Hybrid-Technik Die deutsche Angst vor der Serie

Die Aufholjagd hat begonnen. Deutsche Autobauer präsentieren neben ihren Messe-Neuheiten auf der IAA auch Prototypen mit Hybridantrieb. Japanische Hersteller zeigen ebenfalls Hybridmodelle - serienfertig und bereits in zweiter Generation.


Audi Q7: Ab 2008 mit Hybridantrieb im Verkauf
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Audi Q7: Ab 2008 mit Hybridantrieb im Verkauf

Frankfurt - Dass Mercedes die neue S-Klasse, Audi den Geländewagen Q7, BMW eine Coupé-Version des Z4 und Porsche den Cayman S auf der IAA vorstellen würden, war seit Wochen bekannt. Trotzdem hatten die Premieren noch ein Überraschungsmoment, denn die vier deutschen Hersteller präsentierten neben diesen neuen Autos auch Modelle mit Hybridtechnik - oder kündigten diese zumindest an. Der mächtige Allrader Audi Q7 zum Beispiel wird nach den Worten von Audi-Chef Martin Winterkorn voraussichtlich 2008 mit Hybridantrieb in den Verkauf kommen. Das auf der IAA vorgestellte Q7-Konzeptauto ist mit einem 4,2-Liter-V8-Motor mit Benzindirekteinspritzung und 350 PS (257 kW) sowie einem derzeit noch nicht näher spezifizierten Elektroaggregat ausgestattet.

Die Ingolstädter betonten, dass der Wagen trotz der Öko-Technik, für die sich mancher Vollgas-Techniker offenbar immer noch entschuldigen zu müssen glaubt, in 6,8 Sekunden von 0 auf Tempo 100 spurtet und mit einem Durchschnittsverbrauch von 12,0 Litern Superbenzin knapp 13 Prozent weniger verbraucht als das Basismodell des wuchtigen Siebensitzers. "Überzeugender lässt sich die Effizienz des Audi-Hybridantriebs nicht belegen", teilte das Unternehmen mit. Diese Einsicht kommt reichlich spät, zumal Audi bereits vor 16 Jahren ein Hybrid-Experimentalfahrzeug auf die Räder gestellt hatte.

Mercedes präsentiert zwei Hybridmodelle

Auch Mercedes müht sich, den Rückstand beim Hybridantrieb aufzuholen. Thomas Weber, der für Forschung und Technologie verantwortliche Vorstand, stellte in einer eigenen Pressekonferenz gleich zwei neue Hybrid-Prototypen im Gewand der neuen S-Klasse vor. Das eine Modell kombiniert den aktuellen 3,5-Liter-V6-Benzin-Direkteinspritzer mit einem Elektromotor und trägt den Namen "Direct Hybrid". Die zweite Variante verfügt über einen 3-Liter-V6-Diesel sowie einen Elektromotor und heißt "Bluetec Hybrid". In diesem Modell kommt zugleich ein neues Abgasreinigungsverfahren zum Einsatz, das die Diesel-typischen Stickoxyde um zirka 80 Prozent reduziert. "Damit wird der Bluetec Hybrid zum saubersten Diesel der Welt", sagte Weber.

Smart Crosstown: Hybrid-Studie ohne Chancen auf Serienfertigung
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Smart Crosstown: Hybrid-Studie ohne Chancen auf Serienfertigung

Die Verbrauchswerte (Durchschnittswert je 100 Kilometer) für die beiden Oberklasse-Studien liegen bei 7,7 Liter Diesel und 8,3 Liter Benzin, was in diesem Fahrzeugsegment absolut respektabel ist. Allein bei der Frage nach dem konkreten Produktionsstart solcher Autos bleiben die Aussagen schwammig. "In den kommenden Jahren", teilte Mercedes mit, könne die Hybridtechnik den Verbrennungsmotor ergänzen. Unkonkreter geht es kaum.

Dennoch wird Mercedes wohl eher mit Hybridautos auf dem Markt sein als Porsche. Der Vorstandschef des Zuffenhausener Sportwagenbauers, Wendelin Wiedeking, kündigte zwar eine Hybridversion des Geländebrummers Cayenne an, blieb beim Zeitrahmen aber sehr vage. "Noch in diesem Jahrzehnt", sagte der Porsche-Chef lax.

Technik, die nie in Serie gehen wird

Ähnlich unpräzise bleibt BMW. Die Bayern zeigen in Frankfurt die Studie X3 Active Hybrid: ein Auto, das dank kombiniertem Benzin- und Elektromotor bis zu 600 Newtonmeter mobilisieren kann und mit einem Beschleunigungsvermögen von 0 auf Tempo 100 in 6,7 Sekunden aufwartet. Es scheint, als seien die Leistungsdaten dieser Antriebssysteme wesentlich interessanter, als die Antwort auf die Frage, wann denn die ersten dieser Autos an Kunden ausgeliefert werden könnten.

Smart immerhin fackelt nicht lange und erklärt, die Studie Crosstown, unter deren Karosserie ein Dreizylinder-Benziner mit 61 PS und ein Elektromotor mit 30 PS stecken, werde mit dieser Technik niemals in Serie gehen. Der aufwändige Antrieb rechne sich einfach nicht bei einem Kleinwagen, heißt es als Begründung.

Klar ist: Der Hybridantrieb ist keineswegs die Lösung für alle Verbrauchs- und Abgasprobleme, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Denn zumindest unter bestimmten Fahrbedingungen hängen in diesen Kategorien moderne Hybridfahrzeuge Autos mit herkömmlicher Technik locker ab. Das ist ja auch der Grund, weshalb die deutschen Hersteller jetzt so vehement diese Technik vorantreiben wollen: Mercedes im Verbund mit General Motors und BMW, Audi gemeinsam mit VW und Porsche. Mögen manche auch vor 10, 15 Jahren führend in dieser Technik gewesen sein - heute haben andere Marken die Spitze in diesem Bereich übernommen.

Japanische Hybridautos schon marktreif

Der Toyota-Konzern zum Beispiel, dessen Luxusmarke Lexus auf der IAA bereits das zweite Hybridmodell vorstellt: den GS 450 h, ein viertüriges Oberklassemodell, für dessen Antrieb ein 3,5-Liter-V6-Benziner (286 PS) und ein Elektromotor (190 PS) gekoppelt wurden. Die Gesamtleistung des Systems liegt bei 340 PS (250 kW), die angebliche Beschleunigung bei unter sechs Sekunden von 0 auf Tempo 100. Im Frühjahr 2006 soll das Auto auf den europäischen Markt kommen. Lexus behauptet, der Verbrauch des Wagens gleiche dem einer "Limousine mit 2-Liter-Vierzylinder" - das wären rund 7,5 Liter Benzin je 100 Kilometer.

Und auch Honda treibt die Hybridentwicklung weiter voran. Der neue Civic wird auch in einer Variante mit Doppelmotor-Antrieb in den nächsten Monaten auf den Markt kommen. Auf eine solche Nachricht von einem deutschen Hersteller wird die Kundschaft noch unbestimmte Zeit warten müssen. Immerhin hat die Aufholjagd begonnen.



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