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30. August 2018, 04:40 Uhr

Im Smart auf Weltreise

"Unsere Freunde halten uns für ziemlich verrückt"

Ein Interview von

Kein anderes Auto ist so sehr auf den Stadtverkehr zugeschnitten wie der Smart - und so ungeeignet für längere Strecken. Ein chinesisches Pärchen lässt sich davon nicht abschrecken und fährt mit dem Wagen um die Welt.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen mit Ihrem Smart um die Welt fahren. Wo sind Sie gerade?

Zu Yuntong: Wir haben in zwei Monaten fast 23.000 Kilometer abgespult und sind nun von Paris auf dem Weg nach Lissabon. Nach etwa 200 Tagen, etwa 60.000 Kilometern und 45 bereisten Ländern wollen wir wieder zurück in Peking sein. Zunächst fahren wir überwiegend durch Europa.

SPIEGEL ONLINE: Wieso tun Sie sich das an? Eine solche Reise in einem Auto, das nicht viel länger ist als manches Lastenfahrrad.

Zu Yuntong: Wir lieben den Smart, das Auto hat uns zusammengebracht. Als Single bin ich auf Li erst aufmerksam geworden, weil er seinen Smart so süß mit selbst gestalteten Aufklebern dekoriert hat. Das Auto bedeutet uns viel.

SPIEGEL ONLINE: Aber für eine Weltreise wäre ein Kastenwagen oder ein großer Kombi vielleicht das passendere Modell gewesen...

Li Shizun: Unsere Freunde und Familien halten uns tatsächlich für ziemlich verrückt. Die meisten Chinesen träumen von einem SUV oder einer Limousine und nicht von so einem kleinen Auto. Trotzdem besitzt der Smart in China eine Fangemeinde, weil er individuell ist und den Fahrer aus der Masse hebt. Das ist wichtig in einem Milliardenvolk wie unserem. Und technisch bietet er alles, was wir auf unserer Reise brauchen.

SPIEGEL ONLINE: Wirklich alles? Der Kofferraum reicht normalerweise gerade mal für einen Wochenendtrip. Sie beide haben aber Gepäck für mehr als sechs Monate dabei.

Li Shizun: Wir haben nicht nur wochenlang überlegt, was wir alles mitnehmen müssen, sondern auch alle Sachen immer wieder ins und aufs Auto gepackt, bis wir den Bogen raus hatten. Wegen des ganzen zusätzlichen Gewichts haben wir dann Testfahrten auf den unterschiedlichsten Strecken gemacht. So hat die Vorbereitung alleine acht Monate und 7000 Kilometer gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Am 2. Mai sind Sie dann endlich aufgebrochen. Was war bislang der schönste Moment ihrer Reise?

Zu Yuntong: Der war ganz am Anfang, beim Grenzübertritt nach Russland. Wir Chinesen können nur einen einzigen Übergang nutzen. Lediglich ein Dutzend Autos passieren den am Tag. Auf der chinesischen Seite dauert die Abfertigung nur eine Stunde, auf der russischen kann sie Tage dauern. Als wir nach acht Stunden durch waren, war das für uns der eigentliche Start zur Reise.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie nie das Gefühl, umdrehen zu wollen?

Zu Yuntong: 200 Kilometer vor Oslo waren wir völlig durch, wir hielten an einer Tankstelle, saßen mehrere Stunden einfach nur da, starrten nach draußen und sprachen kein Wort mehr. Dann haben wir uns entschieden, eine Pause zu machen und ein Hotel vor Ort zu suchen. Auf dem Waldweg dorthin stand plötzlich ein majestätischer Elch vor uns - größer als der Smart. Da waren alle Strapazen wieder vergessen.

SPIEGEL ONLINE: So eine Reise ist ja nicht umsonst. Wie finanzieren Sie Ihr Abenteuer?

Zu Yuntong: Wir haben eine kleine Unterstützung von Smart China bekommen, aber das meiste Geld stammt aus dem Verkauf von Lis Haus in Harbin, in der nördlichsten Provinz. Außerdem vermieten wir unsere Wohnung bei Airbnb. Am wichtigsten ist aber die Unterstützung der Smart Community. Egal ob Händler oder Kunden - wo wir hinkommen, werden wir warmherzig empfangen und bekommen viel Hilfe.

SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Ihre Tage unterwegs aus?

Zu Yuntong: Fahren, fahren, fahren - bei unserer Strecke bleibt nicht viel Zeit für lange Stopps. An manchen Tagen sind wir mehr als 1000 Kilometer unterwegs. Das gilt vor allem für Länder in Europa mit einer guten Infrastruktur, sonst kommen wir manchmal auch nur auf 200 bis 300 Kilometer. Einen Tank von 28 Litern Benzin pro Tag fahren wir aber immer leer, oft auch zwei oder drei. Wir übernachten in Hotels und Airbnb-Unterkünften. Meist halten wir nur in der Hauptstadt eines Landes, treffen ein paar andere Smart-Fahrer, machen Fotos und schon sind wir wieder weg.

SPIEGEL ONLINE: Läuft bisher alles reibungslos?

Li Shizun: Die schlechten Straßen in Russland haben dem Fahrwerk und den Reifen ordentlich zugesetzt, aber mit jedem Kilometer nach Westen wurde es besser. Das Schlimmste für uns war bisher der defekte Dachgepäckträger. Bereits in den ersten Tagen in Russland ist ein Teil gebrochen. Reparieren war nicht möglich, und es gab auch keinen Ersatz. Deshalb mussten wir uns aus China Ersatzteile schicken lassen. Da diese uns aber erst in Norwegen erreichen sollten, mussten wir von dem ohnehin schon wenigen Gepäck nochmal was ablasten. Zwei Klappstühle, das Zelt, zwei Schlafmatten und Schlafsäcke, ein Tischchen und das Zeug zum Autowaschen sind deshalb auf der Strecke geblieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie geht es von Lissabon aus weiter?

Li Shizun: Wir haben noch nicht ganz die Hälfte geschafft, wollen durch Italien, über den Balkan und in die Türkei und von dort aus zurück. Jeder Tag "on the road" macht uns glücklich. Deshalb sind wir eher traurig, wenn wir an den Rückweg denken. Aber wir haben einen Trost. Europa ist nur ein Kontinent, weitere sollen folgen. Im nächsten Jahr fangen wir in Amerika einfach wieder von vorne an.

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