Kleinstwagenstudie VW Nils Besser spät als nie

Da hatte VW aber eine überraschende Einsicht: Für die allermeisten Einsätze, so melden die Wolfsburger, seien unsere Autos hoffnungslos überdimensioniert. Deshalb zeigen die Niedersachsen mit dem Forschungsprojekt Nils, wie minimal ein Mobil tatsächlich sein kann.


Sie müssten sich nur einmal morgens an eine x-beliebige Einfallstraße einer x-beliebigen Stadt stellen, damit ihr Weltbild ins Wanken gerät: Denn was die Entwicklungsvorstände der Autohersteller dort zu sehen bekommen, führt ihre Arbeit ein Stück weit ad absurdum: In schweren Blechkisten, die groß genug sind für vier, fünf oder manchmal sogar sieben Insassen und genügend Kraft haben für Geschwindigkeiten oft weit über 200 km/h, schieben sich tausende von Einzelgängern im Schritttempo alleine durch den Berufsverkehr.

Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Doch so ganz langsam reift bei Menschen wie Ulrich Hackenberg die Einsicht, dass selbst Kleinwagen wie der gerade enthüllte VW Up für den Verkehr in den Metropolen von Morgen nicht klein genug sind. Nicht dass der Entwicklungsvorstand des VW-Konzerns deshalb jetzt die Entwicklung des neuen Golf auf der Zielgeraden stoppen oder den nächsten Phaeton einstampfen würde. Doch zumindest für den Stadtverkehr entwickelt der oberste Techniker in Wolfsburg gerade andere Konzepte: Micromobilität heißt das Konzept. Damit soll - natürlich ausschließlich elektrisch - die Lücke zwischen dem öffentlichen Nahverkehr auf der einen und dem für die Stadt eigentlich völlig überdimensionierten Auto auf der anderen Seite geschlossen werden und den Individualverkehr effizienter und umweltverträglicher gestalten. "Gerade unter dem zunehmenden Einfluss der Elektromobilisierung gewinnen diese zukunftsweisenden Fahrzeugkonzepte eine immer größere Rolle", skandiert ihm Forschungschef Jürgen Leohold.

Gute Idee, komischer Name

Wie minimal so ein Mobil sein kann, zeigen die Niedersachsen Mitte September auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt mit dem Forschungsfahrzeug Nils: Mit 3,04 Metern ist er noch einmal einen haben Meter kürzer als der Up. Er ist nur 1,20 Meter hoch und passt mit einer Breite von 1,39 Metern in jede Lücke. Nur 460 Kilogramm schwer, reicht ihm für einen Sprintwert von elf Sekunden und Geschwindigkeiten bis 130 km/h ein Elektromotor mit 34 PS. Das klingt wenig, war aber schon früher einmal Millionen Menschen genug: Denn genau so stark war seinerzeit auch der VW Käfer.

Mit den Zuschnitt des Wolfsburger Winzlings tragen die VW-Forscher der aktuellen Verkehrsstatistik Rechnung: Wenn 90 Prozent der Pendler alleine fahren, dann tut es für sie auch ein Einsitzer, der höchstens noch Platz für eine Getränkekiste bietet. Und wenn mehr als 70 Prozent zwischen Bett und Büro keine 25 Kilometer zurücklegen, sollten 65 Kilometer Reichweite genügen. Deshalb hat der Nils nur einen 5,3 kWh großen Akku, der dafür auch schon nach zwei Stunden wieder geladen ist.

Auf der einen Seite glänzt das mit seinen freistehenden 17-Zoll-Rädern und den Flügeltüren wie eine Seifenkiste von Captain Future anmutende Forschungsfahrzeug mit geballter Hightech: Die Karosserie ist aus Aluminium und Karbon gefertigt, den Strom speichern Lithium-Ionen-Akkus, Abstand und Tempo hält die Elektronik, die vor einem drohenden Crash auch alleine bremst, und statt konventioneller Instrumente gibt es einen Bildschirm sowie das Personal Infotainment Device aus dem Up. Auf der anderen Seite dagegen ist der im Stylingstudio Potsdam entworfene Einsitzer so schlicht, wie es nur irgend möglich ist: Warum, so fragen die Niedersachsen, braucht man zum Beispiel elektrisch verstellbare Außenspiegel, wenn man sie bei 86 Zentimetern Karosseriebreite mühelos von Hand justieren kann? Und was will man bei nicht einmal 500 Kilogramm Fahrzeuggewicht mit einer Servolenkung?

Etwas spät

Mit ihren Gedankenspielen für die Micromobilität in den Metropolen von Morgen sind die Niedersachsen nicht alleine. Bei der Konzernschwester Audi ist im gleichen Geist die IAA-Studie Urban Concept entstanden. Opel wird zur Messe ein ähnlicher Entwurf nachgesagt und die Japaner haben mit Fahrzeugen wie dem Nissan Landglider schon vor zwei Jahren entsprechende Visionen entwickelt. Andere sind da schon weiter. Während die deutschen Hersteller sich bei den Zukunftsaussichten für ihre Stadtstromer noch auf nebulöse Formulierungen beschränken und VW-Vorstand Hackenberg den Nils ein "technisch konkretes und wirtschaftlich tragfähiges Fahrzeugkonzept", muss man auf den französischen Renault Twizzy nicht mehr lange Warten: Er steht nicht nur auf der Messe, sondern ab dem Jahreswechsel auch beim Händler.

Und während die Franzosen auch mit dem Namen des Autos etwas Coolness vermitteln, gibt es beim VW Nils ein großes Fragezeichen: Was soll der Name bedeuten. Ein Antwort darauf geben die Niedersachsen bislang nicht.



insgesamt 80 Beiträge
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franko_potente 02.09.2011
1. -
Zitat von sysopDa hatte VW aber eine überraschende Einsicht: Für die allermeisten Einsätze, so melden die Wolfsburger, seien unsere Autos hoffnungslos überdimensioniert. Deshalb zeigen die Niedersachsen mit dem Forschungsprojekt Nils, wie minimal ein Mobil tatsächlich sein kann. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,783937,00.html
schöne Sache, wann wird es endlich gebaut? Ferner: 64 km sind auch in der Stadt zu wenig, biete endlich Wechselakkus an! Man sollte schon 150 km mit einer Ladung kommen, dann reichts auch für einen Tag in der Stadt.
birnstein 02.09.2011
2. alter Hut
Das kommt mir irgendwie bekannt vor: http://www.spiegel.de/fotostrecke/fotostrecke-17308.html :-)
Shivananda 02.09.2011
3. ...
Einsitzer? Immer diese Übertreibung, entweder zu groß oder zu klein. Warum nicht ein Zweisitzer um auch mal das Kind vom Kindergarten abholen zu können oder den/die Freund/-in mitnehmen zu können. Als Motorradfahrer kann ich nicht ganz nachvollziehen, wie man sich feiern kann, dass man den ganzen überflüssigen Schnickschnack endlich mal wegläßt. Aber dann noch den zweiten Sitz einsparen, obwohl man doch gut platzsparend hintereinander sitzen kann, dass ist dann doch zu viel des Sparens. Ich hoffe in Zukunft wird es mal so etwas wie ein gekapseltes Leichtbau-E-Quad geben.
syracusa 02.09.2011
4. gekauft!
Zitat von sysopDa hatte VW aber eine überraschende Einsicht: Für die allermeisten Einsätze, so melden die Wolfsburger, seien unsere Autos hoffnungslos überdimensioniert. Deshalb zeigen die Niedersachsen mit dem Forschungsprojekt Nils, wie minimal ein Mobil tatsächlich sein kann. http://www.spiegel.de/auto/aktuell/0,1518,783937,00.html
Das Ding hat das Zeug zu einem echten Volksauto! Zum Preis zwischen 10000 bis 15000 kauf' ich mir sofort eins!
syracusa 02.09.2011
5. @ franko_potente: das wird schon
Zitat von franko_potenteschöne Sache, wann wird es endlich gebaut? Ferner: 64 km sind auch in der Stadt zu wenig, biete endlich Wechselakkus an! Man sollte schon 150 km mit einer Ladung kommen, dann reichts auch für einen Tag in der Stadt.
Wie im Artikel steht: für 70% der Pendler reicht das. Varianten des Kleinwagens - beispielsweise als Zweisitzer oder mit Akku für 150 km Reichweite, wird's bei Erfolg sicher auch geben. Wobei letzteres wohl weitgehend entbehrlich ist, wenn erst mal die Lade-Infrastruktur verbreitet ist und man an jedem Parkplatz sein Auto laden kann, während man seine Einkäufe erledigt.
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