Klimadebatte vor IAA Da sind sie wieder, die alten Stereotype

Umweltschützer wollen auf der Internationalen Automobilausstellung demonstrieren. Vorab suchte die Autolobby nun das Gespräch mit ihren Kritikern. Umsonst?
Teure und umweltschädliche Autos werden alle zwei Jahre auf der IAA in Frankfurt zur Schau gestellt

Teure und umweltschädliche Autos werden alle zwei Jahre auf der IAA in Frankfurt zur Schau gestellt

Foto: Uli Deck/DPA

Vor den Türen des Diskussionsortes waren Polizisten aufgezogen, Beamte mit breiten Schultern warteten gestern Abend auf Demonstranten vor der Landesvertretung Baden-Württembergs in Berlin. Den Gastgebern aus dem Autoländle schien auch etwas unwohl bei der Vorstellung zu sein, dass hier der Präsident des Verbands der Autoindustrie (VDA) mit Umweltaktivisten debattieren wollte. Vorsorglich stellten sie direkt neben den Eingang einen dicken Audi "E-tron". Das Elektro-SUV sollte wohl symbolisieren: Seht her, wir denken um.

Dabei war das Rüstzeug gegen die erwarteten Demonstrationen vor dem Gebäude südlich des Tiergartens umsonst: Keine Transparente waren zu sehen, keine Demonstranten und auch keine Sitzblockaden. So ruhig, wie es bei der Diskussion "Klimaschutz und die Mobilität der Zukunft" zuging, dürfte es bei der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt nicht werden. Das wissen die Verantwortlichen vom VDA, weshalb sie diesen ungewohnten Schritt gegangen sind - auf ihre Kritiker zu, erstmals in dieser Form.

Ungewohnte Stim men der Autoindustrie

Bernhard Mattes, der VDA-Chef, bemühte sich sogleich, die neue Sprachregelung der drei großen deutschen Autokonzerne klarzumachen: Man habe verstanden, man gehe die große Transformation zu sauberen Elektroautos an. "Wir sind nicht gegen die Klimaziele, sondern wir bekennen uns zu diesen Zielen", rief Mattes in den Raum. "Wir werden alles tun, sie zu erreichen."

Vertreter der Autobranche und Umweltaktivisten diskutierten zum Thema "Klimakrise und die Mobilität der Zukunft"

Vertreter der Autobranche und Umweltaktivisten diskutierten zum Thema "Klimakrise und die Mobilität der Zukunft"

Foto: Christophe Gateau/DPA

Grenzwerte? Früher setzte der VDA Heerscharen von Lobbyisten auf die Spur, um sie zu verhindern. Jetzt sagte Britta Seeger, Vertriebsvorständin bei Daimler und eine der Mitdiskutanten: "Stabile Zielsetzungen sind für uns sehr wichtig." Man bringe gerade hochattraktive Produkte auf den Markt, mit Elektromotor. Die Kunden hätten allerdings noch "Reichweitenängste".

Ungewohnt auch die Stimme der Arbeitnehmer in der Autoindustrie, verkörpert von BMW-Gesamtbetriebsratschef Manfred Schoch: "Ich bin tief davon überzeugt, dass der Wandel der Autoindustrie kommen muss, und wenn er nicht von uns kommt, dann von den Chinesen." Er wollte schon in seinem ersten Statement die Ökokämpfer zum Schulterschluss überreden. Sollte es also wahr sein: Die beiden einst unversöhnlichen Lager würden sich in die Arme fallen?

"Mit 250 km/h auf den Abgrund zu"

Taten sie nicht. So gesehen ist die Welt noch einigermaßen in Ordnung, so wie sie mal war, zumindest was die ideologischen Lager angeht. Denn die Klimaschützer ließen kein noch so freundliches Argument der Gegenseite aus, um es als unglaubwürdiges, scheinheiliges Gerede entlarven zu wollen. Schon das Bekenntnis zu den Klimazielen nahm Luise Neumann-Cosel von Campact dem VDA-Präsidenten nicht ab. "Sie haben die Anforderungen der Klimaziele noch nicht erfasst, Herr Mattes!", rief sie ihm zu. Statt zwei Grad Erwärmung müsse bei 1,5 Grad Schluss sein, und deshalb mache die Autoindustrie viel zu wenig. "Wir befinden uns auf einem Katastrophenkurs und rasen mit 250 km/h auf den Abgrund zu", sagte die Campact-Frau: "Und Sie sitzen am Steuer mit ihren dicken SUV."

Die Campaigner redeten sich schon einmal warm für die IAA. Die Autoindustrie darf nicht darauf hoffen, dass die Aktivisten von ihnen lassen so wie von den Schornsteinen der Atom- und Kohlekraftwerke, die sie früher mit Verve erklommen haben. Das Auto taugt immer noch als Feindbild, auch wenn immer mehr Elektroautos in die Verkaufsräume der Händler hinzukommen. Der VDA bot über Jahre das perfekte Angriffsziel: Mit dem Vorgänger von Matthes, Matthias Wissmann, einem aus dem Verkehrsministerium übergelaufenen Strippenzieher, der die Bundeskanzlerin ("Liebe Angela") vor jeder neuen CO2-Runde in Brüssel schamlos umgarnte.

Mehr Dreadlocks als Föhnfrisuren

Fast hätte der VDA das Umdenken, wie es sich etwa bei Volkswagen unter Herbert Diess und bei Daimler unter Ola Källenius vollzieht, verschlafen. Bernhard Mattes, ehemaliger Ford-Chef, tat sich schwer, das alte Ingenieursdenken abzulegen. Lange versäumte er, den Diesel mit grünem Frischblut aus den Adern des VDA zu spülen. Der Diskussionsabend, vielleicht war er einfach zu spät, zu reaktiv und nicht proaktiv. Im Publikum waren die Gegner in der Überzahl: mehr Leinenhemden als Nadelstreifen, mehr Dreadlocks als Föhnfrisuren. Berlins Ökofunktionäre ließen sich die Gelegenheit nicht nehmen, quittierten die Sprüche der Autofreunde mit missfälligen Zwischenrufen und spendeten lauten Applaus für ihre Protagonisten auf der Bühne.

VDA-Präsident Bernhard Mattes versuchte, die Aktivisten zu besänftigen

VDA-Präsident Bernhard Mattes versuchte, die Aktivisten zu besänftigen

Foto: Lennart Stock/ DPA

Letztlich sind die beiden Standpunkte, Elektroautos und Plug-in-Hybride hin oder her, nicht kompatibel. Die Autohersteller wollen mit dem Elektroauto den motorisierten Individualverkehr retten. Die Aktivisten wollen die Zahl der Autos zugunsten von Bus, Bahn und Fahrrad reduzieren, und zwar radikal, die einen auf ein Viertel des Bestandes, die anderen gern noch mehr. "Sie wollen weiter Reiselimousinen verkaufen", sagte der Bund-Vertreter. "Wir wollen, dass Autos nur noch einen Restbedarf an Wegen zurücklegen." Einen Restbedarf? Das war VDA-Mann Mattes dann doch zu viel. Prompt gab er die vom Kommunikationstrainer eingebläute Linie auf und verfiel in alte Argumentationsmuster, belehrend, von oben herab: "Wer mutet es sich zu, zu einem Viertel der Deutschen zu gehen und zu sagen: 'Du musst dein Auto abgeben.'?"

Da waren sie wieder, die alten Stereotype. Die einen halten die anderen für gewissenlose Umweltsünder; und umgekehrt, die anderen die einen für realitätsferne Ökoträumer. Für die IAA gibt es nach diesem Abend keine Entwarnung. Neumann-Cosel von Campact sagte: "Sie drücken diese Dreckschleudern ganz gezielt in den Markt und deshalb werden wir vor der IAA stehen." Sie verriet auch schon, was sie auf ihr Plakat schreiben wolle. Es ist ein Spruch der sogenannten Fridays und lautet: "Verkehrswende statt Weltende."

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