Fußgänger im Straßenverkehr "Tempo 50 verträgt sich nicht mit Stadtleben"

Stau, Abgasprobleme, drohende Fahrverbote für Autos - als Alternative setzen viele Städte auf mehr Fahrradverkehr. Doch was ist mit den Fußgängern? Fragen an einen Lobbyisten.
Fußgänger in Heidelberg

Fußgänger in Heidelberg

Foto: Ronald Wittek/ picture alliance / Ronald Wittek/dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Lieb, Autofahrer und Radfahrer kämpfen lautstark um ihren Platz auf der Straße. Von der größten Gruppe im Verkehr, den Fußgängern, ist meist gar nicht die Rede. Woran liegt das?

Zur Person Stefan Lieb
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Stefan Lieb, geboren 1959, ist Geschäftsführer des bundesweit aktiven Fachverbands für Fußverkehr (Fuss e.V.). Die Lobbygruppe setzt sich in Städten und Gemeinden für alle ein, die täglich zu Fuß gehen, und berät Kommunen, damit die Bedürfnisse der Fußgänger bei der Verkehrsplanungen berücksichtigt werden.

Stefan Lieb: Das ist historisch bedingt. Für Politiker waren Fußgänger lange Zeit Menschen, die nur von ihrem geparkten Auto nach Hause gingen, der Fußverkehr galt für sie nicht mal als Verkehrsart. Dabei werden in manchen Großstädten mehr als 40 Prozent aller Wege zu Fuß zurückgelegt. Politiker schneiden gern medienwirksam Eröffnungsbänder durch, zum Beispiel für eine Elbphilharmonie, einen Flughafen oder eine neue Straße. Solche tollen Fotos kann man mit Bauten für Fußgänger nicht erzeugen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sieht es denn aus mit der Infrastruktur für Fußgänger?

Lieb: In Städten wie Hamburg oder Berlin klagen Fußgänger über kaputte Gehwege oder schlechte Beleuchtung. In den vergangenen Jahren wurde zu wenig in die Infrastruktur für Fußgänger investiert. Doch jetzt, wo in Deutschland die Wirtschaft boomt und den Kommunen mehr Steuergelder zur Verfügung stehen, geben die Städte wieder Geld für bessere Gehwege aus. In Berlin sind es in den nächsten beiden Jahren jeweils sechs Millionen Euro.

SPIEGEL ONLINE: Das reicht für wie viele Kilometer?

Lieb: Sechs Millionen Euro reichen vielleicht für 24 Kilometer. Barrierefreie Ecken mit Bordsteinabsenkungen sind da noch nicht mit dabei. Sicher, das ist erst mal nur ein Anfang.

SPIEGEL ONLINE: Wodurch gehen denn so viele Gehwege kaputt?

Lieb: Bestimmt nicht durch die Fußgänger. Schäden entstehen meist durch legal oder illegal geparkte Autos. Vor allem schwere SUVs machen viel kaputt.

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich das verhindern?

Lieb: Die Bußgelder müssen höher ausfallen, die Kontrollen häufiger werden! Die Strafen - in der Regel zehn bis 30 Euro - sind lächerlich. Das preist jeder Privat- oder Geschäftsmann ein.

SPIEGEL ONLINE: Wie ihr Beispiel mit den Falschparkern zeigt - im Verkehr geht es auch um einen Verteilungskampf von Raum.

Lieb: Davon müssen wir wegkommen und mehr gemeinsamen Raum schaffen, sogenannte Begegnungszonen. In diesen Bereichen gelten neue Spielregeln: Zwar bleibt es dabei, dass für Autos und Radler die Straße da ist und für Fußgänger der Gehweg. Allerdings wird das Tempo des motorisierten Verkehrs drastisch auf Tempo 20 gedrosselt. Als Grundregel gilt: Fußgänger haben immer Vortritt, wenn sie über die Straße wollen.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht Utopie? Wo soll das denn funktionieren?

Lieb: Natürlich sollen Begegnungszonen nicht flächendeckend eingeführt werden, aber Geschäftsbereiche in der Innenstadt oder Abschnitte vor Schulen eignen sich besonders. Allein in der Schweiz gibt es mehr als 1100 dieser Bereiche, in Österreich, Frankreich und Belgien viele weitere. Anders als Kritiker befürchten, ist der Autoverkehr dort nicht zum Erliegen gekommen.

SPIEGEL ONLINE: Geschäftsleute und Gewerbetreibende sorgen sich, dass Kunden wegbleiben, wenn der motorisierte Verkehr eingeschränkt wird. Zu Recht?

Lieb: Es gibt viele Untersuchungen dazu, die belegen, dass Fußgänger und Autofahrer in Geschäften etwa gleich viel Geld ausgeben. Durch die Einrichtung von Begegnungszonen nimmt der Fußverkehr erfahrungsgemäß zu, die Befürchtung, weniger Autofahrer oder Parkplätze führten zu einem Verdienstausfall, ist somit unbegründet.

SPIEGEL ONLINE: Fußgänger sind die schwächsten Teilnehmer im Straßenverkehr, sie besitzen keine Knautschzone und nicht mal eine Klingel. Wer stellt die größere Bedrohung für Fußgänger dar: Autofahrer oder Radfahrer?

Lieb: Nach den Unfallstatistiken sind das eindeutig die Autofahrer - auch, wenn manch testosterongesteuerter Radfahrer auf den Gehweg unterwegs ist, der dort nicht hingehört. Grundsätzlich gilt: Wir brauchen in der Stadt mehr Zeit, um aufeinander reagieren zu können. Das geht nur bei niedrigen Geschwindigkeiten. Tempo 50 verträgt sich nicht mit Stadtleben.

SPIEGEL ONLINE: Was soll denn dann gelten?

Lieb: Schritttempo in verkehrsberuhigten Bereichen, Tempo 20 in Begegnungszonen, Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen, Tempo 50 nur in wenig bewohnten Bereichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie sähe eine ideale Stadtplanung für Fußgänger aus?

Lieb: Es braucht breite Gehwege, Bänke zum Hinsetzen oder Spielflächen für Kinder. Alles, was rollt, hat ein zusammenhängendes Netz, nur die Fußgänger nicht. Deshalb wollen wir als Fuss e.V. auch viel mehr Zebrastreifen und längere Grünphasen an Ampeln, damit Fußgänger sicher über die Straße kommen.

SPIEGEL ONLINE: Reicht das schon aus, um Menschen zu motivieren, zu Fuß zu gehen?

Lieb: Die beste Motivation sind schöne Städte mit vielen kleinen Straßen und Fassaden, an denen das Auge hängen bleibt. Die dazu einladen, sie zu besichtigen und zu besuchen. Wo schon viele Menschen gehen und sich aufhalten, kommen noch mehr dazu.

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