Konkurrenten des VW Golf Andere Länder, andere Typen

In Deutschland gibt es kein wichtigeres Auto als den VW Golf und kein größeres Segment als die Kompaktklasse. Aber wie steht der Bestseller aus Wolfsburg im Ausland da? SPIEGEL ONLINE hat sich umgesehen.


Sieht man die Welt durch die VW-Brille, dann gibt es auf den Straßen kein wichtigeres Auto als den Golf. Schließlich dominiert er nicht nur den Absatz von Europas größtem Autohersteller, sondern ist seit mehr als dreißig Jahren auch das meistverkaufte Auto der Republik. Doch ein Blick in die Nachbarländer könnte das Selbstbewusstsein der deutschen Autobauer im Allgemeinen und der VW-Führungsriege im Besonderen wieder auf ein vernünftiges Maß zurückstutzen. Denn so dominant der VW Golf hierzulande auch sein mag: Im Ausland spielt der Autokönig von Deutschland oft nur eine Nebenrolle - oder mitunter gar keine. Das zeigen Absatzstatistiken des ersten Halbjahrs 2008, die das Marktforschungsunternehmen Jato Dynamics zum Verkaufsstart des neuen Golf exklusiv für SPIEGEL ONLINE aufbereitet hat.

Danach steht der Primus aus Wolfsburg in Deutschland mit 95.000 Zulassungen von Januar bis Juni erwartungsgemäß an der Spitze - und zwar mit solidem Abstand vor der Mercedes C-Klasse (51.000 Zulassungen) und dem VW Passat (48.000). Doch schon in Großbritannien reicht es für den Golf mit 36.000 Neuanmeldungen nur noch für Platz fünf hinter den in Deutschland stets abgeschlagenen Erzrivalen Opel/Vauxhall Astra (55.000 Zulassungen) und Ford Focus (62.000 Zulassungen), der im ersten Halbjahr 2008 das beliebteste Auto der Briten war. Außerdem plazierten sich noch Opel/Vauxhall Corsa und Ford Fiesta vor dem Wolfsburger.

Noch schlechter steht es um den Branchenprimus in Italien, wo es für den Golf hinter Autos wie Fiat Panda, Citroën C3, Opel Corsa oder Fiat Bravo nur für Platz elf (24.000 Zulassungen) reicht. Und auch Frankreich zählt nicht zum Golf-Hoheitsgebiet: Dort hat es der Dauerbrenner aus Wolfsburg im ersten Halbjahr nur auf Rang 16 geschafft - mit 17.000 Zulassungen; Bestseller Renault Clio kam im gleichen Zeitraum auf mehr als fünfmal so viele Kunden.

In Russland ist der Golf nur eine Randerscheinung

Je weiter man sich von Deutschland entfernt, desto stärker nimmt die Golf-Dichte auf den Straßen ab. In Russland zum Beispiel geht der Autoboom am deutschen Vorzeigemodell glatt vorbei: Während die Jato-Statistik für die ersten sechs Monate des Jahres 2008 zum Beispiel fast 50.000 Ford Focus und mehr als 40.000 als Renault verkleidete Dacia Logan ausweist (beide Modelle werden in Russland montiert und sind deshalb deutlich billiger), kommt der VW Golf gerade mal auf etwas mehr als 2000 Zulassungen.

Auch in den USA laufen andere Automodelle deutlich besser. Allerdings verkauft VW dort nur die Sportvarianten GTI und R32, die zusammen auf etwa 8500 Zulassungen kamen. Für Importautos aus Europa ist das nicht schlecht. Doch verglichen mit den 240.000 Toyota Camry an der Spitzenposition ist der Golf-Anteil nur eine Fußnote. Ebenfalls ein exklusiver Exot ist der Golf in Japan, wo er im ersten Halbjahr immerhin rund 10.000-mal verkauft wurde.

Damit liegt er zwar jeweils ein paar hundert Zulassungen vor BMW 3er und Mercedes C-Klasse – aber etwa 100.000 Zulassungen hinter dem Marktführer Suzuki Wagon R+. Und auch in China taucht der Golf mit rund 1400 Zulassungen im ersten Halbjahr erst weit hinter seinen Geschwistermodellen aus lokaler Produktion auf, etwa dem 110.000-mal verkauften Jetta oder dem 70.000-mal zugelassenen Passat. Der Golf landet dort auf Platz 135 der Statistik.

Die Kompaktklasse schrumpft weltweit

Generell geht die Bedeutung der sogenannten Golf-Klasse nach einer Jato-Analyse weltweit langsam aber stetig zurück. Lag der Anteil des Kompaktsegmentes in Deutschland 1990 noch bei 31,5 Prozent, waren es im letzten Jahr nur noch 20,5 Prozent. In Frankreich ging dieser Wert von 22,4 auf 17,1 Prozent zurück und in Großbritannien von 29,2 auf 16,5. Zwar ist die Tendenz auch außerhalb Europas sinkend, doch sind die Anteile auf den fernen Märkten noch immer deutlich größer: So machte die Kompaktklasse laut Jato im vergangenen Jahr 26,9 Prozent des chinesischen Automarktes aus, 48,9 Prozent des russischen und und 26,7 Prozent des US-Marktes. Aber der VW Golf kämpft nicht nur gegen ein nachlassendes Interesse an diesem Fahrzeugsegment. Sondern auch gegen eine wachsende Zahl von Konkurrenten, die er durch seinen Erfolg erst angezogen hat. Trat der Golf 1980 noch gegen etwa 25 Konkurrenzmodelle an, gibt es heute nach Angaben der Jato-Statistik fast 50 Wettbewerber. Das macht die Golf-Klasse zu dem mit Abstand am härtesten umkämpften Segment des Marktes. Den Kunden kann das nur recht sein: Schließlich garantiert das eine große Auswahl und attraktive Preise. Und zumindest in Deutschland scheint der Spitzenplatz nach wie vor reserviert - für den VW Golf.



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