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10. Oktober 2013, 05:55 Uhr

24-Stunden-Aktion

Die Techniken für die Jagd auf Temposünder

Von Jürgen Pander

Pistolen, Provida und Piezo: Der Polizei steht bei ihrem 24-stündigen Blitz-Marathon ein ganzes Arsenal an Messtechniken zur Verfügung. Die bekannteste Technologie hat eigentlich schon ausgedient.

Hamburg - An diesem Donnerstag wird in ganz Deutschland geblitzt, zwischen Nordsee und Alpen stehen mehr als 8500 Tempomessgeräte. Die Regeln sind einfach: Fährt man zu schnell und wird erwischt, gibt's eine Strafe. Aber wie wird die Geschwindigkeit der Fahrzeuge eigentlich genau gemessen?

So funktionieren die verschiedenen Geräte:

Altmodisch: Radarfallen

Zu den klassischen Methoden der Tempoüberwachung gehört die Geschwindigkeitsmessung mittels Radarfallen. Diese fast immer mobil eingesetzten Geräte zum Preis von rund 50.000 Euro sind entweder in einem am Straßenrand geparkten Auto installiert oder werden auf einem Stativ neben der Fahrbahn aufgestellt.

Um die Geschwindigkeit der vorbeifahrenden Autos zu ermitteln, senden die Geräte elektromagnetische Wellen aus (Primärsignale), die dann von den Fahrzeugen reflektiert und als sogenannte Sekundärsignale wieder beim Sensor des Radargeräts ankommen. Dass sich daraus die Geschwindigkeit des herannahenden Fahrzeugs errechnen lässt, liegt am Doppler-Effekt, der die zeitliche Stauchung oder Dehnung eines Signals beschreibt, während sich der Abstand zwischen Sender und Empfänger verändert.

Erleben kann man den Doppler-Effekt beispielsweise bei der Vorbeifahrt eines Krankenwagens mit eingeschaltetem Martinshorn: Kommt das Auto näher, ist der Ton höher, entfernt es sich, wird der Ton tiefer. In diesem Fall sind es die Schallwellen, die beim Näherkommen gestaucht und beim Davonfahren gedehnt werden.

Sobald das Radargerät eine Geschwindigkeit des herannahenden Autos ermittelt hat, die oberhalb eines zuvor festgelegten Toleranzbereichs liegt, wird der Fotoblitz ausgelöst und ein Bild vom vorbeifahrenden Auto geschossen.

Radargeräte gelten im Vergleich zu anderen Messgeräten als fehleranfällig und werden nach und nach aussortiert: Sie liefern nur dann korrekte Ergebnisse, wenn sie in einem bestimmten Winkel zur Fahrbahn aufgestellt wurden, der überwachte Wagen die Fahrtrichtung beibehält (also nicht die Spur wechselt) und keine Knickstrahlenreflektionen auftreten (etwa durch Verkehrsschilder).

Wachsames Fünfauge: Einseitensensoren

Manchmal sieht man flache, mit fünf Linsen bestückte Kästen am Fahrbahnrand - sogenannte Einseitensensoren. Im Gerät stecken fünf Helligkeitssensoren. Die beiden äußeren und der mittlere Sensor, jeweils im Abstand von 25 Zentimeter angebracht, sind im rechten Winkel über die Fahrbahn gerichtet. Rollt ein Fahrzeug vorüber, wird von allen drei Sensoren kurz hintereinander ein Helligkeitsprofil erfasst, digitalisiert und gespeichert. Aus dem zeitlichen Versatz der drei Profile wird die Geschwindigkeit ermittelt.

Die Sensoren zwei und vier des Geräts wiederum sind so eingestellt, dass sie den Abstand des Fahrzeugs zum Gerät messen. Mit dieser Information kann die Geschwindigkeit auch auf unterschiedlichen Fahrspuren gemessen werden.

Ein Einseitenmessgerät, Kostenpunkt ungefähr 100.000 Euro, liefert laut Hersteller auch in Kurven und Tunnels verwertbare Ergebnisse; sogar ein Nachtmodus ist integriert.

Aus der Pistole geschossen: Lasergeräte

Die Tempoüberwachung per Lidar-Technik (Light Detection and Ranging), also Laserlicht, wird sowohl mobil als auch stationär angewandt. Bei der Laserpistole (Preis: circa 20.000 Euro) muss ein speziell geschulter Polizeibeamter das Fahrzeug mit dem Laserstrahl verfolgen. Die Geschwindigkeitsmessung erfolgt über die Reflektion der in einem bestimmten Rhythmus ausgesandten Lichtimpulse.

Bei stationären Anlagen überwachen fächerförmige Laserstrahlen den gesamten Verkehr auf bis zu drei Fahrspuren. Sobald ein Fahrzeug in den erfassten Bereich, der zirka 75 Meter vor der Lasersäule beginnt, einfährt, erhält es vom System eine Identifikationsnummer. Der Wagen wird dann quasi von den Laserimpulsen verfolgt, auch bei Spurwechseln und dichtem Verkehr.

Wird bei einem Fahrzeug eine zu hohe Geschwindigkeit festgestellt, macht das System ein Foto. In Lasersäulen sind mehrere Kameras installiert, so dass die elektronische Steuerung den Fotobefehl an die jeweils ideal auf das zu schnelle Fahrzeug gerichtete Kamera aktivieren kann. Die Übermittlung der Bilddaten sowie von Uhrzeit, Geschwindigkeit und weiteren Details kann online erfolgen - oder sie wird beispielsweise einmal pro Woche von einem Polizeibeamten manuell auf einen USB-Stick ausgelesen.

Blitzen bei voller Fahrt: Provida-Fahrzeuge

Die mobile Geschwindigkeitsüberwachung wird, vor allem auch auf Autobahnen, mittels sogenannter Provida-Fahrzeuge vorgenommen. Provida ist ein Akronym für "Proof Video Data"-System, der Hersteller solcher Geräte ist die Firma Petards im englischen Gateshead. Dabei werden äußerlich völlig normale Autos mit speziellen Kalibrierboxen, Videogeräten und Abstandssensoren ausgestattet, die es den Polizeibeamten erlauben, im fließenden Verkehr die Geschwindigkeit vorausfahrender Fahrzeuge zu messen und sie zugleich per Videokamera zu filmen.

Unterirdisch zum Ersten: Piezo-Technologie

Bei dieser Technik sind in der Fahrbahn, quer zur Fahrtrichtung und meist in einem Abstand von jeweils einem Meter zueinander, drei Messingstränge mit Piezokristallen eingelassen. Diese liegen etwa zweieinhalb Zentimeter tief im Asphalt und werden von einem speziellen Dichtungsmaterial bedeckt.

Gemessen wird so: Piezokristalle erzeugen bei mechanischer Verformung eine elektrische Ladung. Rollt also ein Fahrzeug über den Messstreifen in der Straße, löst das einen elektrischen Impuls aus - und aus dem zeitlichen Versatz aller Impulse der drei Messstreifen lässt sich die Geschwindigkeit berechnen. Die Kristalle sind übrigens derart empfindlich, dass sogar Fahrräder registriert werden.

Die Technik gilt als sehr genau, andererseits jedoch muss der Fahrbahnbelag makellos sein, damit die Ergebnisse verwertet werden dürfen. Der Bau einer solchen Messanlage kostet je nach Breite der Straße zwischen 50.000 und 250.000 Euro, Reparaturen sind außerdem aufwendig und teuer.

Unterirdisch zum Zweiten: Induktionsschleifen

Induktionsschleifen kennen Autofahrer zum Beispiel von Schranken vor Parkhäusern, die sich automatisch öffnen. Von der Polizei wird die Technik vor allem eingesetzt, um Rotlichtverstöße zu erfassen. Aber auch Geschwindigkeitsmessungen sind möglich: Das Prinzip ist dem der Piezo-Technologie sehr ähnlich, allerdings löst hier kein manueller Druck die Messung aus. Überquert nämlich ein Fahrzeug die Induktionsschleife, die in acht Zentimeter Tiefe in den Straßenbelag eingelassen wird, ändert sich deren Magnetfeld. Aus den einzelnen Impulsen mehrerer hintereinander verlegter Schleifen lässt sich in einer Zeit-Weg-Berechnung die Geschwindigkeit ermitteln - und damit der Blitz einer Überwachungskamera auslösen.

Mitarbeit: Christian Frahm

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