ICCT-Studie Auch beim Spritverbrauch schummeln Autohersteller

Nicht nur bei Abgasen, auch beim CO2-Ausstoß waren die Angaben der Autobauer noch nie so realitätsfern wie heute. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie des ICCT - jenes Forschungsinstituts, das VW ins Wanken brachte.

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Die Kluft zwischen realen Spritverbräuchen und den Angaben im Verkaufsprospekt wird immer größer. Aktuell beträgt die Abweichung bei Neuwagen in Europa im Schnitt 40 Prozent. Dies berichtet das Forschungsinstitut ICCT (International Council on Clean Transportation) in seiner jüngsten Studie.

Besonders bei Audi (45 Prozent), Mercedes (51 Prozent) und Volvo (45 Prozent) fiel die Diskrepanz zwischen den im Labor ermittelten Werten und den im Straßenverkehr herausgefahrenen Spritverbräuchen besonders groß aus. "Richtig gut ist aber kein Hersteller", sagt Peter Mock, Direktor des ICCT Europa.

Die Studie kommt zu einem Zeitpunkt, da Europas größter Autobauer VW zugeben musste, bei Abgaswerten im großen Stil manipuliert zu haben. Auslöser des VW-Abgas-Skandals waren Untersuchungen des ICCT. Bei den Spritverbräuchen gibt es für Mock aber keinen Grund zur Annahme, dass ebenfalls illegale Tricks angewendet werden. "Das ist gar nicht nötig. Das Testprozedere ist viel zu lasch", kritisiert Mock.

Schlupflöcher ermöglichen traumhafte Werte

Von 2002 bis 2014 haben sich die Abweichungen vervierfacht. Über die Jahre hätten die Hersteller immer mehr Schlupflöcher gefunden, um die Tests mit legalen Mitteln zu unterwandern. Im Rahmen des Testverfahrens kamen besonders schmale Reifen zum Einsatz oder Leichtlauföle, die der Kunde gar nicht kaufen kann.

Der Autofahrer ist am Ende der Geschädigte: etwa 450 Euro fallen durchschnittlich pro Jahr und Fahrzeug an zusätzlichen Spritkosten an.

Besonders alarmierend seien die Werte der Hybrid-Fahrzeuge. So kommen die Modelle von Toyota, die auf eine Kombination aus Elektro- und Benzinmotor setzen, auf einen Mehrverbrauch von 45 Prozent. Die Technik an sich will Mock gar nicht kritisieren. In der Stadt bringen Hybrid-Autos beim Verbrauch tatsächlich Vorteile. Doch der Testzyklus müsste für diese Fahrzeuge ebenfalls geändert werden, weil der elektrisch zurückgelegte Teil der Reichweite unverhältnismäßig hoch angerechnet wird. Der Ausstoß von Kohlendioxid ist unmittelbar an den Spritverbrauch gekoppelt.

Daten von mehr als 500.000 Fahrzeugen

Für die Studie hat das ICCT gemeinsam mit der niederländischen Organisation für angewandte Wissenschaften (TNO) und dem deutschen Institut für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (IFEU) zusammengearbeitet. Dazu wurden Daten von mehr als 500.000 Fahrzeugen aus sechs unterschiedlichen europäischen Ländern analysiert. Die Forscher stützten sich dabei auf Verbraucherseiten im Internet oder Automagazine, die den Spritverbrauch im realen Verkehr ermitteln.

2017 soll in der EU ein neues Testverfahren eingeführt werden, das zu realistischeren Spritverbräuchen im Labor führen soll. "Ohne dieses neue Testverfahren wird die Lücke zwischen Laborwerten und realen Verbräuchen auf etwa 50 Prozent bis 2020 anwachsen", schätzt Mock.

mhu



insgesamt 159 Beiträge
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Seite 1
_unwissender 25.09.2015
1. ist ja wie Fußbal ...
Ich finde, das ist der Trend der modernen Zeit: pikst man den Sumpf an, dann stinkt's. Ob das Fußball oder Siemens, ob das Auto oder EU ist, überall das Gleiche. Ist da vielleicht doch etwas von System drin?
xyunbekannt0001 25.09.2015
2. es wird zeit....
dass diese labormessverfahren verboten werden und die messverfahren im alltäglichen verkehr eingeführt werden. nur so kann man annähernd realistische werte ermittel. es gibt bestimmt genügend autofahrer die sich bereiterklären solche fahrzeuge zu fahren und die zeit für auswertung opfern.
brutus972 25.09.2015
3. ICCT-Studie: Auch beim Spritverbrauch schummeln Autohersteller
Diese Studie hätte eigentlich vom ADAC kommen müssen! Wenn ein Plugin-Hybrid mit 2L/100km bei 300 PS angegeben wird, müssen nicht nur die Lager sehr gut geschmiert worden sein!
fx33 25.09.2015
4. Der größte Fehler bei den Verbrauchswerten...
Der größte Fehler bei den Verbrauchswerten sitzt hinter dem Lenkrad. Mit der zunehmend (und überflüssig) stärkeren Motorisierung wird auch diese Mehrleistung just for fun abgerufen. Nicht, dass das einen realen Vorteil bringen würde, aber der Fahrer fühlt sich toll, wenn er mit einer kleinen Fußbewegung 2 Tonnen so irrwitzig beschleunigen kann, wie er es sonst nur in der Achterbahn kennt. Der Verstand setzt dabei völlig aus. Hauptsache, man kann es mal krachen lassen, und wenn es nur für eine Sekunde ist. Lustgewinn statt Hirn. Wer ein übermotorisiertes Fahrzeug (und das sind mindestens die Hälfte aller Autos) kauft, der will die völlig unsinnige Mehrausgabe halt vor sich rechtfertigen. Also wird beschleunigt, als gäbe es kein Morgen, und sich eingeredet, dass das jetzt absolut notwendig war. Kognitive Dissonanz halten die Leute, die den Verführungen der Werbepsychologen erliegen, eben nicht aus.
mirdochwurscht 25.09.2015
5. Nein wirklich?
Dafür hat es eine Studie gebraucht? Ist doch seit Jahrzehnten allgemein bekannt und wurde von den Käufern schweigend hingenommen. Aber vielleicht wird jetzt endlich seitens der Autobauer reagiert und reale Verbrauchswerte angegeben . Mit der Möglichkeit die Hersteller bei größerer Abweichung zu verklagen.
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