Verkehrsminister Bayern hat Sicherheitsbedenken gegen Scheuers Motorrad-Pläne

CSU-Verkehrsminister Scheuer will Autofahrer ohne weitere Prüfung Motorrad fahren lassen - und kassierte Kritik von Unfallexperten und dem ADAC. Laut einem Medienbericht ist auch ein bayerisches Ministerium skeptisch.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU): Auch das CSU-Innenministerium im heimischen Bayern hält wenig von der Idee, Autofahrer ohne Prüfung Motorrad fahren zu lassen
Sean Gallup/ Getty Images

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU): Auch das CSU-Innenministerium im heimischen Bayern hält wenig von der Idee, Autofahrer ohne Prüfung Motorrad fahren zu lassen


Die Pläne von Andreas Scheuer (CSU), Autofahrern den Zugang zum Motorradfahren deutlich zu erleichtern, stoßen auch bei den Parteifreunden in der Heimat des Bundesverkehrsministers auf deutliche Ablehnung: Das von der CSU geführte bayerische Innenministerium hält laut dem Bayerischen Rundfunk (BR) das Vorhaben für gefährlich. Bayern habe demnach gegenüber dem Bund Bedenken angemeldet.

In dieser Woche war ein Entwurf aus Scheuers Bundesverkehrsministerium bekannt geworden. Dieser sieht vor, dass Autofahrer, die mindestens 25 Jahre alt sind und den Führerschein länger als fünf Jahre besitzen, ohne zusätzliche Prüfung ein Leichtkraftrad der Klasse A1 mit maximal 15 PS fahren dürfen, die aber teilweise Geschwindigkeiten von mehr als 100 km/h erreichen können. Gefordert werden soll nach SPIEGEL-Informationen lediglich ein 90-minütiger Theorieunterricht sowie sechs praktische Fahrstunden, die auch auf einem Verkehrsübungsplatz stattfinden können.

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Das von Joachim Herrmann (CSU) geführte bayerische Innenministerium verwies auf Anfrage des BR auf die Statistik: "Die Zahl der getöteten motorisierten Zweiradfahrer hat sich in Bayern trotz vieler polizeilicher und straßenbaulicher Maßnahmen 2018 gegenüber dem Vorjahr um mehr als 19 Prozent erhöht", heißt es demnach wörtlich in der Antwort des Ministeriums. Fast ein Viertel der in Bayern getöteten Verkehrsteilnehmer sei ein motorisierter Zweiradfahrer. "Diesen Gefahren wird der Referentenentwurf aus unserer Sicht noch nicht ausreichend gerecht", teilte das Ministerium weiter mit.

Scheuers Vorhaben war ohnehin auf massive Kritik gestoßen. So rät der Deutsche Verkehrssicherheitsrat davon ab, den Zugang zur "zweitgefährlichsten Fahrzeugklasse auf deutschen Straßen zu lockern". Die Bundesanstalt für Straßenwesen - das Forschungsinstitut des Bundesverkehrsministeriums - geht in einer dem SPIEGEL vorliegenden Analyse davon aus, dass es "zu einer Erhöhung der Verunglücktenzahlen insgesamt kommen würde".

Vertreter von Unfallchirurgen und Notärzten warnen ebenfalls davor, dass die Umsetzung von Scheuers Motorrad-Plan zu mehr Unfällen führen könnte. Der Fahrlehrerverband verweist darauf, dass bereits jetzt ein Großteil der Motorradunfälle auf Fahrfehler zurückzuführen seien, daher sei die geplante minimale Schulung völlig unzureichend. Ebenso ablehnend äußerten sich der Tüv und der ADAC.

Auch bei den Wählern kommt das Vorhaben nicht gut an. In einer repräsentativen Umfrage, die das Online-Meinungsforschungsinstitut Civey für SPIEGEL ONLINE durchgeführt hat, bewerteten 64,8 Prozent Scheuers Plan als "sehr negativ" (41,3 Prozent) oder "negativ" (23,5 Prozent). Selbst bei den Anhängern der Unionsparteien überwog mit insgesamt 58,7 Prozent die Ablehnung deutlich.

Kritik kommt auch aus anderen Bundesländern als aus Bayern - und ebenfalls von Unions-geführten Ministerien. Niedersachsens Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) verwies in einem Interview mit Radio ffn auf die gestiegenen Unfallzahlen in Österreich, nachdem dort der Zugang zum Motorradfahren erleichtert wurde. Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP) sprach im NDR von einer "Schnapsidee".

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.
Wer steckt hinter Civey-Umfragen?
An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

Wer steckt hinter Civey-Umfragen?

An dieser Stelle haben Leser in der App und auf der mobilen/ stationären Website die Möglichkeit, an einer repräsentativen Civey-Umfrage teilzunehmen. Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

fdi



insgesamt 167 Beiträge
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Seite 1
winterwoods 22.06.2019
1. Merkt das keiner?
Merkt eigentlich niemand, dass dies nur ein tumber Versuch ist, die Jugend wieder für sich zu gewinnen? Verzweiflung pur, nach dem Rezo-Trauma. Ich bin übrigens Motorradfahrer und kann aus 20jähriger, tagrtäglicher Motorradpraxis heraus sagen: Es ist eine Schnappsidee! Das Fahren eines Zweirades ist mit dem Autofahren nicht vergleichbar, erfordert tatsächlich mehr Körpereinsatz, mehr Voraussicht (keine Schutzzone) und spezielle Erfahrung.
cosgrove83 22.06.2019
2. Nebelkerze?
Ich bin mir nich sicher, ob dieser Vorschlag nur als Nebelkerze gedacht war um von den verursachten Kosten für das Mautdesaster abzulenken. Schließlich kam dieser Vorschlag nur einen Tag nach dem Gerichtsurteil auf den Tisch und für welche Wählergruppe der gut sein soll, hat Scheuer bis heute noch nicht erklärt. Lustig nur, dass diese E-Tretroller aus Sicherheitsbedenken für Fußgänger nicht zugelassen werden sollen. Aber dann entgegen aller Sicherheitsbedenken Motorräder für die meiten Menschen ohne weiteres zugänglich zu machen ist da kein Problem. Ich glaube die CSU hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Bürger zu verwirren. Fragt sich nur warum?!
Spiegel-Ei 22.06.2019
3.
Unser Verkehrsminister Scheuer ist wirklich ein ganz Großer. Er kümmert sich nur um die wichtigsten Themen in seinem Ressort und setzt sie umgehend erfolgreich um. Wie sein großes Vorbild und Vorgänger im Amt, Alexander Dobrindt. Es beruhigt mich, dass die CSU nur wirkliche Leistungsträger in hohe Positionen bringt. Ich hoffe, er erkennt demnächst auch so nebensächliche Themen wie Klimaschutz und Verkehrswende als Ressort - relevant. Ich freue mich dann schon auf die Umsetzung!
heinrich-wilhelm 22.06.2019
4. Gesunder Menschenverstand
Wir müssen den leider bemühen. Was will Scheuer mit dieser Massname erreichen. außer noch mehr Verletzte und Tote auf den Straßen. Dazu kommen dann noch dieE-Roller ab 14 Jahre!! Erlaubt. Dazu fällt mir nur ein Wort ein: Schwachsinn. Hat diese Verkehrsminister nichts Wichtigeres zu tun als unsere Straßen noch unsicherer zu machen?
bullet69 22.06.2019
5.
Was für ein alltagsfremder Traumtänzer ist dieser Minister eigentlich, der bei mir auf der Payrolle steht. Aus Bayern kommen scheinbar nur solche Typen in die Bundeshauptstadt.
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