Innovationen auf der IAA Nutzfahrzeuge Fortschritt im Kriechgang

Es gibt kühne Visionen von autonom fahrenden Lkw, doch im Transport-Alltag kommt der Fortschritt nur im Kriechtempo voran. Hier sind die besten Innovationen von der IAA Nutzfahrzeuge in Hannover.

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Kostenkiller - in der Transportbranche hat der Begriff eine besondere Bedeutung, nämlich die: Verbesserungen dürfen nichts kosten. Tun sie es doch, werden sie von vornherein abgelehnt, eben gekillt. Lkw-Hersteller und -Zulieferer, die technische Neuheiten anbieten, drehen sich ständig in diesem Teufelskreis: Innovationen sind zwar erwünscht, aber zahlen will dafür keiner. Laut einer Studie des Zulieferers Continental fordern Spediteure zwar neue Technologien und Sicherheitssysteme, doch nach spätestens zwei Jahren müssen sie sich amortisiert haben, sonst werden sie gar nicht erst angeschafft.

Unter solchen Voraussetzungen ist klar, dass der technische Fortschritt in der Brummi-Branche nur langsam vorankommt. Die automatische Notbremsfunktion etwa, die unter anderem Unfälle am Stauende verhindern soll, ist zwar seit Ende 2015 Pflicht für jeden neuzugelassenen Lkw, ältere Fahrzeuge jedoch müssen nicht nachgerüstet werden. Natürlich aus Kostengründen.

Auf der IAA Nutzfahrzeuge, die derzeit in Hannover stattfindet, lässt sich gut beobachten, wie die Anbieter von Innovationen immer zweigleisig fahren: Jede technische Neuerung muss auch irgendeinen Einspareffekt haben, damit sie sich sozusagen selbst finanziert. Vier Kernbereiche haben die Lkw-Hersteller und deren Zulieferer besonders im Blick: Aerodynamik, Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Elektrifizierung.

Aerodynamik ist alles

Beispiel Aerodynamik: Mercedes-Benz und der Trailer-Hersteller Krone stellen auf der IAA den serienreifen Sattelauflieger "Profi Liner Efficiency" vor, bei dem eine aus schlagfestem Kunststoff gefertigte Seitenverkleidung die kompletten Flanken des Lkw einschließlich der drei Trailer-Achsen abdeckt. In Verbindung mit einem dreiteiligen Heckflügel am Ende des Aufliegers senkt das den cW-Wert laut Hersteller um insgesamt 11,5 Prozent, was wiederum den Spritverbrauch und den CO2-Ausstoß um rund fünf Prozent drücken würde. Da fängt der Fuhrparkmanager dann doch das Rechnen an.

Zumal es weitere Einsparmöglichkeiten gibt, etwa mithilfe von Leichtlaufreifen. Der Reifenhersteller Hankook zeigt erstmalig für den Fernverkehr einen Leichtlaufreifensatz mit dem Rollwiderstandslabel A für alle Achspositionen. E-Cube Blue heißt der Spritsparpneu, der laut Hankook den Kraftstoffverbrauch um bis zu acht Prozent drücken kann.

An mehreren Lkw-Studien auf der IAA wird das Ende des Seitenspiegels gefeiert - zugunsten einer Verbesserung der Sicherheit und der Aerodynamik. Kameras am Lastwagen und Bildschirme im Führerhaus sollen die klassischen, oft serviertablettgroßen Spiegel ersetzen. Der US-Hersteller Stoneridge etwa präsentiert mit dem Produkt Mirror-Eye ein derartiges System. Bis zu acht Kameras liefern Bilder vom Umfeld des Lkw, beispielsweise auch vom Bereich direkt vor der Motorhaube, der sonst für den Fahrer nicht einsehbar ist. Zwar ist das System drei bis vier Mal teurer als herkömmliche Spiegel, doch weil die Kameras erheblich kleiner und windschlüpfiger sind, seien Spriteinsparungen von drei bis fünf Prozent möglich, argumentiert Stoneridge. Zudem lasse sich das System auch bei älteren Lkw nachrüsten. Voraussichtlich im kommenden Jahr wird die entsprechende EU-Richtlinie für die Kamera-Umfeldüberwachung verabschiedet, die Mirror-Eye-Technik soll dann ab 2018 verfügbar sein.

Die Assistenzsysteme kommen

Einen Schritt weiter Richtung Digitalisierung geht Continental mit einem ähnlichen System, das jedoch zusätzlich mit Sicherheitsassistenten vernetzt ist und den Fahrer beispielsweise beim unfallträchtigen Rechtsabbiegen unterstützt. Erkennen die Sensoren rechts neben dem Lkw einen Radfahrer, wird der Fahrer über ein pulsierendes LED-Lichtband in der Fahrzeugkabine oder mittels eines akustischen Warnsignals alarmiert.

Auch das aus vielen Pkw bereits bekannte Head-up-Display kommt nun erstmals auch im Lkw zum Einsatz. Continental stellt die Technik auf der IAA vor, wobei die Anzeigemöglichkeiten dann vom Lkw-Hersteller frei definiert werden können. So kann sich der Fahrer Geschwindigkeit oder Navigationshinweise, Stau- oder Warnmeldungen, Verkehrszeichen oder die Restlenkzeit bis zur nächsten Pause anzeigen lassen.

Der Zulieferer ZF zeigt auf der IAA den Innovation Truck, ein begehbares Führerhaus aus Plexiglas, in dem drei Neuheiten untergebracht sind. Etwa ein Sensorsystem, mit dessen Hilfe das Steuergerät das Umfeld des Lkw dreidimensional erkennt und daraufhin Steuerbefehle an Antrieb und Lenkung geben kann. Der Evasive Maneuver Assist (EMA) beispielsweise lenkt dann den Sattelzug automatisiert an Gefahrenstellen vorbei; der Highway Driving Assist (HDA) hält den Lkw in der Fahrspur und zugleich automatisch den Sicherheitsabstand zum vorausfahrenden Fahrzeug; und der Safe-Range-Assistent hilft beim Rangieren in engen Betriebshöfen und kann selbstständig die richtige Laderampe ansteuern.

Neuartige Werkstoffe

Um ein akutes Brummi-Problem hat sich Bosch gekümmert. Die App-basierte "Secure Truck Parking"-Plattform soll künftig dabei helfen, überfüllte Rasthöfe und Parkplätze zu vermeiden. Dazu ermöglicht die App die Online-Reservierung und bargeldlose Bezahlung von Lkw-Parkplätzen auf Rasthöfen. Um die nötige Vernetzung der Autobahnraststätten und Autohöfe kümmert sich Bosch, ebenso um die Anbindung dieser Daten an die IT-Systeme der Disponenten und Lkw-Fahrer, die alle verfügbaren Stellplätze in Echtzeit abfragen können.

Wichtiger werden auch nachhaltige Werkstoffe im Lkw-Geschäft. Continental zeigt auf der Messe erstmalig ein Motorlager aus Löwenzahnkautschuk. Das Taraxagum genannte Material wird aus der Wurzel des kaukasischen Löwenzahns gewonnen, und soll den bislang verwendeten Kautschuk ersetzen. Auch Lkw-Reifen und ein Gelenkwellenzwischenlager aus Taraxagum werden gezeigt, allerdings sind das allesamt noch Prototypen. Der Serieneinsatz des neuen Materials, das auch in Nord- und Westeuropa gewonnen werden kann, was Transportwege und damit CO2 eingespart, soll in frühestens fünf Jahren möglich sein.

Auch die Elektrifizierung hält zunehmend Einzug in der Lkw-Branche. Der neue VW-Transporter Crafter - soeben zum "Van des Jahres" gekürt - soll ab 2017 auch als Elektro-Version vorfahren. Auf der IAA präsentierte VW den Prototypen e-Crafter mit einer 136 PS starken Elektromaschine. Der Lithium-Ionen-Akku ist unter dem Ladeboden verbaut und hat eine Speicherkapazität von 43 kWh, war für gut 200 Kilometer Fahrt reichen soll. Die Serienversion soll allerdings Reichweiten bis 400 Kilometern meistern.

Noch einen Schritt weiter geht der koreanische Hersteller Hyundai und zeigt mit dem H350 Fuel Cell Concept einen Kleinbus mit Brennstoffzellenantrieb. Die drei Hochdruck-Wasserstofftanks, die im Unterboden zwischen den Achsen verbaut sind, lassen sich mit einem Druck von 700 bar in weniger als vier Minuten befüllen. Die Tankkapazität von rund sieben Kilogramm genügt für 422 Kilometer. Der Elektromotor des H350 Fuel Cell leistet 136 PS und beschleunigt das Fahrzeug auf eine Höchstgeschwindigkeit von 150 km/h.

Abseits der großen Hersteller zeigt das französische Unternehmen Libner eine Besonderheit in Sachen Elektromobilität. "Base Intelligente de Logistique", kurz BIL, nennt das Unternehmen das Konzept, mit dem es das Problem der letzten Meile auf neue Art angeht. Denn oft muss Frachtgut an für große Lkw nur schwer oder gar nicht zugänglichen Zielorten abgeliefert werden. Für solche Fälle hat Libner einen Mini-Elektro-Lkw entwickelt, der auf der Ladefläche eines herkömmlichen Fernlasters parkt, um am Bestimmungsort die Ware von der Ladefläche direkt zum Abnehmer zu transportieren. Das Fahrzeug und hat eine Reichweite von 80 Kilometern, eine Höchstgeschwindigkeit von 45 km/h und eine Nutzlast von 600 Kilogramm. Der Akku des E-Lieferwägelchens wird immer dann geladen, wenn es auf dem großen Lkw steht und auf den nächsten Einsatz wartet. Ab dem nächsten Jahr soll die Huckepack-Lösung einsatzbereit sein, Libner plant mit 400 bis 500 Einheiten pro Jahr.



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Seite 1
openklaus 24.09.2016
1. Bustechnik ? da fehlt doch noch ein Hinweis
Vor einem Jahr hat SPON einen Bericht zu einem chinesischen E-Bus geschrieben den ein deutscher Busunternehmer gekauft hat. Die Batterie war in einem Anhänger untergebracht und somit ein "Auftank-Boxenstoff" möglich. Einsatzgebiet war im Regionalverkehr, der ja den größten Anteil der Busnutzung ausmacht.
jasper366 24.09.2016
2.
Zitat von openklausVor einem Jahr hat SPON einen Bericht zu einem chinesischen E-Bus geschrieben den ein deutscher Busunternehmer gekauft hat. Die Batterie war in einem Anhänger untergebracht und somit ein "Auftank-Boxenstoff" möglich. Einsatzgebiet war im Regionalverkehr, der ja den größten Anteil der Busnutzung ausmacht.
Das gabs in Deutschland schon vor über 40 Jahren. ;-) http://www.metropoleruhr.de/fileadmin/_migrated/pics/Im_Zuge_2.png http://www.image-load.net/users/public/images/nxP1y4ldJQ.jpg Der fuhr Anfang der 70er in Koblenz. Also ein ganz alter Hut
spontanistin 24.09.2016
3. Nutz (!) fahrzeuge
Nur wenn die Nutzfahrzeuge den Kosten- und Komfortvorteil der neuen Entwicklungen in der Praxis nachdrücklich beweisen, könnte dies auch einen Schub für E-PKWs und (teil-)autonomes Fahren bringen. Es wird jedoch nie die Möchtegern-Rennfahrer überzeugen, denen Motorlärm über alles geht!
querulant_99 24.09.2016
4.
Zitat von spontanistinNur wenn die Nutzfahrzeuge den Kosten- und Komfortvorteil der neuen Entwicklungen in der Praxis nachdrücklich beweisen, könnte dies auch einen Schub für E-PKWs und (teil-)autonomes Fahren bringen. Es wird jedoch nie die Möchtegern-Rennfahrer überzeugen, denen Motorlärm über alles geht!
Den notwendigen Sound kann man doch auch elektronisch erzeugen!
Shlomo Spitzberg 24.09.2016
5.
Zitat von spontanistinNur wenn die Nutzfahrzeuge den Kosten- und Komfortvorteil der neuen Entwicklungen in der Praxis nachdrücklich beweisen, könnte dies auch einen Schub für E-PKWs und (teil-)autonomes Fahren bringen. Es wird jedoch nie die Möchtegern-Rennfahrer überzeugen, denen Motorlärm über alles geht!
Ich bin seit ca. 25 Jahren kein Nutzfahrzeug mehr gefahren. Das letzte mal so 1991 auf der Abi-Abschlussfahrt sind wir mit einem Nutzfahrzeug-Bus gefahren. Ich mag die Nutzfahrzeuge einfach nicht, das ist nichts für mich. Motorlärm brauche ich aber nicht und mittlerweile sind die PKW ja eh so verdammt leise, da macht es ja keinen Unterschied mehr ob Elektroauto oder gut gedämmte Limousine oder SUV, ab ca. 30km/h überwiegen ja sowieso die Abrollgeräusche der Reifen.
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