Ablenkung im Straßenverkehr Polizei will Unfälle wegen Handynutzung konsequenter verfolgen

Ablenkung durchs Handy gilt als eine der häufigsten Unfallursachen. Die Polizei soll dies künftig strenger erfassen. Das Problem: Oft fehlt es an Zeugen.

Autofahrer mit Smartphone
Westend61/ imago images

Autofahrer mit Smartphone

Von Haiko Prengel


Die Polizei soll Verstöße gegen unerlaubte Handynutzung im Straßenverkehr künftig konsequenter erfassen können.

Weil elektronische Geräte am Steuer benutzt werden, kommt es immer häufiger zu Unfällen - schätzungsweise ein Drittel aller Unfälle ist heute auf abgelenkte Fahrer zurückzuführen. Geplant sei deshalb, den bundesweiten Katalog der Unfallursachen um den Faktor "Ablenkung" zu ergänzen, sagte Stefanie Spaniol vom Fachstab Verkehr im Berliner Polizeipräsidium. Das Ziel sei, die "polizeiliche Recherche" am Unfallort zu verbessern.

Laut Paragraf 23a der Straßenverkehrsordnung dürfen Mobiltelefone, Tablets und andere elektronische Geräte nicht während der Fahrt benutzt werden - es sei denn, das Kraftfahrzeug verfügt über eine Freisprecheinrichtung oder Vorlesefunktionen. Viele Autofahrer telefonieren trotzdem mit dem Handy am Ohr oder tippen während der Fahrt Kurznachrichten. "Manche Leute telefonieren sogar weiter, wenn neben ihnen ein Polizeiwagen vorbeifährt", berichtete Spaniol.

Allein die Berliner Polizei registrierte im Jahr 2017 über 15.600 Ordnungswidrigkeiten wegen Benutzung elektronischer Geräte im Straßenverkehr. 2018 waren es knapp 18.800 Fälle. Erwischte Autofahrer können in Deutschland mit einem Bußgeld von bis zu 200 Euro und einem Punkt bestraft werden, Radfahrer müssen 55 bis 100 Euro bezahlen.

"Ablenkung gilt längst als eine der wichtigsten Unfallursachen"

Die Dunkelziffer der Verstöße sei weitaus höher, sagte Spaniol. Um insbesondere die Lage bei Verkehrsunfällen transparenter zu machen, sollen Polizeibeamte künftig "Ablenkung" explizit als Unfallursache angeben können - wie in anderen Fällen etwa mangelnder Abstand oder nicht beachtete Vorfahrt. Der Vorstoß kommt von der Arbeitsgemeinschaft Verkehrspolizeiliche Angelegenheiten (AG VPA), einem Verkehrsfachgremium der Innenministerien.

Der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR) begrüßte den Vorstoß. "Ablenkung gilt unter Experten für Verkehrssicherheit längst als eine der wichtigsten Unfallursachen", sagte DVR-Geschäftsführerin Ute Hammer. Das Ursachenverzeichnis, auf das Polizeibeamte bei Verkehrsunfällen zurückgriffen, sehe Ablenkung als Unfallursache nicht vor, sodass ihnen nur das Bemerkungsfeld bliebe, um den Unfall richtig zu dokumentieren. "Deshalb müssen die Länder die Erhebungspapiere einheitlich um den Punkt 'Ablenkung' erweitern, um eine bundesweite Auswertung zu ermöglichen", betonte Hammer.

Das Vorhaben hat allerdings einen Haken: Um Handysünder zu überführen, braucht es in der Regel Zeugen. Zwar kann die Polizei in Verdachtsfällen Mobiltelefone zur Auswertung einziehen. In der Praxis werde dies aber nur bei schweren Verkehrsunfällen - etwa mit Todesfolge - gemacht, sagte Stefanie Spaniol vom Berliner Polizeipräsidium.

In Niedersachsen filmt die Polizei deshalb Lkw-Fahrer auf ausgewählten Autobahnen auf der Suche nach Handys am Steuer. Bei dem Pilotprojekt patrouillieren die Beamten mit einem zivilen Fahrzeug, auf dessen Dach eine Kamera installiert ist. Vor allem wenn Lastwagenfahrer nicht auf die Straße schauen, können die Folgen verheerend sein. Im Jahr 2017 verursachten Lkw-Fahrer auf deutschen Autobahnen 560 Auffahrunfälle, an denen Pkw beteiligt waren. Dabei starben 21 Menschen, wie eine Sonderauswertung des Statistischen Bundesamts für den SPIEGEL ergab.

Im Video: Auf frischer Tat - Polizei filmt Handysünder

Polizei Oldenbrug

Aber auch die Ablenkung im Auto kann sehr gefährlich werden.

  • Wer im Stadtverkehr bei 50 km/h bloß sein Handy entsperrt (Dauer circa vier Sekunden), riskiert eine Blindfahrt von 56 Metern, wie die Polizei Berlin warnt.
  • Beim Wählen einer Nummer (circa 14 Sekunden) sind es 196 Meter Blindfahrt,
  • beim Tippen einer SMS (circa 18 Sekunden) sogar 252 Meter.

"Aufs Handy geschaut - Unfall gebaut" heißt der Info-Flyer der Berliner Polizei. Allerdings lenkt nach Angaben der Polizei nicht nur der Gebrauch von Mobiltelefonen, sondern auch Rauchen, Essen und Trinken oder lautes Musikhören vom Straßenverkehr ab. Die viel gepriesene Freisprecheinrichtung sei bei der Handynutzung im Übrigen keine generelle Verbesserung, sondern minimiere das Unfallrisiko "nur geringfügig". Die Beamten haben deswegen eine relativ rigorose Empfehlung: "Stellen Sie Ihr Handy am besten aus oder in den Flugmodus um."



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mazzmazz 21.08.2019
1. Problem und Akzeptanz desselben
Als jahrelanger Vielfahrer mit den ersten Handies und später mit Smartphones erkenne ich durchaus das generelle Problem des Abgelenktseins durch die Bedienung des Gerätes. Nur gibnt es heute so gut wie keine Autos mehr ohne Freisprecheinrichtung. Wer doch noch ein solches fährt, kann für wenige Euro eine Halterung für das Telefon installieren und in einem der beiden Ohren einen Kopfhörer tragen. So muss zur Annahme eines Telefonates nur noch für 0,5 Sekunden auf das Display getippt und das Gerät gar nicht in die Hand genommen werden. Texten ist natürlich ein No-Go. Außerdem ist die Bedienung der Musikanlage bzw. die Auswahl von Musik auf dem handy ein Thema. Hier ist die Erwähnung des Entsperrens im Artikel interessant. Kenne ich auch und habe in meinem älteren Wagen, dessen Radio das Handy nicht steuern kann, die Halterung so eingestellt, dass die "Face-ID"-FUnktion des Smartphones funktioniert. Es muss nur einmal irgendwo auf dem Display angetippt werden. Die vorher ausgewählte Playlist kann dann derart genutzt werden, dass man im Bruchteil einer Sekunde ein gerade ungeliebtes Lied mit der Pfeiltaste überspringt. Das müsste doch für alle möglich sein. Schwierig ist dabei nur, dass man heute weniger telefoniert und mehr textet. Hier hilft nur eine über das Lenkrad anwählbare Diktierfunktion. Gibt es auch schon. Das Spiegeln der wichtigen Smartphone-Apps aufs Autodisplay (bei Apple heisst das z.B. "Car Play") ist selbst in günstigen Kleinwagen erhältlich und meist keine sehr teure Option mehr. Gerade in LKW sollte dies angesichts der furchtbaren Unfälle eine Pflichtausstattung sein. Wer heute noch mit einem Handy im Auto herumspielt, sollte in der Tat eine sehr teure Strafe erwarten müssen. Wad die Akzeptanz solcher Strafen allerdings stark senkt, ist das deutsche Heurmreiten auf einer juristischen Spitzfindigkeit: die Handybedienung ist im Stand erlaubt, wenn der Motor nicht läuft. Bei Start-Stop-Systemen also an der Ampel. Ohne ein solches ist es jedoch verboten. Diesen Käse und die Verfolgung solcher Fälle sollte die Verkehrspolizei sich sparen. Wenn das Auto steht, kann m.E. ruhig getextet oder Musik ausgewählt werden. 1 Punkt wegen solcherlei Unfug hingegen wird niemand akzeptieren und daraus eine Verhaltensänderung ableiten. Wie so oft ist insbes. in Deutschland bei der Verfolgung von kleinen Delikten im Straßenverkehr mehr Fingerspitzengefühl gefragt. Verfolgt lieber telefonierende LKW-Fahrer, Drängler, Mittelspurschleicher und Spurwechselsünder, anstatt sich an Unfug wie Texten im Stand mit laufendem Motor hochzuziehen.
Mike.liquimoly 21.08.2019
2. Warum erst dann, wenn es zu spät ist?
Wenn die Ursache für ein Drittel aller Unfälle doch bekannt ist, warum fängt die Polizeiarbeit erst an, wenn der Unfall bereits passiert ist? Ich registriere im Stadtverkehr täglich mindestens 20 Fälle pro Stunde von Handynutzung am Steuer. Warum werden keine Polizeikontrollen durchgeführt, wie bei Geschwindigkeitsübertretungen? Sobald sich die Punkte in Flensburg häufen, werden die notorischen Handynutzer zum Umdenken gezwungen. Es muss auch nicht erst bei vollem Punktekonto ein Führerscheinentzug verfolgen, notorischer Schnellfahrer werden ja auch bei drei Geschwindigkeitsverstößen gerichtlich zum vorübergehenden Entzug ihrer Fahrerlaubnis verurteilt.
spon_2545532 21.08.2019
3. Es fehlt an Zeugen ...
Ob telefoniert wurde, kann doch relativ einfach über den Provider und die bei der Handybenutzung involvierten Antennen eruiert werden. Die Antennen liefern den Standort/die Standorte (wenn das Handy in Bewegung ist), Die Zeit der Benutzung, der Name des Benutzers führt im Normalfall zur Telefonnummer und umgekehrt. Es sollte sich also nachweisen lassen, ob das Handy während der Fahrt benutzt wurde.
hosenmatz15 21.08.2019
4. Idee hapert an der Umsetzung
Nette Idee aber solange Zeugen und Anzeigen von der deutschen Polizei weiterhin nicht ernst genommen und verschleppt werden (könnte jetzt eine Liste von Beispielen nennen) wird auch das tollste Gesetz nichts an der Lage im Strassenverkehr ändern.
marclarsen 21.08.2019
5. fehlende Zeugen?
Man kann ein Gesetzt erlassen, dass der Polizei erlaubt beim Netzbetreiber Info einzuholen, ob Verbindung zum Internet bestand zum Zeitpunkt des Unfalls. Ob Messengerdienste genutzt wurden....usw... Ich wäre dafür! Als Vielfahrer sehe ich noch zu viele Wahnsinnige mit dem Gerät in der Hand während der Fahrt. Wenn ich mich wundere warum der vor mir so nervös unterwegs ist, klärt es sich beim Überholvergang mit einem Blick in das Fahrzeug.....
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