Jagd auf Erlkönige Warten in der Schneewehe

Eines der letzten Abenteuer in der zivilisierten Welt ist die Jagd auf Erlkönige. Die Prototypen neuer Automodelle wollen die Hersteller so lange wie möglich geheim halten - eine Herausforderung für Fotografen, die sich für ein Bild schon mal bei minus 30 Grad im Schnee eingraben.


Köln/Koblenz - Michael Malessa ist nervös, er schaut ständig an den Straßenrand. Steht hinter dem Busch vielleicht ein Fotograf? Und ist das da vorn womöglich ein Teleobjektiv? Das könnte der Ingenieur gar nicht gebrauchen. Denn Malessa ist Testfahrer, und sein Wagen ein sogenannter Erlkönig. "Das sind Prototypen in der Vorserienerprobung, für die höchste Geheimhaltung gilt", erläutert der Experte aus dem Ford-Entwicklungszentrum in Köln.

Künftige Ford Focus Cabrio: Bis zur Unkenntlichkeit verklebt
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Künftige Ford Focus Cabrio: Bis zur Unkenntlichkeit verklebt

"Damit weder die Wettbewerber noch die Spione der Fachmagazine zu früh die Details unserer neuen Modelle erfahren, werden diese Autos für ihre Testfahrten oft bis zur Unkenntlichkeit verklebt und umgebaut", sagt Malessa und zieht einen neuen Streifen Klebeband von der Rolle. Damit befestigt er einen Überzieher aus schwarzem Kunstleder, der sich wie eine aufgeplusterte Daunenjacke über die Karosserie spannt und alle Konturen schluckt. Außerdem trägt sein Dienstwagen kein Markenzeichen mehr. Typische Merkmale wie Kühlergrill oder Rückleuchten werden oft ebenfalls ausgetauscht.

Hermetisch abgeriegeltes Testgelände

"Solche Tarnungen sind durchaus angebracht", erläutert Audi-Sprecher Udo Rügheimer in Ingolstadt, "damit wir den Zeitplan der Veröffentlichungen unter Kontrolle behalten." Gelangen Fotos künftiger Modelle zu früh an die Öffentlichkeit, gehe der Absatz der aktuellen Fahrzeuggeneration zurück. Außerdem könne man auf der nächsten Messe eine böse Überraschung erleben, wenn Wettbewerber Designdetails künftiger Autos für ihre aktuellen Studien abkupfern.

"Viele dieser Tests finden auf Prüfständen im Entwicklungszentrum statt, auf denen wir nahezu alle Temperatur- und Umweltbedingungen simulieren können, ohne dass uns dabei jemand über die Schulter schaut", sagt Ford-Sprecher Hartwig Petersen. Außerdem habe nahezu jeder Hersteller ein Prüfgelände, das hermetisch abgeriegelt und bewacht wird. "Trotzdem müssen wir mit den Autos irgendwann auch dorthin, wo später die Kunden mit ihnen unterwegs sein werden", sagt Petersen. "Wir wollen schließlich sicherstellen, dass sie im alltäglichen Verkehr so funktionieren, wie sich das die Entwickler gedacht haben," ergänzt Testfahrer Malessa.

Für diese Härtefall-Erprobung werden die "Erlkönige" oft um den halben Globus verschickt. "Vor dem Serienstart testen wir die Wintereigenschaften in Skandinavien oder in Alaska", sagt Mercedes-Sprecher Norbert Giesen in Stuttgart. Ob die Autos unbeschadet auch große Hitze überstehen, prüfen die Testfahrer in Arizona, im Death Valley oder im Süden Spaniens. Die Fahrwerke werden häufig auf der Nordschleife des Nürburgrings abgestimmt. Und für Bremsproben sind die "Erlkönige" Dauergäste am Großglockner oder an anderen Alpenpässen.

Schwitzen und Frieren für den Shot

"Diese klassischen Teststrecken kennen nicht nur die Hersteller, sondern auch wir Fotografen", sagt Andreas Conradt von der Agentur Automedia in Himbergen (Niedersachsen), der Prototypen schon seit 20 Jahren mit Teleobjektiven nachstellt. "Dafür lungern wir oft stundenlang vor den Werkstoren herum, graben uns bei minus 30 Grad Celsius in finnische Schneewehen ein, oder sitzen oft tagelang in der Wüste, um im richtigen Augenblick auf den Auslöser zu drücken."

Doch die Mühe kann sich lohnen. "Je nachdem, wie selten das entsprechende Auto bislang gesichtet wurde und wie wichtig es für den entsprechenden Markt ist, reichen die Honorare pro Bild von 50 bis 5000 Euro", erzählt Conradt. Allerdings machen die Hersteller den Fotografen die Arbeit immer schwerer. "Denn immer mehr Tests finden auf abgesperrten Bahnen statt, an die wir nicht so ohne weiteres rankommen. Dann sind List und Tücke gefragt, bis wir das Geheimnis doch geknackt haben", sagt der Fotograf vieldeutig.

An dieser "Jagd" beteiligen sich allerdings nicht nur die Profis."Auch Amateure haben längst einen großen Ehrgeiz entwickelt", sagt Stefan Miete von der in Köln erscheinenden "Auto Zeitung" und berichtet von mehreren Dutzend Leserfotos pro Woche. Viel anfangen können die Magazine mit diesen Fotos für gewöhnlich nicht, weil die Qualität häufig zu wünschen übrig lässt und die Tarnungen immer besser werden. "Einen bis zur Unkenntlichkeit verklebten "Erlkönig" abzudrucken, bringt dem Leser herzlich wenig. Wir wollen ja keinen "Moonraker" zeigen, sondern den nächsten Golf", sagt Miete.

Erlkönig-Puzzle am Computer

"Wenn den Magazinen die entsprechenden Fotos noch fehlen, müssen die Grafiker und Designer ran", sagt Rolf Schepp aus Bischoffen (Hessen), der als "DeLusi" zum Beispiel für die "Auto Zeitung" arbeitet. Er retuschiert Aufnahmen der aktuellen Modellpalette und die getarnten "Erlkönige" am Computer oder auf dem Zeichenbrett so lange, bis ein Golf von gestern wie der Scirocco von morgen aussieht oder das wild verklebte Focus Cabrio seine Camouflage abgelegt hat.

Dabei hilft ihm seine Erfahrung - schließlich hat er jahrelang als Autodesigner gearbeitet. Bei der Arbeit an "Erlkönigen" setze er quasi wie ein Puzzle alle Informationen aus unterschiedlichen Quellen zu einer möglichst realistischen Darstellung des kommenden Fahrzeuges zusammen, erläutert er seine Vorgehensweise.

Weil bei der Enttarnung viel auf dem Spiel steht, man sich der Fotos aber kaum erwehren kann, ist das Verhältnis von Jägern und Gejagten ein ganz besonderes. "Wir kennen uns alle schon ziemlich lange", sagt Ford-Testfahrer Malessa, "und wir wissen, wo die Herren Jäger auf uns warten." Wenn es wirklich ernst ist, würden gefährliche Ecken eben vermieden. Aber wenn die Neuheit schon nicht mehr ganz so neu ist, reicht es manchmal sogar für einen freundlichen Gruß, beschreibt "Jäger" Conradt das tägliche Katz- und Maus-Spiel.

Von Thomas Geiger, gms



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