Kompakte Sportwagen Kraftakt in der Golf-Klasse

Klar, an Sportwagen vom Kaliber eines Ferrari oder Lamborghini bleibt das Auge hängen. Es gibt inzwischen jedoch eine ganze Armada potenter Kraftpakete, die im Dress maßvoller Kompaktautos daherkommen. In Genf sind einige Neuzugänge in der GTI-Liga zu besichtigen.


"Downsizing" ist der große Trend der Autowelt. Nicht nur Motoren und Verbrauchswerte werden kleiner, sondern in Zeiten von Konjunkturkrise, Klimasorgen und Abwrackprämie gehen auch die Fahrzeuge selbst auf Schrumpfkurs. Die Entwicklung hat auch die Sportwagen erreicht. In Genf locken zwar auch weiterhin exklusive Exoten wie der neue Lamborghini Murciélago Super Veloce, der Ferrari F 599XX oder der Aston Martin One-77 mit dem klassischen Dreisatz stärker, schneller, teurer. Doch am lautesten röhren die Motoren in dieser Saison in der Kompaktklasse. Gleich vier neue Autos - für die es im Englischen so hübsche Begriffe wie "Pocket Rocket" und "Hot Hatch" gibt - setzen in den kommenden Wochen zum Spurt an.

Zu den wildesten Vertretern gehört der Mazda 3 MPS. Nachdem die normale Neuauflage des japanischen Golf-Konkurrenten solide aber schlicht geraten ist, durften sich die Designer an diesem Auto austoben. Zum Debüt des Vollgas-Modells im Spätsommer wird der Kühlergrill noch weiter aufgerissen, auf der stärker profilierten Motorhaube sitzt eine mächtige Lufthutze, die Flanken zeigen deutliche Muskelpakete, und das Heck ist ebenfalls straff und kraftvoll geworden.

Doch all das sind nur Äußerlichkeiten. Worauf es wirklich ankommt, ist der Motor: Aus 2,3 Litern Hubraum schöpft der Turbo-Direkteinspritzer 260 PS und geht mit maximal 380 Nm zu Werke. Das ergibt einen Sprintwert von 0 auf Tempo 100 in 6,1 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h.

Die Krone des stärksten Kompaktsportlers allerdings trägt derzeit der Ford Focus RS, der in Genf erstmals dem breiten Publikum gezeigt wird. Dessen Motor mobilisiert nämlich verwegene 305 PS. Im Juni wird das brachiale Auto zu einem Preis von 33.900 Euro in die Pole-Position der Kompaktklasse rollen.

In wenigen Wochen tritt der neue VW Golf GTI an

Ebenfalls mit Vollgas startet im Sommer die rasanteste Variante des Renault Mégane. Die Coupé-Version des Wagens erfährt bei der Motorsport-Division des Unternehmens gerade ein intensives Krafttraining und schießt demnächst mit bösem Gesichtsausdruck und dickem Heck als Mégane RS aus der Boxengasse. Die Leistung des zwei Liter großer Turbomotors legt um 26 auf 250 PS zu, und das maximale Drehmoment wird künftig bei 340 Nm erreicht. Selbst wenn Renault derzeit noch keine Fahrdaten verrät, braucht es nicht viel Phantasie für eine Tour der Force.

Fast schon brav und bieder wirkt gegen diese drei Muskeltiere jener Kraftmeier, der vor mehr als 30 Jahren den automobilen Breitensport ins Leben rief: der VW Golf GTI. Wo die Wettbewerber die wilden PS-Proleten geben, macht er ganz auf eiligen Gentleman und verzichtet weitgehend auf das Zurschaustellen von Spoilern und Schwellern. Auch unter der Motorhaube des neuen GTI regiert vermeintliche Bescheidenheit. Denn das Zweiliter-Turboaggregat bringt es lediglich auf 210 PS und 280 Nm. Doch erstens reicht auch das für einen Sprintwert von 7,2 Sekunden und ein Spitzentempo von 239 km/h, und zweitens braucht VW ja noch etwas Luft nach oben. Denn dort soll eine bereits angekündigte R-Version plaziert werden - mit voraussichtlich rund 300 PS.

Audi schärft den TT, Alfa den kleinen Mito

Aber es sind nicht nur die kompakten Bestseller, die auf dem Genfer Salon die Muskeln spielen lassen. Auch in den Segmenten links und rechts Golf-Klasse lässt die Industrie die Muskeln schwellen. So feiert zum Beispiel Audi im Modell TT RS die Rückkehr des Fünfzylinder-Turbomotors, der früher den Ur-Quattro befeuerte. Die Neuauflage des Aggregats, das in Coupé und Cabrio verfügbar ist, schöpft aus 2,5 Litern Hubraum 340 PS und 450 Nm und jagt den Zweisitzer binnen 4,6 Sekunden auf Tempo 100. Dass bei 250 km/h Schluss ist, nennt Audi eine "reine Formsache". Gegen einen entsprechenden Obolus lassen die Bayern den RS auch bis 280 km/h sprinten.

Ebenfalls auf Leistungslust setzt Alfa Romeo mit dem formal noch als Studie getarnten Mito GTA. Der Alfa Arrabiata sieht nicht nur ungeheuer kräftig aus - er ist es auch. Unter der Haube steckt ein neu entwickelter Vierzylindermotor, der dank Turbo und Direkteinspritzung bei nur 1,8 Litern Hubraum auf 240 PS kommt. Das spürt man einerseits auf der Waage, andererseits an der Tankstelle, heißt es bei Alfa. Angeblich verbraucht der Sportler nicht mehr als ein normaler Kleinwagen.

Zweistellige Verbrauchswerte bei flotter Fahrweise

Wer's glaubt... Denn natürlich wird der Mito bei artgerechter Fahrweise - wie alle anderen Modelle dieser Spezies auch - auf einen zweistelligen Verbrauchswert kommen. Doch liegen die Autos damit noch immer unter dem Niveau vieler Geländewagen. Außerdem gebe es dutzende Typen, die doppelt so viel Sprit verbrauchen und nicht einmal halb so viel Spaß machen, sagt ein Alfa-Sprecher.

Dass solche Renner just am möglichen Tiefpunkt der Autokrise in den Handel kommen, ist für Marktforscher Nick Margetts vom Analysten Jato Dynamics kein Zufall. Die Fahrzeughersteller könnten damit ihre bisweilen etwas schnöden, aber in nüchternen Zeiten gefragten Klein- und Kompaktwagen mit vertretbarem Aufwand emotional aufladen, sagt der Experte. Und die Kunden dürfen sich geradeheraus an der Leistung freuen. "Während Käufer eines echten Sportwagens heute schräg angeschaut werden, sind die kompakten Kraftpakete einigermaßen sozialverträglich", urteilt der Analyst. "Sie sind einfach zu klein, um böse zu sein."



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