Fazit der IAA 2019 Unsere Gewinner und Verlierer der Automesse

Retro-Elektroauto, PS-Rakete oder selbstaufblasbare Reifen: Die diesjährige IAA hatte einige automobile Überraschungen zu bieten. Unsere SPIEGEL-Autoren küren ihre persönlichen Tops und Flops.

Christian Frahm/ SPIEGEL ONLINE

Angesichts von SUV-Diskussion, angekündigter Proteste zum Wochenende und einem massiven Schwund an Ausstellern ist das Schicksal der Automesse IAA mehr als fraglich. 2019 aber sonnten sich noch etliche automobile Neuheiten im Rampenlicht wie eh und je. Fünf Reporter, die für den SPIEGEL auf der Messe in Frankfurt unterwegs waren, sagen, was ihnen am besten gefallen hat - und welche IAA-Neuheiten voll durchgefallen sind.

Von Martin Wittler

Top: Byton M-Byte

Martin Wittler

Viele Hersteller haben schon schicke Elektroauto-Studien auf der IAA präsentiert. Der chinesische Autohersteller Byton hat es beim Elektro-SUV M-Byte geschafft, den Charme der Studie auch ins Serienfahrzeug zu übertragen. Der M-Byte, der auf der Messe in Halle 8 seine Weltpremiere feierte, zeigt auf, wie ein modernes Auto von innen aussehen kann. Ein 48-Zoll-Bildschirm - das sind 1,25 Meter - erstreckt sich über die gesamte Fahrzeugbreite und ersetzt das klassische Armaturenbrett. Bedienbar ist der Screen über zwei Tabletcomputer. Einer ist im Lenkrad integriert, der andere zwischen Mittelarmlehne und Mittelkonsole positioniert. 45.000 Euro soll Bytons erstes Auto kosten. Schade, dass der Wagen erst in zwei Jahren nach Europa kommt.

Flop: Porsche Taycan

Martin Wittler

Vier Jahre hat die Geburt von Porsches erstem reinen Elektroauto gedauert. Aus der 2015 vorgestellten Studie Mission E wurde der Taycan, der jetzt in Halle 3 auf der IAA steht. Porsche warf im Vorfeld nur so mit Superlativen um sich: mehr als 700 PS, in 2,8 Sekunden von null auf 100 km/h, 26 Beschleunigungen von null auf 200 km/h mit einer Akku-Ladung. Das schürte hohe Erwartungen. Nur schade, dass die beim Anblick des Taycan auf dem Messestand erst einmal enttäuscht werden. Von vorn erinnert der E-Sportwagen an einen weinenden Orka. Manche Karosseriefugen wirken so willkürlich, dass man sich fragt, wie das Profi-Designern passieren konnte. Kein gutes Omen für ein Auto mit einem Startpreis von rund 150.000 Euro.


Von Jürgen Pander

Top: Reifen mit Luftdruck-Automatik

Jürgen Pander

Bei manchen Innovationen fragt man sich, warum erst jetzt einer darauf gekommen ist. Etwa bei dem Rad-Prototypen auf dem Stand des Zulieferers Continental in der IAA-Halle 8. Die Idee: Zwei kleine Pumpen in der Felge saugen bei jeder Beschleunigung des Autos zwischen 20 und 45 km/h Luft an. Das funktioniert rein mechanisch über die Zentrifugalkraft. Die angesaugte Luft (mit bis zu 7 bar) kann entweder direkt in den Reifen geleitet werden, oder aber in einen Mini-Drucklufttank im Rad. So oder so: Mit dieser sogenannten Pressure-Proof-Technologie kann der Reifenfülldruck stets im Idealbereich gehalten werden. Auch das, sagt Continental, sei eine Maßnahme, um CO2 zu sparen, denn zahlreiche Fahrzeuge seien mit zu wenig Reifenfülldruck unterwegs, was den Rollwiderstand und damit den Spritverbrauch erhöht. Ob und wann die neue Technik in Serie geht, ist noch nicht klar. Bis dahin sollten Autofahrer weiterhin selbst regelmäßig den Luftdruck kontrollieren.

Flop: Mercedes Vision EQS

Jürgen Pander

Studien sind für Automessen, was das Sahnehäubchen für den Kuchen ist: Ein Klecks Extra-Attraktivität. Auf der IAA kündigte Mercedes die Studie Vision EQS entsprechend an. Der Wagen gebe "einen Ausblick auf eine neue Dimension des nachhaltigen Luxus", seine "fluide Spannung" sei stilprägend für "die Designphilosophie Progressive Luxury". Dann steht man vor einem riesigen, rundum konturlosen Fahrzeug, dessen Äußeres vor allem durch 188 Einzel-LEDs an der Fahrzeugfront und 229 Leuchtsternchen am Heck auffällt. Raffiniertes Lichtdesign als Zukunftsvision? Das Irrste: Drunter steckt ein Elektroantrieb, es gäbe also reichlich Freiheiten, um Proportionen neu, maßvoller, kreativer, interessanter zu gestalten. Aber nein, das Wesentliche bleibt beim Alten - lediglich die Deko ist aufwendiger. Und als Nachweis angeblicher Nachhaltigkeit reicht es Mercedes, ein paar Gramm Plastikabfälle aus dem Meer in die Textilverkleidung des Dachhimmels "beizumischen". Himmel!


Von Thomas Geiger

Top: Honda E

Tom Grünweg

Er sieht aus, als wäre er von gestern, und birgt die Technik der Zukunft. Mit dem handlichen Honda E biegt nun auch der größte Verbrennungsmotorenhersteller der Welt auf die Electric Avenue ein. Was an dem Auto fast noch mehr begeistert als das charmante Retro-Design für die Karosserie, das moderne Innenleben und der gewaltige Spaß beim Fahren, das ist die leise Art, mit der Honda den Wagen präsentiert. Die Japaner steigen nicht ein ins Rennen um die größte Reichweite, sondern belassen es bei bescheidenen, aber bezahlbaren 200 Kilometern. Und vor allem entfacht der Hersteller kein PR-Gewitter: Honda will nicht die Welt retten, sondern einfach nur ein neues Auto verkaufen. Sympathisch.

Flop: Lamborghini Sian

Tom Grünweg

Eigentlich muss man den Lamborghini Sian als Petrolhead lieben - schließlich ist die vom Aventador abgeleitete Kleinserie einer der letzten Supersportwagen, der sich auf die IAA getraut hat. 819 PS machen ihn obendrein zum bislang stärksten Lamborghini der Firmengeschichte und mehr als 350 km/h Spitze zu einer Verlockung für die Vollgasfraktion. Doch aus technischer Sicht ist dieser Tiefflieger eine Enttäuschung und als grünes Feigenblatt eine ziemlich welke Angelegenheit. Denn einen elektrischen Startergenerator an den V12-Motor zu flanschen und das als Aufbruch in die Elektromobilität zu feiern, ist eine hoffnungslose Übertreibung. Schließlich machen die 34 PS der E-Maschine nicht einmal fünf Prozent der Gesamtleistung aus, elektrisch fahren kann der Lamborghini keinen Meter und die 2,8 Sekunden von 0 auf 100 km/h schafft der schärfste Aventador auch ohne den elektrischen Hilfsmotor. Da profitiert der Fahrer selbst von den elektrischen Fensterhebern mehr. Nicht dass man jedes Auto elektrifizieren muss. Aber wenn schon, dann bitte richtig.


Von Michael Specht

Top: Mercedes GLE 350 de

Michael Specht

Bislang machen die meisten Plug-in-Hybride nach 30 oder 40 Kilometern elektrisch schlapp. Batterie leer, es springt der Verbrennungsmotor an. Diese geringe Distanz ist vielen Autofahrern zu wenig, sie reicht kaum bis zum Büro und zurück nach Hause. Der GLE de erreicht nach Aussage des Baureihenleiters Andreas Zygan im Alltag nun locker reale 70 bis 80 Kilometer. Kombiniert ist der 100 kW starke E-Motor mit einem Zweiliter-Vierzylinder-Diesel (150 kW). Die Systemleistung beträgt 235 kW. Der GLE 350 de ist zudem der einzige Plug-in-Hybrid, dessen Batterie sich mit bis zu 60 kW Ladeleistung "betanken" lässt. Nach 30 Minuten ist der Akku wieder voll. Ende dieses Jahres kommt der Teilzeit-Stromer in den Handel. Einen genauen Preis verrät Mercedes noch nicht, er soll aber auf dem Niveau des Sechszylinder-Modells GLE 350 d, also bei 70.000 Euro liegen.

Flop: Honda e

Michael Specht

Schade eigentlich Honda, Chance vertan. Gutes Design ist keine Stärke der japanischen Marke, man muss sich da als Beispiel nur den zerklüfteten Civic anschauen. Umso positiver überrascht war die Autowelt, als Honda vor zwei Jahren die elektrische Kleinwagen-Studie "Urban EV" auf die Bühne fuhr. Wow! Clean, cool, puristisch. Dieses E-Auto hätte auch aus der Design-Abteilung von Apple stammen können, so urteilte die Fachwelt. Wie man danach aber die Serienversion, genannt Honda e, derart verunstalten kann, wird vielen, einst potenziellen Kunden, ein Rätsel bleiben. Die knuffigen Proportionen sind fort, die Räder zu klein, das Aussehen schlicht langweilig. Zudem kostet der Honda e mit 33.850 Euro nicht eben wenig, zumindest wenn man das in Relation zu seiner Größe und Reichweite setzt. Letztere liegt bei nur 200 Kilometern. Ein VW e-up! kostet rund 35 Prozent weniger und fährt noch 60 Kilometer weiter.


Von Christian Frahm

Top: Opel Corsa e

Christian Frahm

Opel zeigt auf der IAA die Elektrovariante des Kompaktwagens Corsa. Während Porsche, Audi oder Mercedes an den Nachbarständen auf der IAA das Prinzip Elektromobilität mit potenten Sportwagen oder sprintstarken Hybrid-SUV ad Absurdum führen, hat Opel das Prinzip der E-Mobilität verstanden. Der Corsa e hat 135 E-PS, einen 50-Kilowatt-Akku für 330 Kilometer Reichweite und kostet 29.900 Euro. „Der Corsa-e ist das Elektroauto für alle - voll alltagstauglich und absolut erschwinglich", umschreibt Opel-Chef Michael Lohscheller das Konzept. In Sachen E-Mobilität fährt Opel schon mal vor. Top!

Flop: Wey X

Christian Frahm/ SPIEGEL ONLINE

Die Marke Wey zeigt auf der IAA mit der Studie Wey X seine Vision von der Mobilität der Zukunft. Der in Perlmutt schillernde, mehr als 5 Meter lange SUV-Riese ist aber alles andere als zeitgemäß. Während die Chinesen auf riesige Autos schwören, wäre ein Durchkommen in vielen deutschen Städten mit dem Wey X so gut wie unmöglich. Firmenchef Jack Wey freut sich trotzdem, dass die Marke in China innerhalb von zwei Jahren zum Premiumhersteller aufgestiegen sei. 300.000 Fahrzeuge habe man in dieser Zeit verkauft. Bestärkt durch diesen Erfolg möchte Wey auch den deutschen Markt erobern. Angesichts dieses schillernden Albtraums klingt das eher wie eine Drohung. Als hätten wir nicht schon genug Auswahl an durstigen Möchtegern-Geländewagen. Flop!



insgesamt 148 Beiträge
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Seite 1
Olaf S 13.09.2019
1. So oder so
Okay, Honda polarisiert. Aber Top und Flop in einem Artikel - bemerkenswert.
hps924 13.09.2019
2. Byton M-Byte
Die Qualitäten eines Autos erkennt man an der Diagonales.seines Bildschirms.
Mr.N 13.09.2019
3. Top oder Flop ?
Lustig. Der Honda E gleich zweimal vertreten. Einmal mit Top Bewertung und einmal als Flop. Aber ich teile die Flop Bewertung, das was letztendlich von dem ursprünglichen Entwurf übrig geblieben hat wenig Seele. Schade. Hätte mein erstes E-Fahrzeug werden können.
2cv 13.09.2019
4. Honda e : Top oder Flop?
Dem Redakteur ist es scheints nicht aufgefallen, dass er den Honda e sowohl als Top wie auch als Flop beschreibt. Ich finde: er ist top. Und da bin ich nicht allein. Den Flop könnense streichen... ;-) - - - - - - - -Es sind verschiedene Autoren. Scheint Ihnen nicht aufgefallen zu sein... ;-) MfG Redaktion Forum
lotharbongartz 13.09.2019
5. Taycan
Die Design-Studien sahen lange sehr gut aus. Plötzlich tauchte dann vor ca. einem Jahr ein Design auf, bei dem der Vorderbau wie angesetzt von einem etwas größerem Fahrzeug wirkte. Leider hat es dieses Design in die Serie geschafft.
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