Innenraumfilter für Fahrzeuge Die luftigen Versprechen der Autohersteller

Stadtluft ist dreckig. Damit man wenigstens im Auto frei atmen kann, bieten Fahrzeughersteller Filtersysteme für Klimaanlagen - und verdienen so an einem Problem, das sie selbst mit verursacht haben.
Lüftung im Auto

Lüftung im Auto

Foto: efenzi/ Getty Images

Von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, hat Mercedes unlängst etwas Überraschendes getan: Der Autohersteller warnte vor Gefahren durch Autoabgase.

"Wenn Sie nur eine Stunde täglich auf Hauptstraßen unterwegs sind", hieß es in einem Kundenschreiben, ergebe das "aufs Jahr gerechnet 301,6 Gramm Feinstaub, den Sie einatmen".

Was war geschehen? Hatte die Deutschen Umwelthilfe Mercedes juristisch zum Bußgang in Sachen Abgasaffäre verdonnert? Keinesfalls. Das Unternehmen aus Stuttgart warb lediglich für eine Sonderausstattung: Innenraum-Luftfilter. Diese stellten sicher, dass zumindest "der Innenraum Ihres Mercedes-Benz" zu "100 Prozent feinstaubfrei ist". Alle Kunden könnten sie "zu Frühlingspreisen" einbauen lassen.

Von der Werbeaktion hat sich Daimler inzwischen distanziert - aufgrund mehrerer Faktenfehler im Text, wie die "Zeit" berichtete . Dennoch wirft die Kampagne ein Schlaglicht auf ein wachsendes Phänomen. Autohersteller bieten nämlich die Lösung für ein Problem, das sie zum Großteil selbst verursacht haben: Sie haben die schlechte Luft in deutschen Städten als Verkaufsargument für teure Innenluftfilter und anderes Zubehör in ihren Fahrzeugen entdeckt.

"Air Care" von Volkswagen - klingt eigentlich wie ein Witz

"Nicht alle Bestandteile der Außenluft sind im Auto erwünscht", weiß zum Beispiel Volkswagen. Für die Klimaanlage "Air Care" mit Luftreinigungsfunktion wird ein Aufpreis von rund 500 Euro fällig. Für die gleiche Summe schützt im Touran das System "Pure Air" mit Luftgütesensor die Insassen gar vor den Abgasen des eigenen Autos. Sobald der Wagen rückwärts fährt, schaltet das Gerät auf Umluftbetrieb um - die Luftzufuhr von außen wird somit gedrosselt.

Die immer ausgefeilteren Systeme sollen alle möglichen Partikel und Gase aus dem Innenraum fernhalten: Pollenallergene, Feinstaub, Ozon und nicht zuletzt Stickoxide, um die es im Dieselskandal vor allem geht. Motto: Was auch immer aus dem Auspuff rauskommen mag - im Auto bleibt die Luft sauber.

Wie wirksam sind die Filter wirklich?

Auch Audi macht beim Thema Luftqualität Tempo, zumindest im Auto. Die Ingolstädter bieten ab Sommer auch bei kleineren Modellen einen neuen Klimafilter an. "Dieser holt nicht nur Feinstaub und schädliche Gase aus der Luft, sondern macht auch einen Großteil aller Allergene unschädlich", heißt es bei Audi. Für 59 bis 79 Euro lassen sich auch ältere Modelle nachrüsten. Im Q7 bietet Audi für 200 Euro zusätzlich einen sogenannten Ionisator, der schädliche Partikel und Keime in der Luft reduzieren soll. "Die so verbesserte Luftqualität im Fahrzeuginnenraum kann zur Steigerung des Wohlbefindens und der Aufmerksamkeit beitragen", befindet der Hersteller.

Klingt nett - doch ähnlich wie bei der Abgasreinigung zwischen Motor und Auspuffrohr ist fraglich, wie weit Autofahrer den Verheißungen der Industrie glauben können. Stimmen die sprichwörtlich luftigen Versprechen denn? Audi betont, die "hohe Wirksamkeit" der Filter sei zumindest in den Autos der Ingolstädter erwiesen. Doch wie stark wirken die Systeme tatsächlich? Auf eine Anfrage reagierte der Hersteller zunächst nicht.

Auch Experten tun sich mit einer Einschätzung nicht leicht. "Die Anlagen verbessern sich in graduellen Schritten", sagt ADAC-Techniker Arnulf Thiemel. Vliese und Aktivkohleschichten seien vielfach bereits Standard. Hinzu kommen Luftgütesensoren, die die Arbeitsweise der Klimaanlage beeinflussen. "Wenn man in die Stadt fährt, macht die Anlage bei besonders hoher Schadstoffkonzentration dicht", nennt Thiemel ein Beispiel. Laut seine Angaben gibt es jedoch kaum aussagekräftige Innenraumfilter-Tests.

Das könnte sich allerdings ändern, denn ein Zeitungsbericht hat den ADAC jetzt alarmiert: Die Redakteure von "Auto Bild" wollen bei einer Testfahrt herausgefunden haben, dass die Stickoxid-Konzentration im Innenraum eines VW Golf während der Fahrt im Kölner Raum die amtlichen Grenzwerte für Atemluft deutlich überschritt.

In der Stadt befanden sich im Schnitt 91 Mikrogramm Stickstoffdioxid (NO2) in einem Kubikmeter Atemluft, auf der Autobahn sogar 156 Mikrogramm. Der Jahresgrenzwert liegt bei 40 Mikrogramm. Während der Fahrt hinter Kleinlastern wie Mercedes Sprinter oder Fiat Ducato explodierte der Wert auf bis zu 534 Mikrogramm. "Die Ergebnisse klingen recht dramatisch, so dass wir das Thema intensiv verfolgen", sagt ADAC-Mann Thiemel.

"Schwedische Luft" mitten im chinesischen Smog

Tatsächlich spielt das Thema Innenraumluft in andere Ländern bereits eine viel größere Rolle als in Deutschland. So liefern sich Hersteller im von Smog geplagten China einen Wettstreit um die sauberste Luft im Fahrzeug. Volvo verkauft seine Autos mit dem Versprechen, man atme darin praktisch "schwedische Luft". Elektroautobauer Tesla preschte zuletzt mit der Aussage vor, der "Biowaffen-Verteidigungsmodus" des Model X senke nicht nur die Belastung im Innenraum, sondern verbessere zudem die Außenluft. Dies funktioniert natürlich nur, weil das Auto als Batteriefahrzeug lokal keine Emissionen ausstößt.

Was aber tun, so lange die meisten Autos Abgase ausstoßen und Innenraumfilter noch nicht in allen Fahrzeugen perfekt arbeiten? "Weil unsere Lunge ja NO2 aus der Luft filtert", zitiert "Auto Bild" Umweltphysiker Denis Pöhler mit einem sarkastischen Scherz, "empfehle ich, als Letzter zu atmen, falls mehrere Personen im Auto sitzen".

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