Jaguars Deutschlandchef Scott "Unser Freiraum wird größer werden"

Budget eingefroren, alle Manager zum Hindi-Kurs? Mitnichten, sagt Jaguars Deutschlandchef Jeffrey L. Scott. Er kann dem bevorstehenden Verkauf der britischen Ford-Luxustochter an den indischen Tata-Konzern durchaus Positives abgewinnen - und hofft auf mehr Eigenständigkeit.


Angesichts der seit Monaten anhaltenden Diskussion darüber, an wen der Ford-Konzern seine noblen Töchter Jaguar und Land Rover versilbert, wirkt Jeffrey L. Scott ziemlich gelassen. "Die Aufregung ist rein äußerlich", sagt der Chef der beiden britischen Traditionsmarken in Deutschland im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "Hinter den Kulissen läuft die Arbeit unverändert weiter", behauptet Scott mit Blick auf Autos wie die Land Rover-Studie LRX oder den neuen Jaguar XF, der in wenigen Tagen zu den Händlern rollt. "Beide Modelle liegen im Plan. Daran sieht man, dass die Verkaufsverhandlungen auf das Tagesgeschäft keinen Einfluss haben."

Scott muss so etwas natürlich sagen und Gelassenheit demonstrieren. Doch tatsächlich gibt es wohl viele bei Jaguar und Land Rover, die über die Trennung von der US-Mutter Ford nicht besonders unglücklich sind. Die endgültige Entscheidung steht zwar offiziell noch aus, doch wahrscheinlich gehen die beiden Marken an den indischen Tata-Konzern.

"Ich denke, dass unser Freiraum größer wird", sagt Scott. Ford habe die Marken oft an der kurzen Leine geführt, sagt er mit nur mühsam unterdrücktem Groll auf die Kostenkiller aus der Zentrale. "Dass ein Ford-Händler seine Kunden zum Essen einlädt, mag bei der Marge eines Focus vielleicht überzogen sein. Aber wenn wir für über 80.000 Euro einen XJ verkaufen, sollte es auch noch für das Menü der Begleitung reichen", sagt er. "Unter anderer Regie wird das hoffentlich anders."

"Unser Freiraum wird größer werden"

Mit dem Geschäft in Deutschland ist der gebürtige Amerikaner zufrieden. "Jetzt sind wir so langsam wieder da, wo wir im Jahr 2000 waren", sagt Scott, der das Jahr 2007 mit 3800 Jaguar-Zulassungen abschloss und mit dem neuen XF nun mindestens 30 Prozent Plus machen möchte. Zudem landete Jaguar bei den Pannenstatistiken wieder unter den Guten.

Also alles dandy bei den Briten? Nicht so ganz. Fünf wichtige Projekte sehe er, sagt Scott. Für Jaguar wünscht er sich zu allererst "einen Wagen, der schneller als 300 km/h fahren kann", weil damit das sportliche Image gestärkt werden könnte. Als Vorbild nennt er den XJ 220 von 1994, der einmal der schnellste Straßensportwagen seiner Zeit war. Ganz so extrem wird es wohl nicht werden. Aber das Bekenntnis zur freiwilligen Selbstbeschränkung auf 250 km/h haben die Briten schon einmal zurückgenommen.

Der zweite Jaguar-Wunsch dürfte schwerer zu realisieren sein. "Ich könnte mir gut einen XJ mit viel mehr Luxus vorstellen", sagt Scott und skizziert eine Limousine, die weit über die noble Ausstattungsvariante Daimler Super 8 hinausgeht. "Wir müssen uns entscheiden, womit wir mehr verdienen: mit vielen Autos oder vielen Inhalten", sagt er. "Als ich 2004 angefangen habe, lag die Umsatzrendite unserer Partner bei minus 2,5 Prozent. Heute liegt sie konservativ gerechnet bei 1,5 Prozent plus. Im Klartext: Unsere Händler verdienen mit der Marke wieder Geld."

Was wird aus dem X-Type?

Als Grund dafür nennt er den Modellmix. "In keinem anderen Land in Europa verkauft Jaguar so viele XJ wie in Deutschland, und nirgendwo sonst so wenig X-Type." Dennoch will er auf das Einstiegsmodell nicht verzichten, zumal es mit der Modellpflege zum Frühjahr endlich dort ankomme, "wo ein kleiner Jaguar hingehört". Trotzdem bereitet ihm der Wagen ein wenig Sorge. "Denn über seine Zukunft ist noch nicht entschieden." Bis 2010 hat der X-Type Bestandsschutz. Was danach kommt, wisse heute noch keiner, klagt Scott.

"Während es bei Jaguar an dieser Stelle stockt, ist Land Rover in der Planung schon viel weiter", sagt Scott mit Blick auf die Studie LRX. Dass das Auto in Serie gehen muss, steht für ihn außer Zweifel. "Ich hätte es lieber heute als morgen", mahnt er zur Eile. Außerdem wünscht er sich einen "extrem sportlichen, großen und luxuriösen Geländewagen im Stil des Range Stormer und eine baldige Lösung für den Defender." Demnächst machen neue Zulassungsvorschriften dem Offroad-Dinosaurier nämlich den Garaus, ein Nachfolger ist bislang nicht in Sicht.

Keine Angst vor Indien

Auch dass die Nobelmarke Jaguar plötzlich an einem automobilen Entwicklungsland hängen könnte, stört Scott nach eigenem Bekunden nicht. Tata sei ein großer, finanzstarker und internationaler Konzern, der sich nicht verstecken müsse. Und seit die Inder mit ihrem Billigauto Nano (1700 Euro) in aller Munde sind, muss er das auch nicht mehr jedem erklären.

"Weder die Händler noch die Kunden in Deutschland sind verunsichert. Seit dem Nano ist Tata allen ein Begriff", sagt er. Auf die Preisgestaltung künftiger Modelle werde das Tata-Nano-Vorbild keinen Einfluss haben. Scott: "Bei uns gibt es für 1700 Euro gerade einmal eine Metallic-Lackierung."



© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.