Kultauto Citroën DS Die Götter müssen verrückt sein

1955 stellte Citroën die "DS" vor und gab der Gegenwart eine Form. Auch ihr Nachfolger verrät viel über seine Zeit.


Citroen DS (1968): Er schien nicht zu rollen sondern zu schweben
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Citroen DS (1968): Er schien nicht zu rollen sondern zu schweben

Am 22. August 1962 versucht eine Gruppe von Verschwörern um den Colonel Bastien-Thiry, General de Gaulle in seinem Wagen zu erschießen. Die Attentäter feuern bei Petit Clamart mit Maschinengewehren auf die Limousine des Präsidenten, der aber entkommt dem Attentat wie durch ein Wunder - wobei dieses Wunder einen Namen hat. Der Präsident wurde in einem Citroën DS chauffiert, und der war mit einer Hydropneumatik ausgestattet: Statt Blattfedern diente komprimierbares Gas als Federung. Das machte den Wagen nicht nur so komfortabel wie ein Luftkissen, man konnte auch ohne Wagenheber einen Reifen wechseln - oder eben mit nur drei Rädern weiterfahren, was de Gaulle das Leben rettete und der neuen "Déesse" von Citroën den Ruf einbrachte, tatsächlich ein so übernatürliches technisches Wunderwerk zu sein, wie es ihr Name versprach.

Um zu verstehen, was die DS von Citroën für die Kultur des 20. Jahrhunderts bedeutet, muß man einen kurzen Umweg ins England der Jahrhundertwende machen, zu den Autobauern Charles Rolls und Henry Royce. Die sahen sich um 1910 mit einem ärgerlichen Problem konfrontiert. In London hatte sich ein Kleinkunstgewerbe entwickelt, das mit der Herstellung von "Mascots" beschäftigt war, kleinen Nippesfiguren, die auf den Kühlerdeckel montiert wurden und dort allerlei rufschädigenden Unsinn darboten: Es gab wilde Najaden, knollnasige Polizisten mit verdrehten Augen und kleine Mönche, die, wenn man einen Seilzugmechanismus betätigte, ihre Kutten lüfteten.

Um diesem Spuk ein Ende zu machen, bestellten Rolls und Royce bei dem Bildhauer Charles Sykes eine kleine Göttin der Ekstase, die seither als offizielles Symbol den Rolls-Royce-Kühler ziert und vor allem zeigen sollte, was die Hauptqualität des Autos war: das lautlos schnelle, göttergleiche Gleiten, eine Eigenschaft, die man dem kutschenähnlichen Wagen damals nicht ansah. Später bekamen die Karosserien Blechhüften, die Wagen wurden immer stromlinienförmiger und die metaphorischen Kühlergöttinnen entsprechend immer unnötiger, bis 1955 der ganze Wagen zur metallischen Göttin erklärt wurde. Mit dem Citroën DS war die Mythologisierung des Autos vollendet: Schon das technoide Kürzel "DS", französisch "Déesse", also Göttin, ausgesprochen, verband Technik und Mythos zu einer neuen Einheit. Das ganze Auto war jetzt ein metaphorischer Körper.

Wie in einem Ufo durch den Raum

Die DS war absolut modern, ein Fahrzeug, das nicht zu rollen, sondern zu schweben schien, das sich wie von Geisterhand hydropneumatisch erhob und schwebend das Ende der ratternden, ölig-dreckigen Metallbestien verkündete, die Autos vorher oft waren. "Die Déesse", schrieb Roland Barthes, der wußte, wie deutlich sich der Zustand einer Gesellschaft in ihren Alltagsprodukten spiegelt, "hat alle Wesenszüge eines jener Objekte, die aus einer anderen Welt hinabgestiegen sind; die Déesse ist zunächst ein neuer Nautilus." Die nahtlosen Plastik- und Glasflächen, das filigrane Einspeichenlenkrad, die aerodynamische, kühlerlose Front: Die DS war das autogewordene Versprechen des Space-Age. Vierzehn Jahre vor der ersten Mondlandung gab sie den Fahrern das Gefühl, in einem Ufo durch den Raum zu gleiten.

Nachfolger C6: Ikonen des Techno-Futurismus

Nachfolger C6: Ikonen des Techno-Futurismus

Sie und ihr Nachfolger, der CX, waren wie die Concorde und der TGV Ikonen des französischen Techno-Futurismus. Während der 1974 erschienene CX die Dynamik der Stromlinienform noch radikalisierte, machte die DS, das ehemalige Lieblingsauto einer fortschrittsversessenen Bourgeoisie, als Gebrauchtwagen eine merkwürdige Umcodierung durch. Vor allem in Deutschland rutschte sie in ein soziales Milieu ab, das in allem das genaue Gegenteil ihrer ursprünglichen Kundschaft war. Technikkritische, antibürgerliche Philosophiestudenten kurvten in zu Fortschrittsruinen mutierten, rostigen DS über Uniparkplätze und zu Anti-Startbahn-Demos - ein später Triumph der Antimodernen über ein Objekt, das eine hysterische Ode an den Kunststoff und andere Teufeleien der Fortschrittskultur war. Wie sehr die DS als metaphorisches Objekt taugte, zeigt sich auch in Truffauts Film "Die süße Haut": Da gleitet ein Professor zunächst gemächlich in seiner DS zum Haus seiner Geliebten; später, als die emotionalen Verwicklungen immer bedrohlicher werden, hat er keine Zeit mehr, zu warten, bis sich die DS aus ihrer typischen kauernden Parkhaltung hydropneumatisch emporpumpt. Als der Held in seiner halb erhobenen Déesse mit schleifendem Auspuff davonrast, ahnt man, daß die Sache kein gutes Ende nehmen wird, und tatsächlich wird er bald von seiner Frau erschossen.

Ein airbaggepolsterter Salon

Genau fünfzig Jahre nach dem Erscheinen der DS wird nun ein neuer großer Citroën vorgestellt - und auch er bündelt in seinem Design aktuelle Befindlichkeiten und Ängste wie in einem Brennglas. Die DS war vor allem eins: gnadenlos optimistisch. Die Zukunft war etwas, worauf man sich freute, der Blick zurück immer falsch. Damit ist nun Schluß. Der retrofuturistische C6 sieht aus, als habe man einen CX in Drachenblut gebadet. Wo früher eine Ästhetik eleganten Leichtsinns zu finden war, rollt der C6 breitbeinig wie ein Kriegsgerät einher: Mit einer Frontpartie, die aussieht, als könne man mit ihr einen Panzer in zwei Hälften spalten, mit Rückleuchten wie Enterhaken. Das Auto sieht so aggressiv aus, als hätte man ihm die Angst vor Verteilungskämpfen und sozialen Unruhen ins Blech gepreßt. Wo die DS modernen Optimismus ausstrahlte, wirkt der C6 grimmig melancholisch. Um mit den martialisch designten deutschen Limousinen mithalten zu können, hat Citroën den alten CX-Linien eine germanische Bulligkeit verpaßt; deshalb sieht der neue C6 so bizarr aus wie eine Göttin, die man zum Bodybuilding geschickt hat. Im Werbetext lobt Citroën die "kraftvolle" und "feste Entschlossenheit" ausstrahlende Gestalt des Wagens, der "Sicherheit und Stabilität" suggeriere; der C6 ist auch ein Panzerwagen für eine verunsicherte Gesellschaft, in der die Zeichen auf Rückzug statt auf experimentierfreudige Expansion stehen. Keine revolutionäre Form, kein bahnbrechender Hybridantrieb: Avantgarde ist bei Citroën zur historischen Stilkategorie geworden.

Auch im Innenraum ersetzt Wohnzimmergemütlichkeit die alte Aufbruchsfreude. Der neue Citroën ist ein behaglicher, airbaggepolsterter Salon, in dem man sofort eindösen möchte - und damit man das nicht beim Fahren tut, wartet der Hersteller mit einer technischen Neuerung auf: Das AFIL-System ist ein Rüttelmechanismus im Fahrersitz, der den eingeschlafenen Fahrer aufwecken soll, wenn Sensoren feststellen, daß der Wagen zu schlingern beginnt. Statt Freude am Aufbruch Angst vor dem Einschlafen: Auch High-Tech dient inzwischen nur noch dem Versuch, den Gefahren des Alterns und der allgemeinen Müdigkeit zu entkommen. Die Zeichen haben sich gewendet. Die DS war Zukunftseuphorie auf Rädern, der C6 ist ein eleganter Kokon für die alternde Gesellschaft. Statt Weltraumästhetik gibt es Wohnzimmeratmosphäre, statt rasanter Motoren, wie einst im CX GTI, einen Rüttelsitz für die ganz Müden: Der Nachfolger der Göttin ist ein ängstlicher Halbgott. Sein Versprechen ist nicht mehr der Aufbruch in die Zukunft, sondern die Vermeidung drohender Todesgefahr. Niklas Maak

SPIEGEL ONLINE hat den Text mit freundlicher Genehmigung der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" übernommen. Die von der "FAS" gepflegte alte Rechtschreibung haben wir beibehalten.



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