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Gestensteuerung im Auto: Ein Wink genügt

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Gestensteuerung im Auto Her mit dem Wisch

Knöpfe, Schalter, Tasten - diese Bedienelemente stehen auf der roten Liste der bedrohten Autoteile. Der Pkw der Zukunft wird per Sprachsteuerung, Touchscreens oder mit Gesten bedient. Bald wird das Auto auch die Gedanken des Fahrers lesen.

Magie liegt in der Luft. Mit einer schwungvollen Geste bewegt der junge Mann auf dem Fahrersitz den rechten Arm über die Mittelkonsole und dreht dabei die Hand - prompt wechselt der Radiosender, oder die Musik wird lauter oder leiser. Mit Zauberkräften hat das natürlich nichts zu tun, denn nach der Demonstration darf man es selbst ausprobieren: Nähert sich die Hand der Mittelkonsole, wird die Musik leiser, zieht man sie wieder weg, steigt die Lautstärke. Sender werden gewechselt, indem man einen oder mehrere Finger nach oben reckt, und ein Wink nach rechts genügt, um das nächste Lied der CD zu starten.

Ist das die Zukunft der Autobedienung? Elektronik-Entwickler und Ergonomen sagen: ja. Gestensteuerung ist der letzte Schrei in den Entwicklungszentren der Autobauer, wenn es darum geht, die Armaturentafel zu entrümpeln und die vielen zusätzlichen Funktionen eines Fahrzeugs leichter beherrschbar zu machen.

Wie weit das gehen kann, hat zuletzt Land Rover mit der Studie Vision Discovery gezeigt. Dort gibt es im Cockpit kaum mehr als Lenkrad und Pedale, der Rest funktioniert über Gestensteuerung. "Die Zahl der Schalter und Knöpfe im neuen Range Rover wurde um mehr als die Hälfte reduziert. Und dieser Trend wird weitergehen", sagt Land-Rover-Chefentwickler Wolfgang Epple. "Die von Smartphone oder Tabletcomputer bekannten Systeme werden mehr und mehr mit dem übrigen Bedienumfeld verschmelzen und die Innenräume künftiger Fahrzeuge deutlich vereinfachen."

Durchbruch der Gestensteuerung ab 2016

Ganz neu ist diese Technik im Auto freilich nicht. Schon jetzt gibt es Fahrzeuge mit Näherungssensoren im Armaturenbrett, die zum Beispiel das Handschuhfach öffnen, bevor der Daumen den Entriegelungsknopf drückt. Bei den Infotainment-Touchscreens von VW poppt die Menüleiste auf, sobald sich die Hand dem Bildschirm nähert. Und bei immer mehr Kombi-Modellen reicht ein angedeuteter Tritt unter den hinteren Stoßfänger, und die Heckklappe schwingt nach oben. Doch glaubt man Experten wie Dörte Eimers-Klose, bei Bosch Car Multimedia zuständig für Entwicklung, steht der umfassende Durchbruch der Gestensteuerung unmittelbar bevor. "Ab 2016 an werden wir die Gestensteuerung im Fahrzeug erleben."

Die Bosch-Managerin erwartet jedoch nicht, dass dadurch alle Knöpfe überflüssig werden. "Die Technik taugt nur für einfache Aufgaben und simple Kommandos. Lauter und leiser, ja oder nein, links oder rechts - das lässt sich mit einem Wischen oder Winken befehlen. Aber ein Navigationsziel oder einen Namen aus dem Adressbuch wird man so wohl nie auswählen wollen", sagt Eimers-Klose.

Die Bedienung per Handbewegungen ist auch in anderen Fällen ungeeignet. "Die Gestensteuerung verbietet sich bei allen sicherheitsrelevanten Funktionen", sagt Guido Meier-Arendt, Ergonomie-Experte des Zulieferers Continental. Dazu komme, dass "Bedienhilfen wie der Lenkstockhebel für den Blinker oder der Lenkradtopf für die Hupe den Autofahrern so sehr in Fleisch und Blut übergangen sind, dass es keinen Grund gibt, daran etwas zu ändern".

Zudem propagiert der Ergonom eine natürliche Gestik. "Wir müssen uns auf ein sehr kleines, leicht verständliches Repertoire an Hand- oder Armbewegungen beschränken, damit die Bedienung intuitiv und selbsterklärend bleibt."

Die Technik hinter der Gestensteuerung ist derzeit noch zweigleisig. Zulieferer und Hersteller setzen wahlweise auf Kameras oder auf elektromagnetische Sensoren, die im Cockpit oder im Gehäuse des Innenspiegels so untergebracht sind, dass sie die Bewegungen des Fahrers gut registrieren können.

Die nächste Stufe lautet: Vorhersehung

Parallel dazu wird an Systemen gearbeitet, die dem Fahrer seine Wünsche buchstäblich von den Augen ablesen. Zulieferer Valeo zum Beispiel hat am Jahresanfang auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas ein System vorgestellt, dessen Menüsteuerung auf Blicke des Fahrers reagiert. Und in der Land-Rover-Studie muss man eine Sehenswürdigkeit am Straßenrand nur intensiv genug anschauen, schon lädt die Bordelektronik eine entsprechende Beschreibung aus dem Internet und blendet diese über Monitorfolien im Blickfeld ein.

Wischen und Winken, Zwinkern und Starren - was für Autofahrer noch Zukunftsmusik ist, klingt für Johann Jungwirth fast schon wieder nach Oldie. Der Chef des Mercedes-Büros im Silicon Valley hat bereits die übernächste Generation von Bediensystemen im Sinn, die ganz ohne Eingaben des Fahrers auskommt. Wie das? Weil sie förmlich die Gedanken des Fahrers lesen können.

"Predicted User Experience" heißt das Projekt, das sich vor allem auf intelligente Beobachtung von Routinen und Gewohnheiten stützt. "Mit jeder Fahrt lernen wir den Menschen am Steuer besser kennen und können treffsicherer vorhersagen, welche Route, welche Klimaanlageneinstellung oder welche Musik in der jeweiligen Situation gefragt sind", skizziert er den Ansatz. Bereits nach zwei Wochen funktioniere das in Test schon so gut, dass etwa die Sitzheizung schon wärmt, noch bevor der Fahrer seine kalte Kehrseite bemerkt hat.

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