Komfort Denkende Klimaanlage - Steife Brise gegen Müdigkeit

Mit der Hitze steigt der Stress, die Kondition sinkt, und die Reaktionszeiten werden länger. Abhilfe schaffen in solchen Fällen Klimaanlagen. Die sollen in Zukunft für noch angenehmere Temperaturen im Auto sorgen.


Mit hochsensiblen Dummies wird die Klimaanlage der Zukunft getestet
Foto: GMS

Mit hochsensiblen Dummies wird die Klimaanlage der Zukunft getestet

Stuttgart - Sommerliche Temperaturen bedeuten steigende Unfallzahlen: Schon bei mittlerer Wärmebelastung ist das Risiko eines Crashs sechs Prozent höher als unter normalen Bedingungen - bei sehr hoher Wärmebelastung kracht es gar 18 Prozent öfter.

Der koreanische Autohersteller Hyundai hat ermittelt, dass ein Autofahrer bei einer Innenraumtemperatur von 35 Grad gut 20 Prozent langsamer reagiert als bei 25 Grad. Doch schon an warmen Frühjahrstagen kann das Quecksilber im fahrenden Wagen auf 35 bis 40 Grad klettern, im stehenden Fahrzeug sind 60 Grad keine Seltenheit.

Erste Klimaanlagen zur Hitzebekämpfung wurden bereits in den dreißiger Jahren angeboten. Mittlerweile sind solche Geräte nach einer Erhebung der Deutschen Automobil Treuhand (DAT) in Stuttgart bei jedem vierten Auto in Deutschland an Bord, bei den Neuzulassungen liegt der Anteil bei rund 50 Prozent. Moderne Klimaanlagen können laut Mercedes in Stuttgart noch mehr, als Kühle zu produzieren. Sie entziehen der Luft die Feuchtigkeit und verhindern das Beschlagen der Scheiben. Außerdem verfügen immer mehr Systeme über Schadstoffsensoren und Filteranlagen, so dass Staub- oder Rußpartikel und Allergie fördernde Pollen ausgesperrt werden können.

Aber bei ihrer Regelung stoßen Klimaautomaten schnell an ihre Grenzen. Laut einem Stuttgarter Hersteller orientieren sie sich in aller Regel an der gemessenen Temperatur, obwohl sie eigentlich den gefühlten Wert erfassen müssten. Weil es für diese subjektive und von jedem Menschen anders wahrgenommene Größe jedoch kein Messverfahren gibt, muss man sich dem Idealwert über Faktoren wie der Strömungsgeschwindigkeit der Luft, der Sonneneinstrahlung oder der Feuchtigkeit im Fahrzeug nähern. Bislang werden diese Faktoren allenfalls nach festen Kennfeldern gesteuert.

Doch künftig soll eine "physiologisch" geregelte Klimaanlage ihre Leistung individuell auf Insassen und Umgebungssituation abstimmen, ohne dabei auf gespeicherte Laborwerte zurückzugreifen. Dabei sollen die Geräte der Zukunft sogar Konzentrationsschwächen oder eine Übermüdung des Fahrers erkennen und diesen Gefahrenquellen mit veränderten Temperaturen und neuen Strömungsverhältnissen begegnen können.

Dafür wird ein Netz von Sensoren benötigt, mit dem sämtliche Einflussgrößen in Innenraum überwacht werden können. So sorgt ein Windmessgerät dafür, dass die Luftgeschwindigkeit konstant bleibt. Selbst wenn der Beifahrer seine Belüftungsdüse schließt, sitzt der Fahrer dann nicht mehr im Zug. Solarsensoren registrieren die Sonneneinstrahlung und verändern die Schichtung der Luft im Auto so, dass der Fahrer warme Füße behält und trotz praller Sonne keinen heißen Kopf bekommt.

Wenn mit einem jetzt vom Zulieferer in Lippstadt vorgestellten Sensor erst einmal die Luftfeuchtigkeit genau ermittelt werden kann, müssen Autos auch nicht mehr pauschal auf ein Wüstenklima von 30 Prozent Luftfeuchtigkeit abgeregelt werden, damit die Scheiben nicht beschlagen. Vielmehr reichen in den meisten Fällen 40 Prozent, womit Schleimhäute, Augen und trockene Lippen geschont würden. Erst wenn der Sensor vor mangelndem Durchblick warnt, muss die Klimaanlage einschreiten.

Zwar rechnet Behr noch mit drei bis fünf Jahren, bis alle Sensoren optimal aufeinander abgestimmt sind. Doch einzelne Komponenten gibt es schon heute zu kaufen: So wird laut Mercedes bei der S-Klasse die Temperatur bereits an zwei Stellen gemessen, die Zahl der Passagiere und damit der jeweils benötigte Klimaraum über Sensoren erfasst und die Sonneneinstrahlung aus allen vier Himmelsrichtungen ermittelt. Außerdem gibt es einen Indikator für die Luftfeuchtigkeit, der 250 Szenarien kennt. Für den geregelten Luftstrom sorgen zehn kleine Elektromotoren, die sämtliche Düsen automatisch regulieren. Im Jeep Grand Cherokee messen sogar Infrarotsensoren die Körpertemperatur von Fahrer und Beifahrer, um die Anlage entsprechend zu regeln.

Mittelfristig soll die "physiologische" Regelung laut Behr für 95 Prozent aller Autofahrer automatisch ein prima Klima erreichen.

Thomas Geiger, gms





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