Hyundai Centennial Der fliegende Teppich

Normalerweise ist Franz Beckenbauer deutsche Luxuslimousinen gewohnt. Doch während der WM steigt der Chef des WM-Organisationskomitees in das Flaggschiff des Hauptsponsors Hyundai um und fährt Centennial. Auch SPIEGEL ONLINE war mit der Achtzylinder-Sänfte unterwegs.


Franz Beckenbauer dürfte sich in den nächsten Wochen ein bisschen so fühlen wie weiland Erich Honecker oder Michael Gorbatschow bei internationalen Gipfeltreffen – zumindest wenn er auf dem VIP-Parkplatz vorfährt. Während die Prominenz ohne offizielles Mandat in deutschen Luxuslimousinen zum Spiel kommen wird, rollt der "Fußballkaiser" als Fifa-Funktionär wie seinerzeit die osteuropäischen Führungskader in einem eher ungewöhnlichen Auto zu den Arenen. Allerdings fährt er nicht in einem Volvo oder gar Zil vor, sondern entsteigt einem Centennial, den WM-Hauptsponsor Hyundai eigens für das Turnier ins Land geholt hat.

Normalerweise nämlich gibt es die 5,11 Meter lange Limousine ausschließlich im Hyundai-Heimatland Korea, wo sie für Preise zwischen umgerechnet 64.000 und 76.000 Euro Regierungsmitgliedern und Wirtschaftsführern als patriotisch korrekte Alternative zu Mercedes S-Klasse, BMW 7er  oder Audi A8 dient und pro Jahr rund 18.000 Mal verkauft wird. Kurz vor dem Anpfiff der Weltmeisterschaft war SPIEGEL ONLINE mit jenem Exemplar des Luxusliners unterwegs, das sonst dem Hyundai-Präsidenten bei Europa-Reisen als Dienstwagen dient.

Der relativ kantig und ziemlich streng gezeichnete Luxusliner macht auch ohne bekanntes Markenzeichen einen durchaus repräsentativen Eindruck. Dort, wo über dem mit breiten Streben verchromten Kühlergrill sonst der Stern prangt, thront hier eine auf Hochglanz polierte Kühlerfigur, die entfernt an die Emily eines Rolls Royce erinnert. Sie symbolisiert das geflügelte Pferd, das dem Wagen in Korea den Namen "Equus" eingetragen hat und sich auch auf dem Lenkrad und am Heckdeckel wiederfindet.

Tischtennis auf der Motorhaube

Hinter dem stolzen Kühler schließt sich eine so große und glatte Motorhaube an, dass man auf ihr mühelos Tischtennis spielen könnte. Danach kommt ein geometrisch exakt aufgesetztes Passagierabteil mit noblen Chromleisten um die Fenster und hinten ein riesiger Kofferraum, der wohl die Bälle für alle WM-Spiele zusammen fassen würde. Dazu gibt es Scheinwerfer und Rückleuchten, die viel moderner sind, als der Wagen eigentlich aussieht. Vorn strahlt der Centennial mit Xenonlicht und blinkt mit Neon-Leisten, wie sie einst der BMW Z8 hatte, und hinten funkeln die Bremslichter in LED-Technik.

Unter der Haube steckt ein 4,5 Liter großer Achtzylindermotor mit Benzindirekteinspritzung, den die Koreaner bei Mitsubishi zukaufen. Er leistet zwar 274 PS, wirkt aber im Gegensatz zu vielen andere Maschinen dieses Kalibers ausgesprochen zahm. Auch die Höchstgeschwindigkeit von 225 km/h spricht nicht für eine eilige Dienstfahrt. Dies ist kein Auto, um zu reisen oder gar zu rasen, sondern vor allem um zu repräsentieren. Dafür ist der Antrieb perfekt: Kaum hörbar säuselt der V8, kaum spürbar schaltet die fünfstufige Automatik, und in Bewegung setzt sich der Wagen nahezu geräuschlos.

In Deutschland nur ausnahmsweise unterwegs

Natürlich fährt sich der gut zwei Tonnen schwere Wagen anders als eine S-Klasse, ein A8 oder ein 7er. Während man mit den deutschen Luxuslinern auch mit 250 km/h noch entspannt über die Autobahn rollt, braucht man im Centennial bei hohem Tempo schon ein bisschen mehr Feingefühl am polierten Holzlenkrad. Aber das ist für Hyundai-Sprecher Stefan P. Henrich aus der Europazentrale in Rüsselsheim auch in Ordnung – schließlich wurde der Wagen ausschließlich für Korea entwickelt und abgestimmt und wird auch nach dem Fußball-Gastspiel nicht in Europa verkauft.

"Außerdem gelten für Luxuslimousinen dieses Zuschnitts in Asien andere Gesetze", sagt Henrich. "Erstens herrscht in Korea generelles Tempolimit. Und zweitens fährt man ein solches Auto dort niemals selbst, sondern man lässt sich fahren. Wichtig ist also nicht, wie sich der Centennial hinter dem Lenkrad anfühlt, sondern dass man die Fahrt auf dem Rücksitz genießen kann, während der Fahrer durch die Rushhour von Seoul chauffiert."

Autofahren, wie in Watte gepackt

Wenn das die Prämisse der Entwickler war, haben sie ihren Job gut gemacht. Denn so schlecht ist schon der weich gepolsterte und individuell klimatisierte Platz hinter dem Lenkrad nicht. Und wer sich bequem auf das breite Sofa im Fond fallen lässt, der schwebt wie in einer Sänfte ins Stadion. Weil man den Vordersitz auf Knopfdruck auch von hinten verstellen kann, bietet der Centennial bei 2,84 Meter Radstand mehr Beinfreiheit, als es die Herren Beckenbauer & Co. aus ihren deutschen Limousinen gewohnt sind.

Auch an Komfort mangelt es nicht. Rollos schützen die Privatsphäre, eine separate Klimaanlage hält die individuelle Wohlfühltemperatur, in der Mittelarmlehne sind Bonbons, Erfrischungstücher oder ein Cocktail gut aufgehoben. Derweil spielt die soundgewaltige Infinity-Anlage die aktuellen Stadionhits, und auf dem großen Monitor zwischen den Vordersitzen zeigt der Bordcomputer auf Koreanisch Reichweite, Verbrauch oder Durchschnittstempo an. Weil das kaum ein Fußball-Promi verstehen wird, gibt es im Handschuhfach Platz für DVDs. Feinfühlige Chauffeure werden zumindest für deutsche Fahrgäste dort das "Wunder von Bern" bereit halten – der Traum ist ja erst 52 Jahre alt.

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