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Auto-Blog "Fahrtenbuch": Verkaufen? Nein, danke!

Foto: Jens Tanz

"Ich kaufe Ihr Auto" Arschkarte

Von Jens Tanz

Die bunten Kärtchen kennt wohl jeder: Sie stecken an unseren Autos und versprechen einen guten Preis. Aber was passiert, wenn man tatsächlich anruft?

Mit meinem Ford Taunus bin ich fast täglich in Hamburg und Kiel unterwegs. Der Wagen ist Baujahr 1971, ein in Würde gealterter Oldtimer: Einst von Ford Köln knapp oberhalb der Grenze zum Brot-und-Butter-Auto angesiedelt, heute längst eine Rarität mit entsprechendem Preis. Definitiv kein Kandidat für die Kärtchenoffensive exportorientierter Gebrauchtwagenhändler. Umso erstaunter bin ich, als eines Tages dann doch so eine kleine Karte an der Fahrertür des Taunus steckt.

"Wollen Sie ihr Auto verkaufen, jetzt oder später?", fragt sie mich. Bunt, billiges Layout, Handynummer. Natürlich will ich nicht, aber neugierig bin ich trotzdem. Eine kleine Umfrage in meinem Freundeskreis ergibt ähnelnde Erlebnisbeichten: Es würden mir pauschal 150 Euro geboten. Wichtig sei außerdem, dass der Wagen innen sauber ist. Ah. Klingt nicht verlockend, ich vergesse die Sache wieder. Bis ein paar Tage später die nächste Karte hinter meinem Fenstergummi steckt.

Auto-Blog "Fahrtenbuch"
Foto: Joy Kroeger

Wir bewegen Autos und das bewegt uns. Unser Leben auf Rädern ist eine Aneinanderreihung von Erlebnissen, viele nichtig, andere wichtig und erzählenswert. Jens Tanz haben diese besonderen Momente im Mobil schon immer so fasziniert wie die Autos selbst. Von seinen liebsten Episoden, seinen Beobachtungen des Autoalltags erzählt Tanz in diesem Blog.

"Wir kaufen alle Auto's" verspricht dieser vielfarbige Hochglanzschnipsel. Daneben ein grob reingebasteltes Foto von einem 5er BMW. Wer den Deppenapostroph falsch in den Plural einbaut, bietet vielleicht Höchstpreise? Ich wähle neugierig die Handynummer und rufe mir im Geiste noch mal den derzeitigen Marktwert des Wagens vor Augen. Der Knudsen-Taunus mit seiner markanten Nase, als GXL Coupé, dürfte rund 10.000 Euro erzielen. Zumindest bei Leuten, die sich auskennen.

"Hallo, hier ist Hartmut", meldet sich eine gelangweilte Stimme.
"Tag", sage ich. "Ich hatte ihre Karte an meinem Auto, ein 71er Ford Taunus."
"Was nochma fürn Auto? Is das n Ami? Isser drinne sauber?", fragt Hartmut.
In der Hoffnung, es würde helfen, beschreibe ich den Wagen.
"Mach den mal an und haltn Hörer an Moder", unterbricht mich Hartmut.
Ich: "Wie bitte?"
Hartmut: "Ja, ich habn Profi hier, der kann hörn was damit is, watte ma hier."
Ich höre erst mal Schritte. Wahrscheinlich sucht er jetzt den Profi.
"Ja hallo, hier ist jetzt Malte, mach mal an", schallt es aus dem Telefon.

Ich starte amüsiert den V6, entriegele die Motorhaube und gehe nach vorne. Deckel auf, darunter schnurrt und purrt das Aggregat wie ein Kätzchen. Ford war damals der einzige Hersteller in Deutschland, bei dem in diesem Preissegment ein V-6-Triebwerk zu bekommen war. Die Dinger hatten zwar vergleichsweise wenig Hubraum, waren aber durchzugsstark und klangen wie eine Turbine, wenn sie gut liefen. Und mein V6 läuft wie eine Eins. Ich halte mein iPhone ein paar Sekunden lang über die beiden Zylinderbänke. Ein Spaziergänger mit seinem Dackel bleibt stehen und guckt mich an, als ob mir Antennen aus dem Kopf wachsen.

"Der hat Zylinderkopfschaden, hör ich sofort. Ventilschaden. Wir geben 150 Euro und melden den auch für Sie ab", sagt Malte. Ein Kaufvertrag wird hier und heute nicht zustanden kommen, das ist klar. Aber vielleicht kann ich ja wenigstens einen Bildungsauftrag erfüllen. Ich erkläre Malte, dass man bei der Mehrzahl eines Begriffs das "s" nicht mit einem Apostroph absetzen darf, das ist schlicht falsch. Also Autos, nicht Auto's. Gleiches gilt, wenn man von "Hartmut sein Auto" spricht, dann muss das Hartmuts Auto heißen. Der Taunus würde allerdings nicht Hartmuts Auto werden.

Malte fragt, ob ich ihn verarschen will. Ich frage zurück, wer denn damit angefangen hat, und lege auf.

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