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28. März 2011, 21:43 Uhr

Kostenvergleich Rad gegen Auto

Das Velo ist Sieger der Herzen

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Autofahren ist teuer, radeln billig? Die Wirklichkeit ist komplizierter. Verkehrsforscher aus Österreich haben die Kosten der beiden Transportmittel im Detail verglichen. Das Auto schlägt sich dabei erstaunlich gut - trotz CO2-Emission und teurem Benzin - verliert aber am Ende doch.

Es gibt viele Gründe, Rad zu fahren: Man nimmt die Welt intensiver wahr als im Bus oder Auto, es macht Spaß, vor allem auf kurzen Wegen in Städten sind Radler oft schneller am Ziel als Autofahrer. Und nicht zuletzt hilft das Pedalieren der Umwelt. Das Rad rollt emissionsfrei, weder stinkende Abgase noch klimaschädliches CO2 werden in die Luft gepustet.

Ein gewichtiges Argument sind natürlich auch die Kosten. Ein Auto ist in der Anschaffung viel teurer als ein Velo, gleiches gilt erst recht für die Betriebskosten. Schließlich wird das Rad von Muskelkraft angetrieben und schluckt kein Benzin. Wie aber fällt die Gesamtbilanz aus, wenn man möglichst alle Faktoren berücksichtigt, die sowohl Fahrer als auch die Gesellschaft tragen müssen?

Einen solchen gesamtwirtschaftlichen Vergleich von Pkw- und Radverkehr haben Verkehrsforscher aus Wien jetzt auf dem Kongress Velo-City 2011 in Sevilla vorgestellt. Gregor Trunk und Michael Meschik vom Institut für Verkehrswesen haben in ihrer Untersuchung sowohl die internen Kosten berechnet, die der Fahrer selbst tragen muss, als auch jene, die nicht der Einzelne bezahlt, sondern die Gesellschaft. Diese sogenannten externen Kosten, etwa Gesundheitsschäden durch Abgase, haben die Forscher auf den Verursacher umgelegt.

All diese internen und externen Kosten wurden dann pro Kilometer umgerechnet - für Rad und Pkw gleichermaßen. In den Kalkulationen ging es ausschließlich um den Stadtverkehr in Wien, Überland- oder Autobahnfahrten wurden nicht berücksichtigt, weil nach ihrer Aussage zum Beispiel der etwas höhere Verschleiß in der Stadt kaum eine Rolle spielt.

Radeln teurer als erwartet

Eine erste Überraschung lieferte die Kalkulation der Betriebskosten. Nachdem Trunk und Meschik die Positionen Anschaffung, Unterhalt, Reparaturen, Parken und Kraftstoff für beide Verkehrsmittel addiert und wiederum pro Kilometer berechnet hatten, landete das Auto bei 38,3 Cent, das Fahrrad bei 10,2 Cent. "Ich hätte gedacht, dass Radfahren viel billiger ist", sagte Meschik.

Die Betriebskosten sind jedoch nur ein Teil dessen, was Radler und Pkw-Fahrer selbst bezahlen müssen. Hinzu kommen noch die Folgekosten von Unfällen und die Kosten der Fahrzeit - beides Positionen, bei denen Radfahrer nach der Untersuchung der Wiener Verkehrsforscher mehr bezahlen als Autofahrer.

Bei den Kosten für die Fahrzeit haben Meschik und Trunk angenommen, dass eine Stunde im Verkehr die Betroffenen tatsächlich Geld kostet. Wenn jemand beruflich unterwegs ist, rechneten die Forscher mit 30 Euro pro Stunde. Der Weg zur Arbeit wurde mit 11 Euro, die Fahrt zum Supermarkt mit 8 Euro kalkuliert. Der Durchschnitt über alle Fahrten liegt bei 10 Euro pro Stunde.

Aus diesem Wert und den Durchschnittsgeschwindigkeiten von Autos und Rädern in Wien ergeben sich dann die gesuchten Zeitkosten pro Kilometer. Das schnellere Auto kommt dabei auf 54,3 Cent, das Fahrrad auf 66,5 Cent. Zumindest wenn die zurückgelegten Wege mit Auto und Rad gleich lang sind, zahlt der Radfahrer nach dieser Kalkulation also drauf. Das Erstaunliche an diesen Zahlen ist zudem, dass die Kosten der Fahrzeit deutlich über den laufenden Aufwendungen für Kraftstoff, Abschreibung und Reparaturen liegen.

Ein weiterer wichtiger Block sind die internen, also von Fahrer selbst zu tragenden Unfallkosten. Während die Belastung der medizinischen Behandlung größtenteils von der Allgemeinheit getragen werden (über die Krankenversicherung), muss der Verunglückte andere Positionen fast vollständig selbst übernehmen. Dazu gehört unter anderem der Wert menschlichen Leids, den Gesundheitsökonomen durchaus quantifizieren können.

Auch bei den internen Unfallkosten schneidet das Auto mit 1,4 Cent pro Kilometer besser ab, weil die Unfallfolgen für Pkw-Insassen innerorts meist weniger schwer sind als für Radfahrer. Radler kommen mit 6,3 Cent auf einen mehr als viermal so großen Wert.

Zweimal Vorteil Auto

Rechnet man alle internen Kosten zusammen, dann liegen Radler (83,0 Cent) und Autofahrer (94,0 Cent) ziemlich nah beieinander. Lohnt es sich dann eigentlich noch, sich auf den Drahtesel zu schwingen? Die Berechnungen der Wiener Forscher zeigen, dass selbst die Berücksichtigung von Lärm, Schadstoff- und CO2-Emissionen das Bild kaum verändert. Um gerade mal 2,5 Cent pro Kilometer verschlechtert sich die Bilanz zu Ungunsten der Autofahrer. Grundlage dafür war unter anderem die Annahme, dass ein Pkw 170 Gramm CO2 pro Kilometer ausstößt und eine Tonne CO2 Kosten von 50 Euro zur Folge hat - etwa für Ausgleichsmaßnahmen.

Trotzdem erweist sich das Radfahren am Ende aller Berechnungen als deutlich günstiger - und zwar aus einem einzigen Grund: Wer regelmäßig in die Pedale tritt, tut eine Menge für seine Gesundheit. Vor allem Herz und Kreislaufsystem profitieren.

Nach Berechnungen von Meschik und Trunk erreicht dieser Effekt fast 90 Cent pro Kilometer. Grundlage war übrigens eine moderate Fahrleistung von 1600 Kilometern pro Jahr. Dies entspricht drei Stunden im Sattel pro Woche an 36 Wochen pro Jahr bei einer Geschwindigkeit von 15 km/h.

Die höheren Ausgaben des Radfahrens infolge der Unfallkosten werden somit um ein Mehrfaches durch die bessere Gesundheit kompensiert. Im Portemonnaie des Einzelnen ist dies freilich nicht zu spüren, denn eine bessere Gesundheit ist für viele nur ein virtueller Vorteil, kein finanzieller.

Strampeln und länger leben

Rein virtuell bleibt der gesundheitliche Nutzen freilich nicht. Francesca Racioppi, Gesundheitsökonomin bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, hat die Effekte das Radfahrens ebenfalls untersucht. Nach ihren, ebenfalls in Sevilla präsentierten Berechnungen verlängert Radfahren nachweislich das Leben von Menschen - auch wenn man die negativen Effekte durch Radunfälle berücksichtigt. An drei Punkten beeinflusst regelmäßiges Radeln nach ihrer Kalkulation die Lebenserwartung:

"Wir wollten die Zahlen erst nicht glauben und haben unsere Auswertungen an Kollegen geschickt mit der Bitte, sie kritisch zu prüfen", sagte Racioppi. Inzwischen gebe es jedoch keinen Zweifel mehr, dass Radfahren trotz leicht erhöhtem Unfallrisiko insgesamt das Leben nachweislich verlängere.

Der Wiener Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Kosten von Rad und Auto wurde auf dem City-Velo-Kongress übrigens als Auto-freundlich gebrandmarkt. Bernhard Ensink von der Lobbyorganisation European Cycling Federation ECF kritisierte unter anderem, dass die Fahrzeit für Radler als Kosten eingestuft wurden. "Ich spare beim Radeln ja Zeit ein, die ich nicht im Fitnesscenter verbringen muss", sagte er im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Insofern müssten die Zahlen fürs Rad eigentlich noch viel besser aussehen.

Und auch an anderer Stelle sind finanzielle Vorteile des Radfahrens unter den Tisch gefallen. Die Kosten des Straßen- und Radwegebaus haben Trunk und Meschik in ihren Kalkulationen ausdrücklich nicht berücksichtigt. Ein Radfahrer benötigt nach gängiger Faustformel nur ein Achtel der Fläche, die ein Auto im öffentlichen Straßenraum belegt.

Steuern, mit denen Autofahrer ja öffentliche Ausgaben finanzieren, wurden ebenfalls nicht berücksichtigt. Allerdings machen sie umgerechnet auf einen Kilometer nur einen geringen Anteil von rund 5 Cent aus.

Betriebskosten von Rad und Auto

Bei der Berechnung der laufenden Kosten haben die Wissenschaftler auf Daten der Österreichischen Forschungsgesellschaft Straße - Schiene - Verkehr (FSV) zurückgegriffen. Die FSV hat die durchschnittlichen Betriebskosten eines Pkw in Österreich berechnet, also den Mittelwert über alle Pkw des Landes. Die Kosten setzen sich zusammen aus:

Diese Betriebskosten bestehen wiederum aus einer fahrleistungsabhängigen und fahrzeitabhängigen Komponente, beide müssen berücksichtigt werden. Sie betragen fürs Auto 11,9 Cent/km und 5,80 Euro/Stunden. Die Werte fürs Fahrrad liegen bei 4,8 Cent/km und 81 Cent/Stunde. Weil es sich bei diesen Zahlen um Mittelwerte handelt, sind die Betriebskosten bei teureren Autos oder Fahrrädern natürlich höher.

Beim Kraftstoffverbrauch haben die Forscher ebenfalls den Mittelwert der gesamten Pkw-Flotte Österreichs verwendet - berechnet vom Umweltbundesamt http://www.umweltbundesamt.at/en/hbefa/. Die Kraftstoffkosten liegen demnach bei 3,2 Cent/km (bei 25 km/h und rund 7,0 Liter/100 km). Mithilfe der Durchschnittsgeschwindigkeiten von Auto (25 km/h) und Rad (15 km/h) kann man aus den Betriebs- und Kraftstoffkosten die laufenden Kosten pro Kilometer berechnen. Sie liegen bei 10,20 Cent (Rad) beziehungsweise 38,30 Cent (Auto) pro Kilometer.

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