Leben ohne Pkw "Unser Mobilitätsverhalten muss sich radikal ändern"

Atemwegsbeschwerden, Klimawandel, Tausende Tote jährlich - das Auto verursacht viel Leid. Dennoch lieben die Deutschen ihren Pkw. Ohne ihn würde es sich aber viel besser leben, erklärt hier ein Politikwissenschaftler.
Es muss nicht immer ein Auto sein, Fahrräder können viel

Es muss nicht immer ein Auto sein, Fahrräder können viel

Foto: Urban Arrow / urbanarrow.com

SPIEGEL ONLINE: Herr Knierim, Sie plädieren für ein Leben ohne Auto. Halten Sie das im Auto-Land Deutschland mit 50 Millionen Fahrzeugen auf den Straßen für realistisch?

Zur Person
Foto: Bernhard Knierim

Bernhard Knierim, Jahrgang 1978,ist Biophysiker und Politikwissenschaftler. Er arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Bundestag und setzt sich für einen grundlegenden Wandel der Verkehrspolitik ein. Mit "Ohne Auto leben" hat der Familienvater ein Handbuch für ein Leben ohne eigenen Wagen geschrieben. Er selbst besaß noch nie ein eigenes Auto. Meist fährt er Fahrrad oder nutzt öffentliche Verkehrsmittel. Für größere Transporte leiht er sich über "privates Carsharing" das Auto der Nachbarn aus. Das passiere aber sehr selten.

Bernhard Knierim: Unser Mobilitätsverhalten muss sich radikal ändern. Der Straßenverkehr ist der zweitgrößte Verursacher klimaschädlicher Gase nach der Energieindustrie - und der einzige, dessen Ausstoß weiter wächst. Der Grund dafür sind vor allem immer mehr und immer schwerere Autos.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren in Ihrem Buch den Politikwissenschaftler Claus Leggewie mit den Worten: "Es muss peinlich werden, große Autos zu fahren und Energie zu verschwenden."

Knierim: Ich glaube, dass diese Peinlichkeit langsam schon entsteht. Die jüngere Generation sieht das Auto viel weniger als Statussymbol und ist nicht mehr bereit, so viel Geld für Technik auszugeben, die sie eigentlich gar nicht benötigt. Aber immer noch werden jedes Jahr mehr und größere Autos verkauft.

SPIEGEL ONLINE: Woran liegt das?

Knierim: Das Auto ist unbestreitbar bequem: Man kommt mit wenig eigenem Energieaufwand fast überall hin. Doch die Schäden, die man dabei verursacht, betreffen die gesamte Gesellschaft. Feinstaub und Stickoxide sind sprichwörtlich in aller Munde. Und noch immer verunglücken jedes Jahr fast 400.000 Menschen im deutschen Straßenverkehr, mehr als 3000 werden getötet. Jede andere Technologie mit einem solch hohen Blutzoll würden wir sofort verbieten.

SPIEGEL ONLINE: Über 80 Prozent des Verkehrs besteht in Deutschland aus Autoverkehr. Wie konnten Fuß-, Fahrrad- und öffentlicher Verkehr überhaupt so stark ins Hintertreffen geraten?

Knierim: Das Auto wurde jahrzehntelang politisch stark gefördert, während andere Verkehrsmittel vernachlässigt wurden. So hat man das Straßen- und Autobahnnetz vervielfacht, während Tausende von Kilometern Bahnstrecke stillgelegt wurden. Fuß- und Fahrradverkehr wiederum wurden durch den Autoverkehr sehr unattraktiv gemacht.

SPIEGEL ONLINE: Was schlagen Sie vor als Gegenmaßnahmen?

Knierim: Umweltschädliche Subventionen wie das Dieselsteuer- oder das Dienstwagenprivileg gehören sofort gestrichen. Auch der beständige Ausbau der Straßeninfrastruktur, der immer mehr Verkehr zur Folge hat, muss beendet werden. Stattdessen sollten wir den öffentlichen Verkehr und besonders das Bahnnetz ausbauen und gleichzeitig das Liniennetz und die Takte verbessern, damit der öffentliche Verkehr eine echte Alternative werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Für viele Menschen gehört zum Lebensglück die individuelle Mobilität.

Knierim: Ja, aber im Stau stehen oder stundenlang pendeln erhöht nicht die Mobilität - und auch das Fahrrad oder die eigenen Füße sind individuelle Mobilität. Mobilität bedeutet, dass ich die Orte erreichen kann, die ich erreichen will - Arbeit, Ausbildung, Freizeit, Einkaufen. Wenn ich dabei immer längere Strecken zurücklegen muss, dann ist das kein Gewinn von Mobilität, sondern die Mobilität bleibt gleich - nur der Verkehr wird mehr. Jahrzehntelang war die Entwicklung in einer Art Co-Evolution von Technik, Infrastruktur und Bedürfnissen aber so, dass wir für alles immer weitere Strecken zurücklegen. Stattdessen müssen wir wieder viel stärker auf nahräumliche Strukturen hinarbeiten - beispielsweise dezentrale Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten oder bezahlbare Wohnungen auch nahe bei der Arbeit. Das ist eine sehr langfristige politische Aufgabe.

SPIEGEL ONLINE: Allein in Berlin kommen jedes Jahr 20.000 neue Fahrzeuge hinzu.

Knierim: Vielen Menschen scheint gar nicht bewusst, dass die Stadt auch ganz anders aussehen könnte. Wir sind von Kind auf daran gewöhnt, dass das Auto so viel Raum einnimmt und dass wir als Fußgänger vor den Autos quasi auf der Flucht sein müssen. Der Stadtraum ist extrem unfair verteilt, denn die Autofahrenden zahlen ja nicht einmal einen fairen Preis für den immensen Raum, den sie in Anspruch nehmen.

SPIEGEL ONLINE: Dagegen formieren sich inzwischen Aktionen wie "Parking Day" oder "Critical Mass".

Der Parking Day ist ein internationaler Aktionstag meist im September, bei dem Parkplätze im öffentlichen Raum kurzfristig umgewidmet werden - beispielsweise in Gärten, Sitz- und Gastronomieflächen. Radfahrer treffen sich in vielen Städten der Welt scheinbar zufällig und unorganisiert zur Critical Mass, um auf den Radverkehr aufmerksam zu machen, der im Vergleich zum Auto oft benachteiligt ist.

Knierim: Solche Aktionen zur Rückeroberung von Innenstädten finde ich gut, weil dadurch die selbstverständliche Vorherrschaft des Autos und der Anspruch auf den Raum zum Parken und Fahren hinterfragt wird. Für einen Moment wird erlebbar, wie wunderbar eine Stadt sein könnte - mit Raum zum Flanieren und Spielen auf der Straße und die weniger von Abgasen und Lärm belastet wäre.

Teilnehmer der Critical Mass in Budapest, Ungarn, heben ihre Räder hoch

Teilnehmer der Critical Mass in Budapest, Ungarn, heben ihre Räder hoch

Foto: Zsolt Czegledi/ dpa

SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich die Zahl der Autos reduzieren, ohne die individuelle Mobilität einzuschränken?

Knierim: Autofreie Wohngebiete und Projekte sind beispielsweise gute Chancen, um sich anders zu organisieren und Autos weniger und gemeinschaftlich zu nutzen.

SPIEGEL ONLINE: Was mache ich als autofreier Mensch, wenn ich in Urlaub will?

Knierim: Für Urlaubsreisen kann ich aus eigener Erfahrung die Bahn sehr empfehlen. Speziell als Familie ist man so sehr viel entspannter unterwegs und kann die Zeit gemeinsam zum Spielen, Essen und Reden nutzen. Besonders für kleine Kinder ist es Gold wert, wenn sie zwischendurch auch mal durch den Zug flitzen können statt angeschnallt stillsitzen zu müssen. Für weite Strecken sind Nachtzüge eine großartige Möglichkeit - am besten mit einem Familienabteil. Umso bedauerlicher ist es, dass die Deutsche Bahn AG ihre Nachtzüge vor über einem Jahr komplett abgeschafft hat.

SPIEGEL ONLINE: Und wie ist es auf dem Land? Wie sollen die Leute dort ohne Auto zur Arbeit kommen?

Knierim: Natürlich gibt es Regionen, in denen das Leben ohne Auto beschwerlich oder fast unmöglich ist. Oft sind jedoch die Möglichkeiten mit dem Fahrrad und mit dem öffentlichen Verkehr sehr viel besser, als die Menschen denken. Sie haben es einfach noch nicht ausprobiert. Für weitere Strecken lohnt sich ein Pedelec oder E-Bike, man kann Fahrgemeinschaften mit den Nachbarn bilden, Autos gemeinsam nutzen, sich für einen besseren öffentlichen Verkehr engagieren oder das im Rahmen eines Bürgerbusses notfalls selbst in die Hand nehmen. Wenn auch kein völliger Verzicht, so ist immerhin eine Reduktion des Autoverkehrs auch auf dem Land möglich. Daher finde ich die Idee des "Autofastens" sehr charmant.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Knierim: Autofasten ist ganz einfach: Man verzichtet ein paar Wochen auf das Auto und bekommt so ein viel besseres Gefühl dafür, wie das funktionieren kann. Selbst wenn das Auto danach nicht abgeschafft, sondern nur weniger genutzt wird, wäre viel gewonnen.

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