GM-Automarke Pontiac Der alte Häuptling hat Ruh'

Zum Abschied sag ich leise "Hugh!": General Motors trägt die Traditionsmarke Pontiac zu Grabe. Um die aktuelle Modellpalette ist es nicht schade - früher hingegen stand die 1926 eingeführte Marke mit dem Indianerkopf für originelle Designs und Fahrzeugkonzepte.


Noch gut ein Jahr, dann läuft der letzte Pontiac vom Band. Mit dieser Ansage zog General-Motors-Chef Fritz Henderson am Montag kurz und schmerzlos einen Schlussstrich unter die Geschichte einer Marke, die immerhin seit hundert Jahren zu dem US-Konzern gehört und seit 83 Jahren Autos baut.

Taufpate war Chief Pontiac, ein Häuptling der Ottawa-Indianer, der im 18. Jahrhundert gegen die britischen Kolonialherren kämpfte und lange Jahre sogar im Logo verewigt wurde. Erst 1957 wich sein Konterfei einer roten Pfeilspitze, die bei Fans der Marke als "The Dart" bekannt ist und dummerweise vom ersten Tag an in die falsche Richtung zeigte: nach unten.

Zum ersten Mal genannt wurde der Name Pontiac bereits 1906 bei den Pontiac Spring & Wagon Works, deren Nachfolgefirma 1909 von General Motors übernommen wurde. Von 1908 bis 1926 liefen die Autos unter dem Label Oakland vom Band, bevor die Herren in Detroit die Vision eines ebenso jugendlichen wie billigen Ablegers hatten und abgespeckte Oaklands als Pontiacs verkauften. Das funktionierte damals so gut, dass Oakland 1931 eingestellt und nur noch Pontiacs produziert wurden.

Früher hemdsärmelig, heute langweilig

GM-Markenübersicht
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General Motors ist in Deutschland vor allem durch Opel bekannt. Doch zu dem Konzern gehören weitere bekannte Namen. SPIEGEL ONLINE stellt die wichtigsten Marken vor.
Die Rolle der Billigmarke mit dem Proleten-Charme spielt Pontiac bis heute. Immer ein bisschen vorlaut, wild und verwegen sollten die Autos sein, mit denen GM ähnlich wie Chrysler mit Dodge die jungen und nicht gerade überdurchschnittlich gebildeten Kunden ansprechen wollte. Sonderlich erfolgreich war diese Strategie zuletzt nicht mehr. So meldete GM für 2008 gerade einmal 278.354 Pontiac-Verkäufe. Das schafft der Pick-Up Chevrolet Silverado ganz alleine - und braucht dafür nicht einmal das volle Jahr.

Viel vom hemdsärmeligen Image ist im aktuellen Portfolio nicht mehr zu spüren: Der Kleinwagen G3 ist ein neu geschminkter Chevrolet Aveo, der Vibe ist ein langweiliges Schrägheck mit hohem Dach, der G5 ist das dazu passende Stufenheck. Und der als Limousine, Coupé oder Cabrio angebotene G8 hat ungefähr so viel Pulsbeschleunigungspotential wie der zwölf Stunden alte Kaffee auf der Warmhalteplatte einer Autobahnraststätte. Doch es geht noch schlimmer: Den stilistischen Tiefpunkt der Pontiac-Geschichte markiert der Plastik-Geländewagen Aztek, gegen den sogar Autos wie der Ssangyong Rodius oder der BMW X6 Schmuckstücke sind.

Nicht immer allerdings war die Modellpalette so farblos wie heute. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren war Pontiac unter der Regie von Markenvorstand John DeLorean, der später die Autofirma DMC gründete, sogar ganz weit vorn: Der 1964 präsentierte GTO gilt als erstes Muscle-Car der Geschichte, galt mit 200 km/h Spitze als ungekrönter König der Viertelmeile und hat in den USA mindestens so viele Fans wie hierzulande der Golf GTI. 2004 versuchte GM, das heiße Coupé neu aufzulegen. Heraus kam ein langweiliger Plastikrennwagen auf Basis des Holden Monaro.

Burt Reynolds lässt grüßen

Nicht minder berühmt ist der Pontiac Firebird, der 1967 als Zwilling des Chevrolet Camaro den Druck auf den Ford Mustang erhöhen sollte. Der Feuervogel, der in seiner sportlichsten Version den Beinamen Trans Am trug und als die Corvette des kleinen Mannes galt, wurde zum Helden der Mattscheibe: Erst diente er Detektiv Rockford als Dienstwagen, dann Burt Reynolds in "Ein ausgekochten Schlitzohr", und er war die Basis für K.I.T.T., den intelligenten Wagen aus "Knight Rider". In den besten Zeiten baute GM über 150.000 Firebirds im Jahr. Zuletzt war es nicht mal mehr ein Fünftel dessen, so dass die Produktion im September 2002 nach 35 Jahren eingestellt wurde. Und während der alte Zwilling Camaro gerade ein Comeback feiert, ist es für einen Neustart des Feuervogels nun wohl endgültig zu spät.

Obwohl der Bekanntheitsgrad von Pontiac kaum über die USA, Kanada und Mexiko hinaus reicht, hatte General Motors die Marke in den neunziger Jahren vorübergehend sogar in Deutschland zu etablieren versucht. Dabei ruhten die Hoffnungen vor allem auf der Großraumlimousine Trans Sport, die in der ersten Generation mit ihrem futuristischen Design dem Begriff Raumfahrt eine ganz neue Bedeutung gab. In der zweiten Auflage wurde der Wagen etwas runder und machte sich dann gleich selbst Konkurrenz: Statt mit Pontiac-Logo wurde dasselbe Auto mit Opel-Blitz auch als Sintra verkauft.

Zwar hat GM die Marke arg heruntergewirtschaftet und ihr mit geklonten Zwillingsmodellen anderer Konzernmarken den letzten Rest ihres Charmes genommen. Doch ein kleines Zucken im Gasfuß konnten die Erben des alten Indianer-Häuptlings bei Fans noch immer auslösen. Mit dem in Deutschland als Opel GT verkauften Roadster Solstice hat Pontiac manch einem Amerikaner den Sommer versüßt.

Für Furore sorgte zudem der Plan, mit dem G8 Sporttruck das ungewöhnliche Konzept der Pick-Up-Limousine wiederzubeleben. Mittlerweile ist zwar das Auto fertig. Doch bis es endlich auf den Markt kommt, gibt es leider die Marke nicht mehr.



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