Klimawende in Genf Salon der Sprit-Sparer

So grün war der Genfer Auto-Salon noch nie. Gerade rechtzeitig zum Klimawandel-Streit präsentieren alle Hersteller von VW bis Porsche ihre Öko-Avantgarde - die deutschen Konzerne sind sauer auf Toyota.

Von Jürgen Pander


Morgens um viertel vor acht war die Welt sehr in Ordnung für VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch, der mit seiner Gattin zum Autosalon nach Genf gekommen war und jetzt, im grauen Anzug und mit gelber Krawatte voller kleiner Autos, den Ausführungen des neuen VW-Vorstandschefs Martin Winterkorn lauschte. Die Wolfsburger eröffneten den Reigen der Pressekonferenzen auf der Messe und gaben auch gleich den Trend vor: Die Branche liefert erstklassige Zahlen, die Branche will weiter wachsen. und sie nimmt die CO2-Debatte endlich ernst.

Winterkorn wies noch einmal auf das Rekordjahr 2006 hin, in dem der Volkswagen-Konzern weltweit gut 5,73 Millionen Autos auslieferte. Und auch das Jahr 2007 begann schwungvoll für die Kernmarke VW mit knapp 500.000 verkauften Pkw in den ersten beiden Monaten. Nach den Erfolgsmeldungen dann deutete Winterkorn an, dass man die aktuelle Klimadiskussion nicht mehr schulterzuckend oder gar abwinkend beiseite schieben wird. "Wir haben 78 Modelle im Angebot, die im Schnitt weniger als sechs Liter Sprit je 100 Kilometer verbrauchen", sagte Winterkorn und verkündete selbstbewusst: "Wir geben das Tempo in Sachen Sparsamkeit vor."

Winterkorn: "Nichts ist unmöglich"

Enthüllt wurde sodann der Polo Blue Motion (3,9 l/100 km, 102 g CO2/km), der Passat Blue Motion (5,1 l/100 km, 136 g CO2/km) und der Golf Variant. Aus der Kombiversion kletterte dann der Fußballer Marcelinho, neuer Star des VfL Wolfsburg, und aus dem Auditorium enterte sein Trainer Klaus Augenthaler die Bühne. Ein bisschen Glamour eben bei so viel automobiler Vernunft. Und einen Seitenhieb auf Toyota hatte Winterkorn auch noch parat. Der Polo Blue Motion sei "gut 9000 Euro billiger als das viel zitierte Hybridmodell eines japanischen Herstellers", ätzte der Vorstandschef und schob nach, "bei VW ist alles möglich, aber nichts ist unmöglich."

Die deutschen Hersteller sind sauer auf Toyota und die enorme Aufmerksamkeit, die deren Hybridmodell Prius in der Öffentlichkeit zuteil wird. Dabei ist der kommerzielle Erfolg des Autos in Deutschland höchst überschaubar. Im vergangenen Jahr wurden laut Kraftfahrt-Bundesamt 3027 Prius-Modelle zugelassen – bei insgesamt 3,45 Millionen Neufahrzeugen also kaum der Rede wert. Doch der Wagen wühlt die Branche auf wie kein zweiter, weil er als Öko-Mustermobil gilt.

Während die Hybrid-Versionen deutscher Hersteller noch in den Entwicklungsabteilungen stehen und wohl erst im September auf der IAA in Frankfurt einige Prototypen vorgestellt werden, beschränken sich VW & Co. nun nicht mehr aufs Lamentieren, sondern trumpfen mit eigenen Ideen auf. Auch BMW hat sich nun der "effizienten Dynamik" verschrieben und präsentiert in Genf unter anderem den 1er in einer Version, die lediglich 123 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt. Dass auch ein M3-Konzeptauto mit 5-Liter-V8-Aggregat und weit mehr als 400 PS zu den Genf-Neuheiten gehört, lässt sich offenbar noch nicht vermeiden.

Spritsparer und Saubermotoren

Auch Audi probt den Spagat. Die Ingolstädter zeigen einerseits den Kompaktwagen A3 in einer Spritsparversion, die lediglich 120 Gramm CO2 je Kilometer ausstößt, und andererseits das neue Coupé A5 in der S-Variante mit 354 PS und zum Preis von 55.900 Euro. Bei Mercedes wird die neue C-Klasse auch als "Vision C 220 Bluetec" präsentiert. Der Motor liefert 170 PS und ein Drehmoment von 400 Nm, soll aber nicht mehr als 5,5 Liter Diesel je 100 Kilometer verbrauchen und den so sauber verbrennen, dass er bereits die erst ab 2015 in Kraft tretende Euro-6-Abgasnorm erfüllt. "Ein Musterbeispiel für zukunftssichere Spitzentechnologie", lobt DaimlerChrysler-Chef Dieter Zetsche.

Auch Opel und Ford nehmen die Klimadebatte ernst. Die Rüsselsheimer zeigen neben ihrer Designstudie Concept GTC einen Corsa, dessen 1,3-Liter-Dieselmotor so optimiert wurde, dass er nun einen CO2-Ausstoß von 119 g/km ausweist, statt bislang 124 g/km. Und Ford, wo vor allem das neue Mittelklasseauto Mondeo als Limousine, Fastback und Kombi im Rampenlicht steht, zeigt darüber hinaus mit Bio-Ethanol-Fahrzeugen einen Weg in eine CO2-ärmere Zukunft auf.

Die grün-blaue Bewegung

Sogar Porsche-Chef Wendelin Wiedeking setzt auf den Sprit aus Biomasse. Der Geländewagen Cayenne soll schon bald 25 Prozent Bio-Kraftstoff im Tank vertragen, später soll das Auto gar für E85 (85 Prozent Bio-Ethanol, 15 Prozent Benzin) ausgerüstet werden. Und bis 2010, das bekräftigte der Zampano aus Zuffenhausen noch einmal, soll sowohl der Cayenne als auch der kommende Viertürer Panamera mit einem Hybridantrieb angeboten werden.

Auch auf den Straßen in Genf ist die CO2-Debatte allgegenwärtig. Grellgelb lackierte Smarts fahren dort umher mit der Aufschrift "CO2-Champion". Und VW hat eine Flotte von 102 Polo Blue Motion als Shuttlefahrzeuge hierher gebracht, die übergroß die Aufschrift an der Flanke tragen: "102 g/km CO2". Das Thema ist, so scheint es, überall angekommen. "Sogar unser Vorstand fährt hier in Genf mit den Blue-Motion-Modellen", berichtet ein VW-Sprecher. Es ist eben nichts unmöglich.

insgesamt 3156 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DELAN, 06.02.2007
1.
Da melden sich sicherlich gleich ganz viele, die so ein Auto sofort kaufen würde. Es gab solche Autos schon - und zwar aus Deutschland! Aber kaum jemand hat sie gekauft: Der Lupo 3L und der Audi A2, der ebenfalls nur 3l verbrauchte, sind eingestellt worden. Der Audi Q7, ein spritfressender Dinosaurier, verkauft sich wie warme Semmeln. Was wir brauchen, sind nicht andere Autokäufer, sondern ist eine grundlegende Wende in der Energiepolitik. Weg vom Öl, heißt für mich die Devise und da sehe ich kein Land in Sicht. Gruß DELAN
langsamer 06.02.2007
2.
Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird.
Klo, 06.02.2007
3.
---Zitat von langsamer--- Wer ein "sparsames" Auto kauft, um zu sparen, begeht gleich den ersten Irrtum: die Energiemenge, welche bei der Herstellung eines Autos aufgewendet werden muss, ist viel höher als jene, die dieses Auto jemals bis zu seiner Verschrottung in Form von Kraftstoff verbrauchen wird. ---Zitatende--- Das schreit ja geradezu nach Belegen. Was bitte macht die Herstellung eines Lupo oder Golf zum Energiefresser? Und wieso ist die Herstellung eines 3 Tonnen schweren Maybach da besser? Fragen über Fragen.
Dr.Strangelove, 06.02.2007
4.
Ich erinnere mich noch an meine Suche nach Elektroautos, in die ich in der regel nicht einmal einen Einkauf für 2 Personen bekomme und deren Batterien im Winter nur noch die Hälfte der Energie speichern, weil es für diese weder eine Isolation, noch eine Aufwärmung gibt. Zu sShluss fand ich noch ein experimentelles Fahrzeug mit einer gut isolierten Batterie, die bei 300Grad Celsius Betrieb gefahren wird und im Winter die volle Leistung abgibt. Nur gibt es kein Fahrzeug mit einer solchen Batterie am Markt. Die meisten Bastler haben nicht das Kapital um etwas vernünfitges zu industrialisieren und die Konzerne sind mit sich selbst beschäftigt. Schade eigentlich.
Zeichenkunde, 06.02.2007
5. Umdenken auch von oben
Der Tesla Roadster kostet 100000 ist ein Elektroauto und - ausverkauft. Einfache Logik: Wenn umweltfreundliche Autos nicht aussehen wie Seifenkisten und Alltagstauglich sind (in diesem fall die Reichweite) werden sie auch gekauft. Mein nächstes Wunschauto wäre dann der Loremo. Zweite einfache Logik: wenn der Gesetzgeber beschließt wird auch gehandelt. Siehe Kalifornien: Gesetz da Elektroautos da. Gesetz weg - Autos weg. (Who killed the electrical car) So einfach wäre das!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.