Karmann-Ghia Geheimprojekt Volksferrari

Außen hui, innen na ja - der Karmann-Ghia betörte im Wesentlichen durch seine elegante Form. Unter dem italienischen Design werkelte der bekannte Boxermotor des VW Käfers mit nur 30 PS. Vor 50 Jahren stellte Karmann den sportlichen Volkswagen der Öffentlichkeit vor.


Osnabrück - Der 14. Juli 1955 war ein sonniger Tag. Fotografien zeigen Herren mit Sonnenbrillen und Brillantine im Haar, die in leichten Anzügen unter Sonnenschirmen stehen und auf die eleganten Formen eines nagelneuen Autos schauen. An diesem Tag wurde der internationalen Presse in der Nähe von Osnabrück erstmals jenes Modell präsentiert, das den Namen eines norddeutschen Karosseriebauers dauerhaft mit dem eines italienischen Designers verbinden sollte: Der Karmann-Ghia wurde zum Welterfolg.

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Karmann-Ghia: Boxer in italienischem Design

Das Rezept des Karmann-Ghia ist im Grunde ein denkbar simples: Man nehme Technik und Unterbau eines VW Käfers und verstecke sie unter einer eleganten Karosserie. Doch bis des Käfers neue Kleider tatsächlich in der bekannten Form vorgestellt werden konnten, waren einige Hürden zu überwinden. Schon mehrmals hatten Karosserieklempner im Nachkriegs-Deutschland versucht, den Käfer mit einer sportlicheren Karosserie zu versehen. Sie scheiterten meist vor allem daran, dass VW sich wenig geneigt zeigte, die notwendigen Komponenten zu liefern.

Karmann in Osnabrück war im Grunde das einzige Unternehmen, das auf engere Kontakte zu den Wolfsburger Autobauern vertrauen konnte - schließlich fertigten die Niedersachsen auch schon das Käfer Cabriolet. Doch Firmenchef Wilhelm Karmann hatte größere Pläne - war ihm doch aufgefallen, dass gerade in den USA kleine sportliche Autos aus Europa viele Liebhaber hatten. Bei Volkswagen jedoch zeigte man an einem solchen Projekt wieder einmal kein Interesse.

Prototyp von Paris

Was dann geschah, gleicht in Teilen mehr einem geheimen Kommando-Unternehmen als einer Autoentwicklung der üblichen Art. Wie Dieter Knust in seinem Karmann-Buch "Vom Kutschenbauer zum Auto-Karossier" beschreibt, wollte man sich bei Karmann mit einer Absage nicht zufrieden geben. Stattdessen aktivierte Wilhelm Karmann Junior nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1952 seine Freundschaft zu dem Italienier Luigi Segre - seines Zeichens Eigner der Karosserieschmiede Ghia. Man einigte sich, dass Segre seine Ideen eines sportlichen Volkswagens ausarbeiten sollte.

Karmann-Ghia-Premiere 1955: Geheimes Kommandounternehmen
GMS

Karmann-Ghia-Premiere 1955: Geheimes Kommandounternehmen

Es dauerte einige Monate, bis Segre sein Werk vollendet hatte - im Oktober 1953 war es dann so weit. Doch der Designer brachte nicht nur ein paar Formen zu Papier oder fertigte ein Miniaturmodell: Vielmehr hatte er einen kompletten Prototypen entwickelt, den er am liebsten auf dem Pariser Automobilsalon im Herbst 1953 gezeigt hätte. Was Karmann jedoch verhinderte: Volkswagen sollte mit einer solchen Überraschung nicht versehentlich verärgert werden.

Nach Paris gelangte der Wagen trotzdem - gezeigt wurde er jedoch in aller Geheimhaltung nur Wilhelm Karmann, und zwar in einer Vorort-Garage. Karmann war auf Anhieb begeistert und ließ das geheime Einzelstück nach Osnabrück transportiert. Dort wurde ein Stab von Mitarbeitern zunächst einmal zu absolutem Stillschweigen verdonnert und sollte dann ausrechnen, zu welchem Preis sich das Auto produzieren ließ. Als die nötigen Informationen gesammelt waren, lud man die Entscheidungsträger aus Wolfsburg ein. Die zeigten sich ebenfalls begeistert, und das Projekt nahm seinen Lauf.

Norddeutscher Hersteller, italienischer Designer

So zielgerichtet, mutig und auch phantasievoll man bei den ersten Schritten vorging, so ratlos zeigten sich die Macher, als es um die Namensgebung des eleganten Coupés ging. Nach allerlei fruchtlosen Überlegungen blieb es schließlich bei der einfachsten aller Lösungen: Die Namen des Herstellers und des Karosserie-Designers wurden mit einem Bindestrich vereint.

Coupé in Zweifarb-Lackierung: Der sportliche Wagen bestach durch sein elegantes Design
GMS

Coupé in Zweifarb-Lackierung: Der sportliche Wagen bestach durch sein elegantes Design

Doch im Grunde sagte dieser Name alles: ein Auto mit italienischen Formen, das in Norddeutschland gebaut werden sollte. Und zwar auf der Basis des unverwüstlichen Ur-Volkswagens: Während die Formen edel wirkten und Schnelligkeit suggerierten, war die Technik unter dem Blech von jeglicher Extravaganz weit entfernt. Im Heck rumpelte der bekannte Boxermotor des Käfers und wuchtete gerade 30 Pferdestärken auf die Räder - was ihm mehr abverlangte als gewohnt: Die italienischen Formen waren nicht nur schön anzusehen, sie hatten auch Gewicht. Der Karmann-Ghia war zwar erheblich niedriger als ein Käfer, wog jedoch rund 50 Kilogramm mehr als die Limousine.

Nutzwert stand bei der Form ebenfalls nicht im Vordergrund. Zwar gab es hinter den gemütlichen Vordersitzen noch eine weitere Sitzbank. Die konnte aber Menschen nur auf kurzer Strecke zugemutet werden und fungierte eher als Kofferraumerweiterung. Als Ausgleich gab es auf Wunsch schicke Metallic-Farben für die Karosserie. Außerdem konnte das Dach in einem anderen Farbton lackiert werden.

Hausfrauen-Porsche

Trotz bescheidener Fahrleistungen und eines für damalige Verhältnisse hohen Preises von 7500 Mark fand der Karmann-Ghia schnell Liebhaber. Schon im Jahr 1956 wurden 11.500 der neu eingekleideten Käfer an den Mann und nicht selten auch an die Frau gebracht. Die weibliche Kundschaft brachte dem Karmann-Ghia bei Fahrern kraftvoller Sportgeräte auch abfälligen Beinamen wie Hausfrauen-Porsche oder Sekretärinnen-Ferrari ein.

Dem Erfolg jedoch taten solche Schmähungen keinen Abbruch. Vielmehr wurde bald überlegt, wie sich das Geschäft noch ausweiten ließe - was zu einer Cabriolet-Ausführung des offiziell Typ 14 genannten Autos führte. Die hatte im Jahr 1957 auf der Internationalen Automobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt/Main ihre Premiere und sorgte für ähnlich anerkennende Reaktionen.

Das lässt sich von dem folgenden Werk der Autobauer nicht sagen. Bereits Ende der fünfziger Jahre wurde über einen Nachfolger des Karmann-Ghia nachgedacht, der am Ende aber nur ein zweites Modell mit ähnlichem Grundprinzip wurde. Als Basis diente hier der stärkere VW 1500, der bis zu 54 PS leistete und immerhin Geschwindigkeiten bis zu 145 Stundenkilometern ermöglichte. Doch während sich die Fahrer der Ur-Version oft wegen der schönen Form für den Wagen entschieden und die mangelnde Leistung dabei nur eine untergeordnete Rolle spielte, verhielt es sich beim großen Karmann-Ghia anders.

Aus nach 19 Jahren

Der war zwar stärker, schreckte Interessenten aber nicht zuletzt mit seiner gewöhnungsbedürftigen Form ab: Überzeugte das kleine Modell mit eleganten Rundungen, verstörte der Große mit gewöhnungsbedürftigen Falzen und Sicken. Dass das neue Modell mit Preisen um 9000 Mark dazu noch auf Mercedes-Niveau lag, trug ebenfalls nicht zu besonderem Publikumsinteresse bei. So wurde das 1961 eingeführte Coupé bereits 1969 nach rund 42.500 gebauten Exemplaren wieder aus den Preislisten gestrichen.

Der klassische Karmann-Ghia hatte zu diesem Zeitpunkt noch einige Jahre vor sich. Verändert hat er sich in seiner langen Bauzeit nur minimal - mal gab es neue Rückleuchten, mal größere Blinker, der Motor erstarkte, und gegen Ende seiner Laufzeit ließen ihn dicke Stoßfänger wirken, als hätte er die Unterlippe vorgestreckt.

Seinen großen Bruder hat er im Hinblick auf die Beliebtheit weit in den Schatten gestellt: 363.601 Coupés und 80.881 Cabrios sind gebaut worden. Als er 1974 nach 19 Jahren dem fortan in Osnabrück gebauten VW Scirocco weichen musste, war den Karmänner doch etwas weh ums Herz: "Du liefst so gut, du warst so schön - doch leider musst du von uns gehn", dichteten die Mitarbeiter auf einem Schild, mit dem sie das letzte produzierte Karmann-Ghia-Cabriolet schmückten.

Von Heiko Haupt, gms



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