Infotainment-Konzept MyComand Unterwegs auf der Datenautobahn

Selbst MP3-Spieler können sich ins Internet einwählen - in den meisten Autos hingegen herrscht Funkstille. Mercedes-Forscher im Silicon Valley haben nun ein Infotainment-System entwickelt, das wenig Wünsche offen lässt - nur leider gibt es noch kein passendes Datennetz dazu.


Auf der Schnellstraße kennen sie sich aus. Doch was die Pkw-Hersteller bislang auf der Datenautobahn zustande gebracht haben, ist eher dürftig. Magere Übertragungsraten, limitierte Zugänge, umständliche Menüführung und oft genug noch vorsortierte Inhalte lassen das Auto als Internetcafe auf Rädern bislang ziemlich alt aussehen. Selbst in nagelneuen Modellen wie dem BMW 7er ist der Webzugang lahm und lustlos. Doch die Autoindustrie gibt nicht auf. Obwohl die meisten PC-Nomaden, Infotainment-Junkies und Web-Treckies den Internetzugang mit Laptop und Mobiltelefon ohnehin längst in der Tasche haben, bauen die Entwickler in Stuttgart, München und Wolfsburg weiter an der Auffahrt zur Datenautobahn und bringen angeblich bald jedes Autos ins Netz. Bereits in fünf Jahren, so schätzen Branchenexperten, werde jeder Neuwagen einen Internetzugang haben.

Darauf setzt auch Mercedes-Experte Ralf Guido Herrtwich, der für die Schwaben im Silicon Valley an Infotainment- und Telematiksystemen der Zukunft forscht und jetzt sein neuestes Projekt vorgestellt hat: MyComand. "Dabei geht es uns allerdings nicht in erster Linie ums mobile Surfen", sagt der Entwickler. Vielmehr will Herrtwich das Internet im Auto als Mittel zum Zweck benutzen und sämtliche Navigations-, Kommunikations- und Infotainmentfunktionen ins Web auslagern.

Die Vorteile: Alle Inhalte sind immer auf dem allerneusten Stand, man kann sie immer und überall auch unabhängig vom Auto nutzen, und man braucht im Fahrzeug nicht mehr so viel teure und platzraubende Technik. "Grob vereinfacht brauchen wir nur noch einen Monitor, ein Modem, einen kleinen Datenspeicher, das Eingabesystem und die Lautsprecher", fasst er zusammen.

Schöne neue Infotainment-Welt - aber wer braucht die?

Obwohl also weniger Technik benötigt wird, können sich die Autofahrer auf mehr Möglichkeiten freuen. Erstmals zeigt Mercedes das System in der Studie Concept Fascination. Die Navigation zum Beispiel stützt sich künftig auf die Daten von Google und bietet neben der Karten- auch die Satellitendarstellung sowie die Fotoauswahl der Streetviews. Außerdem wird die Karte mit aktuellen Datenbanken verknüpft.

So findet man mit paar Mausklicks die günstigste Tankstelle oder das Parkhaus mit den meisten freien Stellplätzen. Darüber hinaus haben die Schwaben einen so genannten Trip-Assist entwickelt, der Informationen am Wegesrand aufbereitet: Das Wetter entlang der Route ist ebenso abrufbar wie eine Auswahl an Hotels und Restaurants oder das Kino- und Konzertprogramm am Zielort. "Und natürlich kann man sich über entsprechende Reservierungssysteme auch gleich einbuchen", sagt Herrtwich.

MyComand bezieht die Kontaktdaten dafür von einem persönlichen Server; auf den kann der Nutzer auch seine Lieblingsmusik auslagern. Filme kommen via YouTube ins Auto, und statt der dünnen Radio-Auswahl im Empfangsbereich der UKW-Antenne stehen im Mercedes der Zukunft alle Stationen zur Verfügung, die im Internet präsent sind: Oberkrainer Volksmusik in Oklahoma, Radio Barbados in Bottrop und Hessen 3 auf Hawaii sind damit kein Problem. Ach ja, natürlich ist das Auto permanent online, und mit dem integrierten Internetbrowser könnte man auch im Web loslegen.

Was noch fehlt, ist das passende Datennetz

Der neue Ansatz der Schwaben bietet nicht nur dem Kunden Vorteile, weil die Inhalte ständig auf dem neuesten Stand sind, die Bedienung über die gewohnte Menüführung erfolgt und man sich um die Integration externer Geräte keine Gedanken mehr machen muss. Auch die Entwickler und Designer profitieren davon. Die einen gewinnen wertvollen Platz im Armaturenbrett, und die anderen müssen nicht mehr den viel schnelleren Entwicklungszyklen in der Unterhaltungselektronik hinterher hecheln. Und billiger als DVD-Spieler, CD-Wechsler, Radio und Autotelefon ist ein einziges System auch.

Unter Laborbedingungen funktioniert die Technik schon ganz gut, und Herrtwich ist zuversichtlich, dass erste Details wie die so genannte Offboard-Navigation bald in Serienfahrzeugen installiert werden. Doch bis MyComand so rund läuft wie an der verkabelten Demo-Säule, wird es noch dauern.

Denn dazu muss erst einmal ein neues Mobilfunknetz mit üppiger Datenrate und größeren Funkzellen aufgebaut werden, damit nicht alle 30 Sekunden Sendeschluss ist. Zwar arbeiten die Netzbetreiber an einem neuen Standard namens LTE (Long Term Evolution), der laut Herrtwich etwa im Jahr 2013 mit einer Übertragungsrate von 100 MBit/s starten soll. Doch lehrt die Erfahrung aus dem schleppenden Aufbau des UMTS-Netzes, dass man etwas langfristiger planen sollte. Auf der Datenautobahn fahren Autos vorerst weiter über die Kriechspur.



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