Kleinwagen-Design Kindchenschema adieu

Jahrzehntelang wurden Autos mit abnehmenden Maßen immer niedlicher. Das galt für den Fiat 500 ebenso wie für den Opel Corsa oder den Renault Twingo. Nun kommt aus Japan und den USA ein neuer Look: Kleinwagen im Keksdosen-Design.


Den Trend trat die speziell für den US-Markt kreierte Toyota-Marke Scion vor ungefähr vier Jahren los. Da zeigten die Japaner erstmals das Modell xB. Wiewohl ein Auto mit herkömmlicher Technik, stellte der Kleinwagen sämtliche Sehgewohnheiten auf den Kopf. Denn statt Scheinwerfer im Kulleraugen-Stil, weich wie Babybacken gerundete Kotflügeln oder einem Kühlergrill im Stupsnäschen-Look sah das Auto eher aus wie ein Altpapier-Container auf Rädern. Glatte Flächen, gerade Linien, rechtwinklige Kanten und Ecken, die den Namen auch verdienen. Ein Auto, das buchstäblich eine neue Schublade öffnete: die der "boxy" Kleinwagen.

In Europa gab es mit der "tollen Kiste", wie die erste Generation des Fiat Panda der Form halber zutreffend beworben wurde, zwar auch schon mal eine Art Box-Design im Kleinwagensegment, doch das blieb eine singuläre Erscheinung. Nun aber scheint sich, vor allem in den USA, aus der Form, die auf das Kindchenschema pfeift, ein Trend zu entwickeln. Denn inzwischen reagiert der erste US-Hersteller auf den Hype um die Schachtelautos.

Auch Chevrolet plant ein "Box-Car"

Auf der New York Motor Show nämlich enthüllte Chevrolet ein ziemlich knackig aussehendes Wägelchen, das aussieht wie ein geschrumpfter Lieferwagen und mit optimistisch ausgestellten Radhäuslein auch noch Witz und Verwegenheit ausstrahlt. Die jüngere Kundschaft, wie sie etwa Toyota mit der Marke Scion anpeilt und offenbar auch erreicht, dürfte auf dieses selbstbewusste Design vermutlich abfahren. Zumal das Wichtigste an dieser Art von Auto weniger technische Dinge wie Motoren oder Getriebe sind, sondern die ab Werk eingebauten, üppigen Musikanlagen. Beim Scion xB etwa gehört eine 160-Watt-Anlage von Pioneer zum Standard-Lieferumfang.

Um den Scion xB, so lässt sich aus Internet-Foren und der Homepage der Marke entnehmen, ist ein regelrechter Kult entstanden. Das Auto kann ab Werk mit den unterschiedlichsten Modifikationen oder Graffiti-Malereien auf den Flanken bestellt werden. Das aktuelle Modell wird übrigens ab Mai in den USA ausgeliefert und dort ab 15.650 Dollar kosten.

Klein, und trotzdem groß in Szene

Im Kielwasser der Scion-xB-Optik surfen seit kurzem auch die japanischen Konkurrenzmodelle Honda Element und Daihatsu Materia. Letzterer ist übrigens das erste Auto im aktuellen Box-Design, das seit kurzem auch in Deutschland angeboten wird. In den ersten drei Monaten dieses Jahres wurden knapp 300 Exemplare des auffällig eckigen Materia hierzulande neu zugelassen. Das ist natürlich noch kein Trend, doch ohne Zweifel sieht das Auto erfrischend anders aus als viele andere Kleinwagen - und es fällt auf. Kein unwesentlicher Vorteil in einem Straßenbild, das ob seiner Gleichförmigkeit vor allem Kleinwagen nahezu absorbiert.

Womit sich die Frage aufdrängt, ob demnächst wohl auch ein europäischer Hersteller dem Box-Design-Trend folgt und einen kantig-kultigen Kleinwagen vom Stapel lässt. Was sicher scheint: Die kommenden Mini-Modelle der Marken Alfa Romeo und Audi werden es wohl nicht sein, die das europäische Box-Segment eröffnen. Dazu schleppen beide Marken zu viel Historie in ihrem Design mit, als das ein so radikaler optischer Auftritt denkbar wäre. So bleibt für viele andere Marken noch Raum für Experimente.



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