Führerscheinprüfung Auswendiglernen reicht nicht mehr

Fahrschüler fallen immer öfter durch die Führerscheinprüfung, 2017 erwischte es in der Theorie 36,8 Prozent. Das liegt jedoch nicht an den Schülern, erklärt der Fahrlehrer Dieter Quentin.
Ein Fahrlehrer erklärt eine Notrufsäule

Ein Fahrlehrer erklärt eine Notrufsäule

Foto: Patrick Seeger/ picture-alliance / dpa/dpaweb

SPIEGEL ONLINE: Herr Quentin, zum fünften Mal in Folge sind 2017 mehr Fahrschüler durch die Prüfung gefallen als im Vorjahr, woran liegt das?

Dieter Quentin: Da muss man zwischen der theoretischen und der praktischen Prüfung unterscheiden. Die Theorieprüfung läuft heute elektronisch ab, nicht mehr auf Papier, und ist dadurch deutlich schwieriger geworden. Es gibt zum Beispiel Filmsequenzen, in denen eine komplexe Verkehrssituation gezeigt wird, zu der Sie dann Fragen beantworten müssen. Das hat es vor zehn Jahren noch nicht gegeben, da hat man zur Not die Fragen und Antworten auswendig gelernt. Das geht heute nicht mehr, heute ist jede Frage und jeder Prüfungsbogen anders.

SPIEGEL ONLINE: Haben moderne Technologien wie beispielsweise Parkassistenten auch Einfluss auf die Ergebnisse der praktischen Prüfung?

Quentin: Nein, niemand besteht die praktische Prüfung, weil er nicht einparken kann und das Auto das inzwischen selbst erledigen kann. Die Gründe fürs Durchfallen sind klassische Verkehrssituationen wie eine nicht beachtete Vorfahrt, das Überschreiten der zulässigen Höchstgeschwindigkeit oder ein Radfahrer, der nicht gesehen wurde. Da hat die moderne Technik noch keinen entscheidenden Einfluss. Der Straßenverkehr ist heute dichter und komplexer und dadurch für Fahrschüler schwerer zu meistern.

SPIEGEL ONLINE: Wer fällt denn am häufigsten durch?

Quentin: Wer einen ausländischen Führerschein umschreiben will und dafür nochmal eine theoretische und praktische Prüfung ablegen muss, fällt am ehesten durch. Es gab rund 120.000 Prüfungen bei Inhabern ausländischer Führerscheine, dabei haben 47.000 Bewerber nicht bestanden. Dieser Anteil ist bei deutschsprachigen Bewerbern nicht zu verzeichnen. Jüngere Fahrschüler für das begleitete Fahren mit 17 Jahren bestehen dagegen besonders oft, ihre Prüfungsergebnisse sind deutlich besser als die der älteren.

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SPIEGEL ONLINE: Wieso haben es die sogenannten Umschreiber so schwer?

Quentin: Das hängt mit Ausbildungs- und Prüfungssituation in den Heimatländern zusammen. Deshalb müssen Inhaber von Führerscheinen aus Ländern wie beispielsweise Russland, Syrien und dem Iran hierzulande eine theoretische und praktische Prüfung ablegen, um einen deutschen Führerschein zu erhalten. Aber sie müssen vorher keine Fahrstunden nehmen oder am Theorieunterricht teilnehmen. Der Verkehr ist in diesen Ländern aber teilweise nur schwer mit dem in Deutschland vergleichbar. Die Umschreiber haben es deshalb schwerer, wir würden uns hier verpflichtende Fahrstunden wünschen.

SPIEGEL ONLINE: Da geht es aber auch ums Geschäft...

Quentin: Ja, es geht aber auch um Verkehrssicherheit. Uns wird oft vorgeworfen, Geschäftemacherei zu betreiben, auch wenn Fahrlehrer nochmal eine zusätzliche Fahrstunde vor der praktischen Prüfung empfehlen, dabei kostet eine Fahrstunde mehr nur rund ein Drittel der Gebühr für eine praktischen Prüfung. Da sollte man den Fahrlehrer nicht zur Prüfung drängen, sondern warten, bis er der Ansicht ist, dass man die Prüfung auch bestehen kann.

SPIEGEL ONLINE: Beim Führerschein der Klasse B fallen die meisten Bewerber durch, woran liegt das?

Quentin: Das ist meistens die erste Fahrerlaubnis, die erworben wird. In der Regel sind Führerscheine für Motorräder oder Lkw Erweiterungen, da haben die Bewerber schon Verkehrserfahrung, deshalb sind die Quoten dort geringer.

SPIEGEL ONLINE: Sind Fahrprüfungen nicht zu sehr vom subjektiven Eindruck des Prüfers abhängig?

Quentin: Da würde ich ganz klar widersprechen. Es gibt klare Rechtsvorschriften für die Prüfungen und die Prüfungen laufen auch sehr einheitlich ab. Natürlich prüfen dort Menschen, die Dinge unterschiedlich wahrnehmen, aber wir haben eine hohe Gleichmäßigkeit bei den Fahrprüfungen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht auch ein gutes Geschäftsmodell, mehr Leute durchfallen zu lassen?

Quentin: Nein, Sie verdienen als Fahrlehrer eher Geld, wenn Sie mit möglichst wenig Aufwand viele Schüler durchschleusen, als mit Stammkunden, die eine sehr hohe Anzahl von Fahrstunden brauchen. Und auch für die Prüforganisationen ist das nicht wirklich ein Geschäft, die Gebühren werden ja vom Bundesverkehrsministerium festgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Was muss man tun, um die Fahrprüfung auf jeden Fall zu bestehen?

Quentin: Sich optimal vorbereiten, das heißt auch am Theorieunterricht teilnehmen, aufmerksam zuhören und zu Hause die Fragen durcharbeiten. Dann sollte auch die elektronische Theorieprüfung problemlos klappen, in der Praxis ist die Durchfallquote ohnehin geringer. Aber Pech kann man bei allen Prüfungen haben, auch beim Führerschein.

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