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Google plant eigenes Auto Vorsprung durch Technik

Keine Pedale, kein Lenkrad und eigentlich auch kein eigenes Auto, das ist Googles Vision vom Autofahren der Zukunft. Die traditionellen Autobauer sollten das nicht als Spinnerei abtun - die Idee hat was.

Google hat das Undenkbare gewagt. Seit einigen Jahren forscht der Technologiekonzern an einem autonom fahrenden Auto. Die Bilder des Toyota Prius mit den Kameras auf dem Dach gingen um die Welt, die Idee, dass es sicherer und komfortabler sein könnte, einem Computer das Steuern zu überlassen, sickerte langsam ins Bewusstsein der Öffentlichkeit.

Jetzt, wo sich viele Menschen an diesen Gedanken gewöhnt haben und ihn auch deshalb nicht mehr als Spinnerei abtun, weil selbst Hersteller wie Audi, Daimler oder BMW autonom fahrende Projektfahrzeuge präsentierten, stellt Google erneut alle gültigen Lehren der Automobilbranche infrage. Am Dienstag gab der Konzern bekannt, ein eigenes Auto bauen zu wollen und präsentierte parallel einen Prototyp. Ohne Lenkrad. Ohne Pedale.

Man kann das verrückt finden. Das ist doch kein Auto mehr. Es ist die alte Sicht der Industrie auf die Bedürfnisse ihrer Kunden, der Glaubenssatz von der Freude am Fahren. Nicht umsonst betonen Hersteller wie Mercedes oder BMW beim Thema autonomes Fahren stets, dass der Fahrer jederzeit eingreifen könne. Wenn das Lenkrad fehlt, kann er das nicht - ein solches Auto wird es deshalb bei diesen Firmen auf absehbare Zeit nicht geben, wie sie auf Nachfrage bestätigten.

Keine emotionalen Altlasten

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Selbst fahrendes Auto: Googles Coup

Foto: Google

Vielleicht aber ist diese vollkommene Veränderung der Beziehung zwischen Mensch und Maschine, das Kappen der Verbindung, der Entzug der Kontrolle, ein brillanter Gedanke. Google geht noch weiter, will den Nutzern nicht nur das Steuer wegnehmen, sondern auch das ganze Auto. Google-Mitgründer Sergey Brin zumindest sagte der "New York Times", er gehe nicht davon aus, dass die Leute sein Auto kaufen. Vielmehr will er diese Autos als Service anbieten. Als Transportkapsel, als Taxi - nur ohne Fahrer.

Hier offenbart sich der nüchterne Blick des Technologiekonzerns auf das Produkt Auto. Google ist frei von den emotionalen Altlasten einer hundertjährigen Firmengeschichte. Sicher, auch die etablierten Hersteller haben die Zeichen der Zeit zumindest teilweise erkannt und besetzen mit ihren Car-Sharing-Angeboten einen neuen Markt. Doch im Zentrum ihres Geschäftsmodells steht das Auto als Besitz. Je größer, je luxuriöser ausgestattet, desto besser.

Doch wie lange funktioniert dieser Status-Gedanke noch als Geschäftsmodell? Und steht er den Herstellern auf dem Weg in die digitale Automobilzukunft nicht sehr schnell im Wege? In ihren Überlegungen sind - zumindest nach allem, was man darüber bislang weiß - die Autopilot-Systeme als Krönung der Ausstattungslinie geplant, als Luxus-Extra mit sattem Aufschlag. Eine Integration in die Car-Sharing-Flotte? Undenkbar - eine krassere Entwertung dieser technischen Errungenschaft kann es in diesem Wertesystem kaum geben.

Eine neue Form des Luxus

Google hingegen bietet mit seiner Idee von der Demokratisierung des autonomen Fahrens eine andere Form von Luxus an: Zeit. In einer sich stetig beschleunigenden, immer komplexer werdenden Welt ein wertvolles Gut. Vor allem, weil in den meisten Städten aus der Freude am Fahren längst der Frust am Stehen wurde. Im Stop-and-go gemütlich Zeitung lesen? Oder schon mal mit den Kindern spielen? Das Auto selbst tritt in den Hintergrund - was man darin macht, gewinnt an Wert. So wirkt die Idee der Google-Kugel kaum noch verrückt.

Für die etablierten Hersteller könnte der Suchmaschinenkonzern deswegen zu einer echten Konkurrenz, vielleicht sogar zur Bedrohung werden. Die Tatsache, dass Google keine Erfahrung im Automobilbau hat, sollte dabei keine allzu große Sicherheit stiften. Bei der klassischen Automobiltechnik scheint das Google-Konzept nämlich sehr genügsam, ein derartiges Fahrzeug könnte sich der Konzern vermutlich jederzeit von einem Zulieferer bauen lassen.

Die Situation erinnert ein wenig an die Zeit, als Apple erstmals ankündigte, ein Telefon zu bauen. An einen Erfolg glaubten damals die wenigsten. Schon gar nicht die etablierten Hersteller.

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