Fünf Stunden - vier Pässe Kreisverkehr im Höhenrausch

Für die meisten Beifahrer sind sie ein Alptraum. Doch wer alleine unterwegs ist oder einen geduldigen Sozius mit robustem Magen hat, der kann sich auf Schweizer Alpenpässen richtig austoben. Rund um den Gotthard schafft man vier Übergänge in fünf Stunden.


Gerade jetzt, zu Beginn der Urlaubssaison, sind die Alpen für die meisten Autofahrer nur ein Hindernis auf dem Weg in den Süden. Bergmassive wie Gotthard oder San Bernardino kennen viele nur als Namen aus den Staumeldungen. Doch wer sich auf der Fahrt in die Ferien etwas Zeit nimmt und die große Blechkarawane links liegen lässt, der sieht die Alpen aus einer neuen Perspektive und umgeht dabei sogar noch manchen Stau. Noch besser ist es natürlich, wenn man sich auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Florenz eine Auszeit gönnt. Dann lassen sich zum Beispiel im Herzen der Schweiz rund um den Gotthard gleich vier Pässe zu einem Kreisverkehr im Höhenrausch verbinden.

Die Tour beginnt man am besten am Brienzer See im Berner Oberland. Dort kann man Familienmitglieder, die bei der Aussicht auf mehrere hundert Kurven mit einem nervösen Magengrimmen reagieren, getrost einen Tag im Strandbad parken, bevor man am besten noch im Morgengrauen über Meiringen an der sehenswerten Aareschlucht vorbei den ersten Pass in Angriff nimmt.

Die Runde beginnt mit dem Grimsel-Pass, der in zunächst sanften und später immer spitzeren Kehren die Aare entlang auf eine Scheitelhöhe von 2165 Metern führt. Dort steht das übliche Restaurant, doch nicht umsonst ist der Parkplatz häufig leer. Denn viel schöner und stimmungsvoller ist das Grimsel-Hospiz wenige hundert Meter unter der Passhöhe an der nördlichen Zufahrt. Das Hotel steht wie eine mittelalterliche Trutzburg auf einer felsigen Halbinsel im Stausee, in dem sich bei schönem Wetter die Berühmtheiten der Berner Alpen spiegeln: Im steinigen Kranz grüßen Finsteraarhorn, Oberaarhorn, Wetterhorn, Schreckhorn und Agassizhorn, während man die erste "Schale" des Tages trinkt und ein "Gipfeli" in seinen Milchkaffee tunkt.

Viel Zeit allerdings bleibt nicht. Schließlich gibt es auf der anderen Seite des Berges noch mehr zu sehen – und die nächste "Beiz" wartet auch schon. Also austrinken, rein ins Auto, runter von der Halbinsel und über die Passhöhe hinunter in das breite Hochtal Goms, durch das die Rhone von ihrem Gletscher aus nach Westen fließt. In Gletsch, wo es links den Furka hinaufgeht, biegen wir rechts ab und fahren etwa zwölf Kilometer weit nach Südwesten, bevor es in Ulrichen dann doch links abgeht.

Über den Nufenenpass hinab ins sonnige Tessin

Auf einem unscheinbaren Sträßchen führt der Weg aus dem Goms hinaus auf den Nufenenpass. Er ist mit einer Scheitelhöhe von 2478 Metern der höchste aller befahrbaren Schweizer Pässe und verbindet erst seit 1969 das Wallis und das Tessin. Dorthin, in die italienische Schweiz, geht es auf vielen Kurven hinunter. Die Sonne gewinnt an Wärme, das Tal wird weiter, und am Straßenrand wird aus dem Restaurant eine Osteria. Die Erste steht neben einer kleinen Kapelle kurz vor Airolo - ideal für ein zweites Frühstück auf der Terrasse.

Wer nur auf der Durchreise ist, der kommt in Airolo wieder auf die Autobahn nach Süden. Wer der Pässe wegen unterwegs ist, biegt in Airolo links ab und nimmt den nächsten Übergang ins Visier: den Sankt-Gotthard-Pass. Die "Mutter aller Bergpässe" erschließt sich dem Autofahrer von Süden aus auf gleich drei Wegen: Durch einen langweiligen und meistens brechend vollen Tunnel, über eine neue Passstraße und über die sogenannte Via Tremola, die alte Passstraße. Zwar muss man etwas oberhalb von Airolo auf der Zufahrt zu den Kasernen ein wenig nach dem Einstieg suchen, doch ist die Originalroute noch immer offen und allemal die attraktivere Straße.

Holperstrecke als längstes Baudenkmal der Schweiz

Als längstes Baudenkmal der Schweiz führt sie in engen Kurven auf den Berg, malträtiert Fahrwerk und Fahrer mit holperigem Kopfsteinpflaster und bietet oftmals nicht mal ein paar Steinpfosten auf, um unsichere Fahrer vor gefährlichen Abwegen zu schützen. Oben auf 2108 Metern angekommen, wartet auf die Reisenden der ganz normale Gipfeltourismus – ein eher freudloses Selbstbedienungsrestaurant, ein kleines Museum und das Hospiz-Hotel. Unser Tipp: Der Rauchsäule folgen, die von weiter rechts ins Blickfeld weht. Mitten auf dem Parkplatz werden über einem Holzfeuer von morgens bis abends die wahrscheinlich teuersten, aber ganz sicher auch besten Grillwürste in der Eidgenossenschaft gebräunt.

Nach dieser Zwischenmalzeit fährt man vom Gotthard gen Norden Richtung Andermatt, muss dafür aber auf die neue Passstraße wechseln. Auf ihr geht es hinunter und dann durch die Schöllenenschlucht weiter bis zur Autobahn, die wir nun zum ersten und einzigen Mal an diesem Tag benutzen - allerdings nur bis Wassen. Dort beginnt der Aufstieg zum vierten und letzten Pass dieser Runde: dem Susten. Er bringt uns über 46 Kilometer, zwei Dutzend Brücken und durch Tunnels und eine Höhe von 2224 Metern von Uri zurück in den Kanton Bern und damit auch an den Brienzer See.

Zugegeben: Zielführend im geometrischen Sinn ist diese Passrunde nicht. Schließlich kommt man am Ende des Tages wieder dort an, wo man am Morgen losgefahren ist. Doch machen die vielen hundert Kurven, die mehreren tausend Höhenmeter und die atemberaubenden Panoramen schon den Weg zum Ziel.

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