Kraftstoffpreis Warum Benzin viel zu billig ist

Fünf Mark pro Liter: Vor zehn Jahren scheiterten die Grünen mit der Forderung, die Benzinkosten massiv zu erhöhen. Was 1998 wie Wahnsinn klang, könnte mittelfristig Realität werden. Um Autoindustrie und Konsumenten aufzurütteln, wäre aber ein noch höherer Preis notwendig.

Die Boulevardpresse tobte, "Automann" Gerhard Schröder war schwer vergrätzt: Als die Grünen 1998 auf ihrem Parteitag eine Erhöhung des Benzinpreises auf 5 Mark beschlossen, kostete sie das beinahe die Bundestagswahl.

Der Vorschlag, den Spritpreis durch Steuererhöhungen mehr als zu verdreifachen, landete flugs im Papierkorb. Doch auch ohne Zutun der Politik hat sich der Benzinpreis seitdem verdoppelt. Wenn der Ölpreis weiter ansteigt und der Dollar erstarkt, sind die seinerzeit von der Ökopartei anvisierten 2,56 Euro (fünf Mark) eine durchaus realistische Perspektive.

"Die Einschätzung von 1998, wie hoch der Benzinpreis unter Berücksichtigung aller Klima- und Umweltkosten hätte sein müssen, war damals bestimmt nicht übertrieben", sagt Winfried Hermann, der verkehrspolitische Sprecher der Grünen. Im Rückblick zeigt sich aber, dass die Verdopplung des Spritpreises in den vergangenen zehn Jahren keineswegs ausgereicht hat, das Verhalten deutscher Konsumenten und Autohersteller nennenswert zu beeinflussen.

Im Gegenteil: Erstere orientieren sich mehrheitlich weiterhin an Zylinderzahl und Fahrzeuggröße. Sportwagen und Geländemonster sind die einzigen Pkw-Kategorien, die sich in Deutschland richtig gut verkaufen. Auch bei den Herstellern Mercedes oder Audi ist das Interesse an alternativen Antrieben ohne Spritbedarf ziemlich gering. Dabei müsste sich zügig etwas ändern, wenn dem Klimawandel Einhalt geboten werden soll.

Anderswo ist der Wandel in vollem Gang

Nicht überall sind die Beharrungskräfte so groß. In Teilen der Branche werden Alternativen zum Verbrennungsmotor heiß diskutiert, vor allem Elektroautos gelten den Vordenkern als chancenreich. Kleine Start-ups wie Tesla, Aptera oder Think arbeiten an Pkw, die ohne Benzin, ohne Kolben und ohne CO2-Emissionen auskommen. Auch zwei große Autohersteller haben sich festgelegt: General Motors (GM) und Nissan wollen bis 2010 massenmarktfähige Elektrofahrzeuge auf den Markt bringen - in Großserie. Und die deutschen Hersteller? Die überlegen noch.

Natürlich ist eine gewisse Skepsis angebracht, denn das Elektroauto ist schon viele Tode gestorben. Vor hundert Jahren unterlag es dem Wagen mit Verbrennungsmotor, weil seine Reichweite kläglich war. Alle darauffolgenden Wiederbelebungsversuche scheiterten - zuletzt ging GM mit dem EV1 spektakulär baden.

Trotzdem gibt es drei Gründe dafür, dass sich Elektroautos diesmal durchsetzen könnten. Der erste ist der Klimawandel. Der zweite ist der technologische Fortschritt bei der Akkutechnik. Der dritte ist der rasant steigende Benzinpreis.

Auf den Spritpreis kommt es an

Die Klimadebatte ist die schwächste Triebfeder für eine Veränderung des Verhaltens. Gerade glaubt zwar jeder, dass man irgendetwas tun müsse. Bei den großen deutschen Autoherstellern herrscht jedoch immer noch die Hoffnung vor, das Problem werde irgendwie verschwinden - wenn schon nicht aus den Köpfen der Klimaforscher, dann doch zumindest aus den Medien. Diese Hoffnung ist nicht ganz unberechtigt. In den achtziger Jahren vermieste das Waldsterben den Herstellern auf der Internationalen Automobil-Ausstellung IAA die Laune. Aber nur einige Jahre lang - dann war wieder Vollgas angesagt.

Der zweite, gewichtigere Punkt ist ein Technologiesprung bei Stromspeichern. Im frühen 20. Jahrhundert fuhren viele Autos elektrisch, danach geriet die Technologie in Vergessenheit. Während die führenden Autohersteller Milliarden für die Motoren- und Getriebe-Entwicklung ausgaben, steckten sie kaum einen Cent in die Verbesserung der Akkumulatoren.

Deshalb sind die Leistungsdaten eines elektrischen Lohner-Porsche aus dem Jahr 1899 nicht viel schlechter als die eines E-Autos aus den späten Neunzigern. Macht aber nichts: Die Handy- und Computerindustrie hat den Akku inzwischen perfektioniert, die Autoindustrie muss diese Innovationsleistung von Sony und anderen nur noch abgreifen. Im Tesla Roadster stecken beispielsweise schon heute 6800 Laptop-Akkus.

Aber will außer ein paar Freaks überhaupt irgendjemand ein Elektroauto kaufen? Die Daimlers und BMWs setzen bisher darauf, dass die Kundschaft Althergebrachtes bevorzugt. Dabei sind es wohl eher die Ingenieure, die an ihren Verbrennungsmotoren hängen, als die Kunden. "Die sind verliebt in ihre Technologie", sagt Hermann. Stimmt: Wer einen glücklichen Vorstand mit glänzenden Augen sehen will, sollte ihm eine Motorenfrage stellen. Sujets wie Ökologie und Elektroautos bewirken eher das Gegenteil.

Der Schmerz ist noch nicht groß genug

Dem Gros der Autofahrer dürfte die Technik indes ziemlich schnuppe sein - solange sich die Sache für sie rechnet. Der auch ohne Zutun der Politik mutmaßlich weiter steigende Spritpreis könnte diesmal den alternativen Antrieben zum Durchbruch verhelfen. Die Rechnung ist eigentlich schon heute ziemlich bestechend: Ein VW Golf mit 1,6-Liter-Benzinmotor verbraucht auf 100 Kilometer im Schnitt 11,10 Euro an Sprit. Ein Tesla Roadster kommt mit 2,40 Euro aus.

Das scheint aber nicht auszureichen. Warum? Sprit ist wohl immer noch zu billig. Der Tech-Guru Pip Coburn hat einmal postuliert, dass sich neue Technologien immer dann durchsetzen, wenn der von der alten verursachte Schmerz unerträglich wird. Anscheinend tut Tanken noch nicht weh genug. In den USA ist das anders: Dort kostete Benzin vor zehn Jahren ein Dollar je Gallone. Jetzt sind es fast vier Dollar.

Seit dieser Preis erreicht ist, lassen die Amerikaner ihre V8-Trucks stehen und wechseln in Scharen zu Kleinwagen und Hybridmodellen. Toyota hat von seinem Prius gerade das millionste Exemplar verkauft. Die Warteliste für Stromer von Aptera oder Tesla reicht bis ins Jahr 2011, auch auf einen Smart von Daimler müssen US-Konsumenten mehr als zwölf Monate warten.

Bei den Amerikanern musste sich der Spritpreis vervierfachen, bis Autohersteller und Autofahrer reagierten. Das entspräche in Deutschland einem Preis von rund drei Euro. Benzin ist immer noch zu billig.