Karmann-Sammlung Historienschau in Halle 14

Seit VW das Karmann-Werk in Osnabrück übernommen hat, blickt das Karosseriebau-Unternehmen wieder nach vorn. Und erinnert sich zugleich an seine Tradition: mit einer feinen Fahrzeugsammlung. Die soll bald wieder öffentlich gezeigt werden. Unter anderem ist ein Prototyp des VW Golf Cabrio zu sehen.

Tom Grünweg

Aus Osnabrück berichtet


Wer Angst um die Zukunft hat, den interessiert die Vergangenheit nicht so sehr. Als der Karosseriebauer Karmann im April 2009 in die Insolvenz ging, kümmerte sich keiner mehr ernsthaft um die rund 150 Oldtimer, Prototypen, Designstudien und Einzelstücke, die Firmenchef Wilhelm Karmann und seine Nachfolger angesammelt hatten. Erst als VW einsprang, den Karosseriebau und die Entwicklungsabteilung übernahm und mit einem neuen Produktionsauftrag die nächsten Jahre sicherte, änderte sich das: Auch die Oldtimer genießen nun wieder Aufmerksamkeit.

Zumindest jene, die mit der Volkswagen-Geschichte verknüpft sind. Während konzernfremde Fahrzeuge wie etwa der für BMW gebaute 3.0 CS von 1974, das Ford Escort Cabrio von 1983 oder die Flügeltürer-Studie des 1993er Mercedes SL weiterhin beim Insolvenzverwalter stehen, hat die Classic-Sparte von VW rund die Hälfte der Autos übernommen, entstaubt, poliert und wieder dorthin gebracht, wo sie schon früher ausgestellt waren: in Halle 14 des Karmann-Werksgeländes.

Den besten Platz dort erhielt natürlich der Karmann Ghia. Das schnittige Coupé auf VW-Käfer-Basis war zwar nicht das erste, ist aber doch das berühmteste Auto der Marke aus Osnabrück. Und im Museum steht nicht irgendein Exemplar auf dem Podium, sondern die allererste Studie von Ghia-Chef Luigi Segre, die Karmann 1953 ohne Rücksprache mit VW in Auftrag gab und damit einen späteren Autoklassiker ins Rollen brachte.

Daneben parken gleich drei Varianten des großen Bruders vom Typ 34, den Karmann ab 1961 auf Basis des VW 1500 baute. Das Coupé, von dem gut 40.000 Exemplare gefertigt wurden, die Cabrio-Version, von der lediglich zwölf Prototypen entstanden und das feuerrote Coupé 1600 TL von 1965, das ein Einzelstück blieb.

Die Sammlung dokumentiert auch zahlreiche Missgriffe von Karmann

Mit manch' hinreißendem Auto dokumentiert die Ausstellung unter anderem die Geschichte der offenen Volkswagen, die maßgeblich von Karmann mitgeschrieben wurde. Denn die Osnabrücker bauten nicht nur mehr als 300.000 Käfer Cabrios, sondern sie schnitten auch dem Golf das Dach auf. Gezeigt werden hier nicht nur Serienfahrzeuge der bisherigen Golf-Cabrio-Generationen, sondern auch die ersten Prototypen, die übrigens noch nicht den Überrollbügel besaßen, der später die Optik des Autos prägte und dem Wagen den Spitznamen "Erdbeerkörbchen" einbrachte.

Außerdem parken in der Sammlung exotisch anmutende Typen, mit denen Karmann den Erfolg des Golf Cabrio in andere Klassen und Märkte übertragen wollte: Zum Beispiel ein offener VW Jetta, ein Corrado Roadster oder die brasilianische Stufenhecklimousine VW Fox mit Faltverdeck - alle blieben Einzelstücke. Einen freien Platz gibt es übrigens auch noch in der Ausstellung: der ist für das neue Golf Cabriolet reserviert, dessen Produktion in diesen Tagen in Osnabrück anläuft.

Auch die Geschichte der Audi-Cabrios, die häufig bei Karmann gefertigt wurden, lässt sich in der Schau rekonstruieren. Vor allem aber erkennt der Besucher den Eigensinn von Karmann, denn ausgestellt sind fast so viele verworfene Studien wie Serienmodelle. "Es gab eine Zeit, in der Ghia in jedem Jahr ein Auto für uns entworfen hat. Egal ob wir dafür einen Werksauftrag hatten oder nicht", berichtet der für das Museum verantwortliche Klaus Ulrich. Ein solcher Entwurf war etwa der Typ 1 mit besonders schlanker Schnauze, flacher Frontscheibe und einem Leichtverdeck, das sich mit wenigen Handgriffen abnehmen ließ. Neben Ghia arbeitete auch Giorgio Giugiaro von Italdesign für die Osnabrücker. Von ihm stammt der abenteuerliche Roadster-Keil namens Cheetah, der ebenfalls einen Platz in der Sammlung hat.

Im Keller stehen noch mehr Karmann-Raritäten

Die Klassiker-Garage von Karmann so groß wie eine Schulsporthalle. "Alle Oldtimer passen nicht hier herein", räumt Ulrich ein. Ausnahmsweise führt er uns deshalb heute in den Keller, in dem noch einmal zwei Dutzend Raritäten parken. Darunter eines der seltenen VW-Käfer-Cabrios, mit denen die Firma Hebmüller dem Platzhirsch Karmann Konkurrenz machen wollte; außerdem ein Jolly-Käfer im Strandlook, ein offener Prototyp des VW 411 mit dem Spitznamen "Nasenbär", der über ein mit elektrohydraulisches Verdeck verfügte - und natürlich der Roadster Idea von 1991, der mal als Antwort auf den Mazda MX-5 gedacht war. Hätte, wäre, könnte - immer wieder spricht Ulrich im Konjunktiv, wenn er Gäste durchs Museum führt. Darin wird wohl auch einer der Gründe deutlich, weshalb Karmann zum Sanierungsfall wurde.

Noch sind die Türen von Halle 14 verschlossen. Seit VW hier das Sagen hat, sind vom Werkschutz bis zum Kurierfahrer alle noch ein bisschen nervös. "Doch das spielt sich bald wieder ein", sagt Classic-Mann Ulrich. "Schließlich wird hier gerade die Produktion hochgefahren für ein neues Modell, das noch streng geheim ist." Noch. Doch nachdem das neue Golf Cabrio auf dem Autosalon in Genf Anfang März enthüllt ist, dürfte es auch in Osnabrück wieder etwas lockerer werden. Ein ganz normales Automuseum wird Halle 14 vorerst zwar nicht werden. "Aber", deutet Ulrich an, " wir wollen die Sammlung zumindest für angemeldete Besuchergruppen zugänglich machen."

Mehr zum Thema


insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Born to Boogie, 10.02.2011
1.
Zu schön einfach zu schön - Herrlich !
Sou Mineiro 10.02.2011
2. Bild 9
Auf diesem Bild sieht man 2 blaue VWs und den Satz "Ein kurioses Auto aus Südamerika ist die Studie eines VW Fox Cabriolets". Dieser Fox-Wagen wurde in Brasilien als Volkswagen Voyage vermarktet, in Argentinien etwa Volkswagen Carat. Hinter diesem Wagen steht ein anderer brasilianischer Karmann-Ghia, nämlich der Karmann-Ghia TC, der aussieht als Sohen einer Porsche+ Karmann-Ghia Ehe. Spitzname von Karmann-Ghia in Brasilien: "carro que mãe guia" - Auto das Mutti fährt. Lange Zeit hat VW ihre Autos mit Windnamen benannt (Golf, Passat, Scirocco, Santana, usw.) Mit den Namen Fox, Voyage, usw. könnte man im Spiegel doch eine schöne Überschrift lesen: "Bei VW gehen die Winde aus"!!
emantsol 10.02.2011
3. Text-Korrekturen
Interessantes Thema, schöne Bilder, aber leider fehlerhafte Bild-Unterschriften. Das ist ja schon langsam die Normalität bei SPON. Bitte um Optimierung!
R1181 10.02.2011
4. Borniert
Leider wird nur am Rande erwähnt, dass Volkswagen einen großen Teil der Karmann-Sammlung verscherbeln lassen will, weil es sich nicht um Umbauten von Modellen der heutigen VW-Marken handelt (sondern um BMW, Mercedes, Fiat, Renault, etc.). Das ist borniert und zeugt von Kleingeist. Offenbar geht es eben nicht um die Geschichte des Traditionsunternehmens Karmann, sondern schlicht um Marketing für VW-Produkte. Oder kommt es dem Weltkonzern tatsächlich auf ein paar Tausender Verkaufserlös für die unersetzlichen Stücke an?
Luckyman 13.02.2011
5. 2009....
... hatte ich die seltene Gelegenheit das Karmann Museum zu besichtigen, natürlich in der damaligen Zusammenstellung der Exponate. Ich hoffe, daß VW diese nicht irgendwo hin verscherbelt, sondern sie den entsprechenden Marken bzw. Herstellern zum Erhalt anbietet. Sollten diese nicht mehr existieren, z.B. Hanomag, sollten diese historisch wertvollen Einzelstücke einen würdigen Platz in einem Technikmuseum finden. Die Entscheidung von VW das Karmann Museum zu erhalten und in neuer Form der Öffentlichkeit zugänglich zu machen ist insgesamt dennoch zu begrüßen, denn dadurch bleiben wichtige Entwicklungsschritte der VW-Mobilisierung und Entwicklungsraritäten erhalten. Im Vergleich zu den in 2009 von mir gemachten Photos kann man jetzt schon erkennen, daß VW Einfluß auf die Exponate und die Ausstellung insgesamt genommen hat.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.