Geburtshelfer Holz Startschuss für den Kombi

Es splittert, ist korrosionsanfällig und bringt denkbar ungünstige Crash-Eigenschaften mit sich: Holz gilt im Automobilbau als ungeeignet. Trotzdem verhalf der Werkstoff dem Kombi zur Geburt. Auch heute interessiert sich die Forschung wieder für das Material.

Von Stefan Robert Weißenborn


"Die weite Verbreitung von Stahl gibt einen leisen Hinweis darauf, wie Holz sich für den Autobau eignet: nämlich gar nicht", sagt der Chrysler-Sprecher Markus Hauf. "Stellen Sie sich nur mal die Produktion eines Kotflügels vor. Da steht ein Tischler und fräst sich stundenlang durch einen Holzblock. Selbst eine Maschine könnte es kaum besser." Und die Eigenschaften von Holz seien für den Autobau ungeeignet.

Noch vor hundert Jahren sah die Sache gänzlich anders aus: Holz war geradezu en vogue. Zwar wurden fast nie Kotflügel oder Motorhauben getischlert. Es schmückte jedoch den Fußraum oder diente der Karosse als Rahmen. Zum Teil wurden ganze Aufbauten aus Holz gefertigt. "Wir brauchen täglich 300.000 Festmeter Holz", vermerkte deshalb Henry Ford 1926 in seiner Autobiografie "Today and Tomorrow". Der Autokönig kaufte riesige Waldgebiete im Norden des US-Bundesstaats Michigan zur Bewirtschaftung und eröffnete Ende der Dreißiger eine eigene Fabrik, in der bis 1951 Autos mit hölzernem Heck gefertigt wurden, zum Beispiel auch das Cabrio Mercury Sportsman.

Zuvor verhalf Holz dem Urahn des heutigen Kombis zur Geburt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts reiste man noch hauptsächlich mit der Eisenbahn. Für die finale Etappe nach der Fahrt im Abteil hielten viele Bahnhöfe in den USA sogenannte Station Wagons bereit – frei übersetzt: Bahnhofsautos. Sie waren darauf ausgelegt, nicht nur die feine Reisegesellschaft, sondern auch deren Koffer ans endgültige Ziel zu befördern.

Ein alter Bekannter

Kombis mit viel Sitz- und Stauraum hatten die Autohersteller damals noch nicht im Angebot. Deshalb verpassten verpassten Schreiner und Karosseriebauer den Chassis, wie sie etwa Ford samt Antriebseinheit bereitstellte, ihre Aufbauten. Die ersten Coachbuilder waren so gesehen auch die ersten Customizer. "Die Karosseriebauer waren mit dem Werkstoff aus der Tradition des Kutschenbaus noch bestens vertraut", weiß Thilo Röth, der an der FH Aachen Karosserietechnik lehrt.

Der allererste Wagen mit Holzaufbau rollte aus der Halle des Herstellers Star. Es war der 1923er Star Station Wagon. Der allerdings sah eher aus wie eine verzierte Sänfte. Auch dem Model T von Ford verpassten Handwerker einen Holzkasten. Erst ab 1929 bot der Hersteller aus Dearborn einen Woodie aus eigener Produktion an. Er basierte auf dem neuen Model A.

Einen globalen Siegeszug des Woodie - ob mit Holzzelle oder nur äußerlichen Verzierungen - gab es nie, aber durchaus eine gewisse Popularität. Fast jede US-Marke hatte irgendwann einmal einen der Holzkameraden im Programm. In Europa gab es in den Fünfzigern etwa den DKW Meisterklasse Universal, auch der Škoda 1102 Kombi oder der Fiat 500 Servizio leisteten in Holzoptik ihren Dienst. Selbst die Russen versuchten sich an einem beplankten Moskvich, ganz zu schweigen von den vielen Individualaufbauten privater Tüftler.

Holz war besonders in Großbritannien populär

Am populärsten waren Woodies neben den USA in Großbritannien. Schlitten von Rolls-Royce, Bentley und Alvis wurden schon früh in Holzkleider gehüllt. Auch den Austin Mini gab es im Countrylook. Am bekanntesten dürfte allerdings der Morris Minor in der Variante Traveller sein. Der kleine Van wurde zwischen 1953 und 1971 über 200.000 Mal gefertigt; nicht wenige Exemplare wurden mit Heckrahmen auf rustikal getrimmt.

Danach aber war endgültig Schluss, die hölzerne Mode war morsch geworden. Was folgte, waren die US-Station-Wagons der Siebziger und Achtziger, beflankt mit Kunststoff- oder Laminat-Panels in Holzoptik, wie etwa beim Chevrolet Caprice. Als womöglich letzter dieser Art wurde bis 1996 der gemaserte Buick Roadmaster Estate Wagon gebaut. Chrysler hat heute einen Woody-Foliensatz für den PT Cruiser im Angebot, der laut Hersteller "recht populär" ist.

Wenn auch der pure Balken schon lange ausgedient hat und auch die "Gesamtholzkarosserie aus Forschersicht nicht zielführend ist", so könnte Holz im Karosseriebau dennoch eine kleine Renaissance bevorstehen. Nicht als klassisches Schreinerholz, sondern als "Teilholzstruktur", wie Karosserieexperte Röth es nennt. In einem bis 2011 laufenden Forschungsprojekt an der FH Aachen will der Wissenschaftler Werkstoffe mit Metall-, Kunststoff- und Holzanteilen "hinsichtlich Crashverhalten, Leichtbaugüten und Steifigkeiten testen". Röth verspricht sich "neue Eigenschaften" und dort, wo Holz den Stahlanteil senken könnte, "die Unabhängigkeit von auf den globalen Märkten stark gestiegenen Stahlpreisen."

Ganz traditionell kommt Holz übrigens in der britischen Edelmanufaktur von Morgan zum Einsatz. Seit jeher wird dem Chassis der Liebhaberstücke ein Holzrahmen aufgepflanzt – leicht, stabil, leicht modifizierbar und kosteneffizient sei dieser, heißt es in Worcestershire. Oben drauf kommt eine Alukarosse, so dass das Holz dem Auge des Betrachters verborgen bleibt.



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