Lamborghini "Track Experiences" Stierkampf mit Ansage

Ein Auto ist immer nur so gut wie sein Fahrer. Gerade bei einem Supersportwagen braucht es daher neben einem gut gefüllten Konto auch ein gewisses Geschick. Um ihnen Peinlichkeiten beim Ampelstart zu ersparen, bittet Lamborghini seine Kunden nun zur "Track Experience".


Die Reifen quietschen, die Luft riecht nach verbranntem Gummi, und über allem liegt der kreischende Sound hoch drehender Zehnzylinder. Was auf Kopfmenschen wirkt wie der Vorhof zur Hölle und auf Bleifußjunkies wie die Pforten zum Paradies, das ist eigentlich nichts anderes ein schnöder Parkplatz. Auf dem hat Lamborghini zum Stierkampf mit Ansage geladen, und nun hetzen ein Dutzend 520 PS starker Gallardo-Modelle durch die Hütchengasse, wedeln über den Asphalt oder verbrennen, auf der Suche nach dem idealen Bremspunkt, das Reifenprofil.

Für eine Hand voll Journalisten inszeniert die sportliche Audi-Tochter auf und neben der Rennstrecke in Mugello gerade das, was eilige Kunden ab diesem Herbst bei der "Track Experience" erleben können: Eine Fahrschule im Grenzbereich, deren einzelne Lektionen die hintersinnigen Namen "Mach 1" bis "Mach 3" tragen, will den Besserverdienern dieser Welt beweisen, dass man mit einem Lamborghini eben nicht nur die Blicke einfangen, sondern auch ernsthaft um die Bestzeit ringen kann. Die Schulung ist jedoch ein teures Vergnügen: Ab 3960 Euro gibt es die Vollgas-Kurse, doch wer entweder 170.000 Euro für den Gallardo oder 226.000 Euro für einen Murciélago auf den Tisch gelegt hat, wird das auch noch verkraften.

Leider beginnt die Veranstaltung mit einer kleinen Enttäuschung: Denn bevor die maximal 16 Teilnehmer hinters Lenkrad dürfen, müssen sie erst einmal die Schulbank drücken und einige Grundregeln des Fahrens auffrischen. Sitzposition, Lenkradhaltung, Pedaldruck – all das sind Themen, die man nicht oft genug wiederholen kann, sagen die Instruktoren, weil auch vermeintlich sportliche Fahrer noch immer auf ihrem Sitz lümmeln, nur zwei Finger im Lenkkranz einhaken und das Bremspedal gerade so mit den Zehenspitzeln berühren. Also rückt Instruktor Max seine Eleven näher ans Lenkrad, lässt die Lehne in die Senkrechte surren und gibt endlich das ersehnte Kommando: Gentleman, start your engines.

Erst kommt Kontrolle, dann Geschwindigkeit

Doch auch wenn jetzt ein Lärm über dem Parkplatz liegt wie über der Startbahn West, bleibt es zunächst gemächlich. "Hier geht es nicht um Geschwindigkeit, sondern um die Kontrolle des Fahrzeugs und den schmalen Grenzbereich zwischen Traktion und Kurvenführung auf der einen und dem unkontrollierten Ausbruch auf der anderen Seite", nimmt Max den Heißspornen die Hoffnung. So, wie er auch vorschnelle Kunden regelmäßig einbremsen muss, mahnt er vom Beifahrersitz zur Zurückhaltung. Zwar kommen einem 70 km/h in einem Lamborghini vor wie besseres Schritttempo. Doch genügt ein kleiner Gasstoß, damit das Heck ausbricht, das Auto einen wilden Tanz beginnt und das überlegene Lächeln vom Fahrer- auf den Beifahrersitz wechselt. "Hab ich es nicht gesagt", steht Max ins Gesicht geschrieben. Worte braucht er dafür nicht.

Nach ein paar Pirouetten klappt es tatsächlich ganz gut mit der Agentenwende, den Bremspunkt zu treffen gelingt auch immer öfter, und der Powerslide funktioniert auch. Deshalb bittet Max am Nachmittag zur eigentlichen "Track Experience" und stellt die Gallardo-Modelle in der Boxengasse bereit. So, wie der Nescafé-Mann in der Werbung nonchalant den Besitz eines Autos verneint, könnte dabei Max auch "isch abe gar keine Nerven" sagen, wenn er sich in demonstrativer Gelassenheit bei 140 Sachen auf dem Beifahrersitz fletzt und selbst dann eine gute Miene macht, wenn das Spiel langsam böse wird, die Pylonen fliegen und der Grünstreifen immer näher kommt. "Nein, nein, Angst habe ich dabei nicht", sagt Max und denkt an den Segen des Allradantriebs und des elektronischen Stabilitätsprogramms, dessen Kontrollleuchte in jeder Schikanen flackert wie das Stroboskoplicht in der Disco.

Stoischer Dirigent auf dem Beifahrersitz

Mit spärlichen Kommandos fordert er mehr Gas oder eine beherzte Bremsung und leitet den Piloten mit dem kleinen Finger so zielsicher, wie ein Dirigent mit dem Taktstock sein Orchester führt. Seelenruhig greift er dem Fahrer sogar ins Lenkrad und zieht ihn mit aller Macht auf die Ideallinie, die er schon nach wenigen Runden so verinnerlicht, dass Normalsterbliche vor Neid erblassen würden. Während unsereins Mühe hat, mit den Schaltwippen rechtzeitig die Gänge zu sortieren und nur ja die Augen nicht auf den Tacho zu heften, sondern dorthin zu richten, wo der Gallardo gleich mit 180, 160, 120, 90, 70 den Scheitelpunkt der Kurve touchieren soll, zählt Max so detailliert die Schikanen auf, dass er die Strecke noch mit verbundenen Augen schneller fahren kann als wir 15 Runden.

Natürlich sind die Lektionen alle nicht neu und auch in jedem Fahrsicherheitstraining beim ADAC erlernbar. Doch ist es durchaus ein Unterschied, ob man dabei in einem Lancia mit 120 oder einem Lamborghini mit 520 PS sitzt. Auch deshalb ist es ein klasse Gefühl, wenn auf der letzten Runde nicht nur die Bremsen, sondern auch die Stirn abkühlt, der Pulsschlag langsamer wird und man ganz entspannt in die Boxengasse rollt, weil man zumindest diese Corrida gewonnen hat. Und weil Max das Lächeln noch immer nicht vergangen ist.



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