wer jünger, erfahren und gesund ist, nicht. Diese Unlogik und Ungerechtiigkeit wird mit dem Vorhaben endlich beendet. Das bei der Möglichkeit einer zusätzlichen Nutzung eines Verkehrsmittels auch zusätzliche Gefahren entstehen liegt in der Natur der Sache, scheint aber bei der Einführung von elektrischen Rollern, Pedelecs und ähnlichem aber nie eine Rolle zu spielen. Die kann jeder ohne Helm, Prüfung und Erfahrung nutzen.
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