Zukunft des Nahverkehrs Hamburg startet Testbetrieb mit autonomem Kleinbus

Hamburg will autonome Kleinbusse in den Nahverkehr integrieren - und startet den Probebetrieb. In zwei Jahren sollen die Gefährte mit 50 km/h unterwegs sein. Sie müssen bis dahin aber noch das Linksabbiegen lernen.

HOCHBAHN

Auf einer Strecke von knapp zwei Kilometern sollen bald autonome Busse durch die Hamburger Hafencity rollen. Dabei steuern sie fünf Haltestellen an und sind nach Vorstellung des Nahverkehrsunternehmens Hochbahn mit bis zu 50 km/h unterwegs.

Das Vorhaben sei einzigartig, sagte Hamburgs Wirtschafts- und Verkehrssenator Michael Westhagemann (parteilos). Begründung: Der elektrisch angetriebene und autonom fahrende Kleinbus des Heat-Projekts (Heat steht für Hamburg electric autonomous Transportation) werde in den öffentlichen Nahverkehr eingebunden, von einer Leitstelle überwacht und mit einer Geschwindigkeit von bis zu 50 km/h unterwegs sein - dies gebe es in dieser Kombination noch nicht.

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Robobus-Projekt Heat: Autonom durch die Hafencity

Allein in Deutschland versuchen sich derzeit allerdings mehrere Städte an ähnlichen Projekten - etwa in Monheim (Nordrhein-Westfalen) oder Bad Birnbach (Bayern). Als Ausrichter des internationalen Verkehrskongresses ITS 2021 möchte Hamburg sich bei dem Trend nun aber an die Spitze setzen.

Verkehrsexperten sehen in fahrerlosen Kleinbussen eine Möglichkeit, entlegene Stadtteile effektiver an den öffentlichen Verkehr anzubinden. Wo ein großer Stadtbus unrentabel ist, könnte ein fahrerloser Kleinbus eventuell wirtschaftlich betrieben werden, so die Hoffnung der Verkehrsplaner. Auch ließe sich auf stark ausgelasteten Strecken die Taktung ohne zusätzliche Personalkosten erhöhen.

"Im Schnitt lässt sich die Kostendeckung des öffentlichen Nahverkehrs durch den Einsatz von Robobussen um rund fünf Prozentpunkte verbessern", sagt Alexander Dyskin, Mobilitätsexperte der Unternehmensberatung Roland Berger. "Das liegt vor allem daran, dass die kleineren Robofahrzeuge viel effektiver und energiesparender eingesetzt werden können." Bis es soweit ist, dürften allerdings noch einige Jahre vergehen.

Zuerst ist nur Geradeausfahrt und Rechtsabbiegen möglich

In Hamburg starten die autonomen Kleinbusse nun erste Testfahrten - ohne Passagiere, dafür aber mit einer Begleitperson an Bord, die bei Schwierigkeiten eingreift. Einen Fahrerplatz, ein Lenkrad oder Pedale gibt es nicht, jedoch einen Notausschalter. "Wir fahren zunächst einmal geradeaus und biegen rechts ab, mit einer Geschwindigkeit von höchstens 15 km/h", sagt Matthias Kratzsch, Geschäftsführer des Ingenieursunternehmens IAV, das den Heat-Bus entwickelt hat. Linksabbiegen werde erst möglich sein, wenn die entsprechenden Ampeln an der Strecke mit spezieller Sensortechnik ausgestattet seien und die Busse das Verkehrsgeschehen besser verstehen.

Im kommenden Jahr sollen erste Fahrgäste an Bord gelassen und das Tempo auf 25 km/h erhöht werden, nach wie vor mit Begleitperson. Erst im Oktober 2021, so das Ziel, soll das gut fünf Meter lange und knapp drei Tonnen schwere Gefährt mit Platz für bis zu zehn Fahrgäste vollautomatisch und mit bis zu 50 km/h über eine 1,8 Kilometer lange Ringlinie mit fünf Haltestellen durch die Hamburger Hafencity zirkulieren.

Fünf Radar- und acht Lidarsensoren

Klappt alles wie erhofft, könnte Heat andere Pilotversuche - auch Mainz, Berlin und Frankfurt am Main testen autonome Busse - tatsächlich in den Schatten stellen. Geplant ist, dass während der Projektphase insgesamt drei Kleinbusse gebaut werden, wobei jedes neue Modell die bis dahin gesammelten Erkenntnisse berücksichtigt.

Noch ist nicht klar, wie groß die Lithium-Ionen-Batterie des Fahrzeugs am Ende sein sollte. Auch die Ausstattung des Gefährts kann sich noch ändern. Bisher sind fünf Radar- und acht Lidarsensoren an Bord, dazu diverse Kameras. Sensoren an Ampeln und Straßenlaternen an der Strecke liefern dem Bus weitere Informationen über die Fahrstrecke.

Was bringen Robobusse wirklich für den ÖPNV?

"Sicherheit hat oberste Priorität", sagt Verkehrssenator Westhagemann. Deshalb sei von Anfang an auch die Leitstelle der Hamburger Hochbahn involviert. Diese kann den Bus jederzeit stoppen, mit den Fahrgästen kommunizieren und die Türen öffnen, wenn das Gefährt dereinst autonom durch die HafenCity fährt.

Roland-Berger-Verkehrsexperte Dyskin ist optimistisch, was den Einsatz dieser Technologie im Nahverkehr betrifft. "Ich halte es für möglich, dass bis zum Jahr 2030 in manchen Städten zwischen 20 und 30 Prozent der Fahrten des öffentlichen Nahverkehrs von Robobussen bestritten werden."

Hamburg hält sich indes offen, ob und wie genau die Busse in den Nahverkehr integriert werden. Fahrgastbefragungen flankieren das Heat-Projekt. Die Initiatoren wollen wissen, ob die Bevölkerung das System überhaupt akzeptiert.



insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
benxy 31.07.2019
1.
Autonom fährt der sicher nicht, allenfalls automatisch. Können nicht wenigstens Journalisten auf den Unterschied eingehen?
frank.huebner 31.07.2019
2. Ja, mehr Verkehr auf die Straße
Schöne Idee, aber ob es sinnvoll ist, noch mehr Fahrzeuge auf de Straße zu bringen? In Außenbezirken, wo große Busse unrentabel sind, mag es ja noch hinkommen, aber die Innenstädte? Bin gespannt, wie sich der Verkehr auf die Automaten einstellt, denn das größe Unfallrisiko ist halt der Mensch.
PriseSalz 31.07.2019
3. Super!
Die Stadt spart Gehälter, die arbeitslosen Busfahrer werden von der Allgemeinheit über Hartz alimentiert.
Schartin Mulz 31.07.2019
4. Die sogenannten
"autonomen" Busse bringen rein gar nichts außer dem Verlust von Arbeitsplätzen. Man könnte genausogut Kleinbusse mit Fahrer einsetzen. Es ist eine reine Kostenfrage. Wobei man bei der Ersparnis die ganzen Investionen für die Technik abziehen muss. Und warum die Dinger autonom weniger Energie verbrauchen sollen als mit Fahrer, dafür hätte ich gerne mal eine Erklärung. Vom technischen Standpunkt ist das alles sehr interessant. Irgendwelche positiven Auswirkungen auf die Inrastruktur der Verkehrsbetriebe oder die Umwelt hat das nicht.
Maklerin156 31.07.2019
5. Hihi autonom in der Hafen glug glug
Einen autonomen Bus an der Wasserkante, üi, klingt gruselig nass. Ansonsten gute Idee.
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