Lesererlebnisse Ökomobile "Kann das nicht explodieren?"

Exotisch sind Wagen, die mit Auto- oder Erdgas fahren, zwar nicht mehr. Und auch das Tankstellennetz in Deutschland mausert sich. Doch Fahrer, die auf Gas setzen, müssen immer noch mit Tücken, Macken und verwunderten Nachfragen rechnen. SPIEGEL-ONLINE-Leser berichten.


Die Politik diskutiert erbittert über Förderung und Vorschriften, die Industrie kann sich zwischen Brennstoffzelle und Wasserstoffmotor nicht entscheiden - und dennoch haben sich schon viele Autofahrer in Deutschland schon von Benzin und Diesel verabschiedet. "Was treibt Sie an?", haben wir die SPIEGEL-ONLINE-Leser gefragt – und bekamen zahlreiche Erlebnisberichte von Rapsöl-, Gas- und Strom-Fans.

Heute geben zwei überzeugte Leser Gas: Cornelia Ruchhöft kam eher durch Zufall zu ihrem umgerüsteten Erdgas-Ford-Ka. Dagegen hat Peter Fettich seinem wuchtigen amerikanischen Geländewagen bewusst eine Autogas-Sparkur verordnet.

Ford Ka: Umrüstung für geschenkt
Von Cornelia Ruchhöft

Seit mittlerweile vier Jahren fahre ich einen Ford Ka mit Erdgasantrieb und kann nur Gutes berichten. Für Erdgas habe ich mich - das muss ich ehrlich zugeben - durchaus nicht bewusst entschieden. Mein Mann entdeckte auf dem Ausstellungsgelände eines Autohändlers einen Ford, der einen annehmbaren Preis hatte, gut ausgestattet war und auch noch nicht so alt (Baujahr 1999). Nur einen "Makel" hatte er: Auf dem Schild mit den technischen Daten des Fahrzeugs stand "Hybridfahrzeug".

Dazu erklärte der Händler lediglich, dass das Fahrzeug auch mit Erdgas betrieben werden könne - was zeigt, dass selbst bei Fachleuten Erdgasantrieb damals ziemlich unbekannt war. Das Fahrzeug sei nachgerüstet worden, der gesamte Benzintank also noch verfügbar. Da die meisten Interessenten vor der Bezeichnung "Hybridfahrzeug" zurückgeschreckt seien, habe man den Preis um einiges heruntergesetzt. Das hieß für mich: Die Nachrüstung habe ich sozusagen geschenkt bekommen.

Ich wusste zu dem Zeitpunkt überhaupt noch nichts über Erdgasfahrzeuge, habe mich also im Internet umgesehen und musste nicht lange überlegen. Die Pluspunkte waren - zunächst zumindest in der Theorie - überzeugend. Zwar ist der Kofferraum nicht mehr nutzbar. Das ist aber beim Ford Ka kein Problem, da er ja dort sowieso nur ein etwas größeres Handschuhfach ist.

Die lustigsten Erlebnisse habe ich beim Tanken: Ich sehe die verstohlenen Blicke der anderen Autofahrer, wenn ich die Motorhaube öffne und das Erdgasventil ansetze. Manche haben dann doch den Mut, mich anzusprechen. Die erste Frage ist immer: "Kann das nicht explodieren?" Ich kann mir immer nur mit Mühe die Bemerkung verkneifen, dass mir schon zwei Autos unter dem Hintern explodiert sind. Man hört das ja auch ständig in den Verkehrnachrichten: "Behinderungen auf der A81 - wieder ist ein Erdgasfahrzeug explodiert!" Bei diesen Gesprächen sehe ich immer wieder, dass die Leute zwar interessiert und fasziniert sind, dann aber doch nicht den Mut haben, umzusteigen. Zum einen sind es die Umrüstkosten, zum anderen ist es doch immer eine unterschwellige Angst vor Neuem.

Die Erdgasfahrer untereinander grüßen sich an der Tanksäule immer freundlich. Oft beginnt dann ein kleines Fachgespräch über Umrüstung und Tankgröße. Das Tankstellennetz ist in den letzten Jahren sehr weit ausgebaut worden, vor allem auch an Autobahnen. So habe ich in letzter Zeit öfter Fahrten kreuz und quer durch Deutschland unternommen. Allerdings befinden sich viele Tankstellen, vor allem in Städten, auf Betriebshöfen, die nicht so leicht zu finden sind. Leider ist auch die Qualität des Gases nicht überall gleich. Gerade bei Betriebshöfen habe ich die Erfahrung gemacht, dass recht viel Luft beigemischt wird, um den Druck aufrechtzuerhalten.

Und ein Problem werde ich nie begreifen, auch wenn ich ihm schon oft begegnet bin: Die Erdgasschläuche an den Tankstellen sind oft extrem kurz, obwohl mir vor kurzem ein Fachmann versicherte, dass es dafür überhaupt keinen Grund gibt. Man muss also mit millimetergenauer Präzision an die Tankstellen fahren, um das Ventil aufsetzen zu können. Das führte bei einer Tankstelle Nähe Leipzig einmal dazu, dass ich nicht tanken konnte, weil mein Vorgänger den Schlauch aus der Zapfsäule gerissen hatte. Er war wohl davon ausgegangen, dass man diesen genau wie die Benzinschläuche noch ein Stück herausziehen kann.

Fazit: Ich bereue nicht eine Minute, dass ich mich damals für Erdgas entschieden habe. Wenn ich eines Tages wieder ein neues Auto brauche, wird es wieder ein Erdgasfahrzeug sein. Ich fahre fast ausschließlich Erdgas, das Benzin in meinem Tank dürfte schon schimmeln. Apropos Benzinpreise - wie sind die gerade? Ich vergesse immer, auf die Tafeln zu sehen

Chevrolet Blazer: Autogas im Erotic-Markt
Von Peter Fettich

Mein Chevy würde normalerweise beim Betanken an der Normalbenzin-Zapfsäule jede Menge mitleidige Blicke anziehen. Doch Anfang 2005 habe ich den Blazer, Baujahr 1998 mit 193 PS, auf Autogas umrüsten lassen und bin seitdem circa 100.000 Kilometer gefahren. Nach dem Umbau waren die Reiseplanungen etwas gewöhnungsbedürftig. Denn ich konnte nicht unbedingt davon ausgehen, dass ich immer in einem Radius von circa 500 Kilometern eine Gastankstelle finden würde. So sah ich erst nach, wo Gastankstellen auf dem Weg liegen, eventuell nahm ich auch kleine Umwege in Kauf.

Auf diese Weise bin ich auch nach Schweden gekommen, wo es im Süden des Landes gerade mal fünf Gastankstellen gibt. Der "Aha"-Effekt kam allerdings erst im Osten (Ungarn, Rumänien), wo man an nahezu jeder Tankstelle auch Gas bekommt. Im krassen Gegensatz dazu befindet sich leider Österreich, wo es fast keine Gastankstellen gibt. Inzwischen gibt es auch in Deutschland ein relativ dichtes Netz von Autogastankstellen.

Die originellste Gastankstelle, die ich bisher gesehen habe, befindet sich an der A9 bei Berg/Bad Steben: Auf dem Weg nach Rostock wurde ich vom Navigationssystem von der Autobahn bis hinter einen Autohof abgeleitet, zu einer Gastankstelle, die ich bisher nicht kannte. Da in Deutschland die Gastankstellen mit Selbstbedienung sind, achtete ich vor und während der Betankung nicht auf mein direktes Umfeld. Erst als ich zahlen wollte, bemerkte ich, dass ich dafür in einen "Erotic-Markt" an die Kasse musste. Das wird wohl die neue Form der Supermarkt-Tankstelle sein - oder auch vielleicht eine neue Methode, sich die Loyalität der Kundschaft zu sichern?

Anfangs wurde ich ziemlich oft an der Tankstelle angesprochen, über Verbrauch, Leistung und Umbaukosten befragt. Heute scheint man Pkw, die nicht Benzin oder Diesel tanken, bereits als normal zu empfinden. Wenn ich die Frage nach der Verbrauch beantworte, gibt es immer verwunderte Gesichter: Unter 15 Liter/100 Kilometer kann sich niemand so richtig eine bestimmte Rentabilität vorstellen. Deswegen gebe ich meist die einzige direkt vergleichbare mathematische Größe zwischen einem Benzin- und einem Gasfahrzeug an: Euro pro 100 Kilometer. Die betragen für meinen Autogas-Chevy rund 10 Euro, für ein Normalbenziner-Modell wären das 16,50 Euro (13,5 Liter Verbrauch).

Fazit: Heutzutage ist Gas die einzige Möglichkeit, ein größeres amerikanisches Auto im Alltag zu fahren und den entsprechenden Spaß am dumpfen Grummeln eines "big block" zu haben. Wer heute große bis riesige (Benzin-)SUVs auf deutschen Straßen sieht, kann eigentlich davon ausgehen, dass die meisten mit Gas fahren. Auch der Gedanke, dass man bei einer Laufleistung von 30.000 Kilometer im Jahr etwa eine Tonne weniger CO2 als mit einem nicht umgebauten Benzinmotor produziert, ist eine Überlegung wert.



insgesamt 694 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
DJ2002dede, 16.11.2006
1.
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Ich denke, Wasserstoff wird sich durchsetzen. Bis dahin ist aber der Mix wichtig und richtig.
Saboteur 16.11.2006
2.
Ich denke mittelfristig wird es mehrere Möglichkeiten geben. Erdgas funktioniert schon. Brennstoffzelle hat immernoch das Problem der Wasserstoffspeicherung aber es sind auch Typen möglich, die mit Methanol u.Ä. laufen (Nachteil hier: die Stoffe müssen sehr rein sein). Außerdem gibt es Forschungen dazu aus organischen Abfallstoffen eine Art Biodiesel effizient herzustellen; das könnte auch ein Weg werden (z.B. Umsetzung mittels Bakterien).
Lopez21 16.11.2006
3. Keine Alternative!
Tja so sehe ich es. Denn, obwohl ich nicht einmal mehr Auto fahre, ist das ein echt schwieriges Thema. Nur eines sollten wir wissen (ob wir wollen oder nicht). Unsere Mobilitaet macht unsere Umwelt kapput und krank. Und wir koennen gerne Brasilien als Beispiel nehmen, wo sie schon seit einer langen Zeit auf fosile Brennstoffe setzen. Aber um welchen Preis? Da kommen Monokulturen und wir sind ebenfalls auf dem besten Weg dazu. Die Natur dankt es uns frueher oder spaeter mit kleineren oder groesseren Katastrophen. Erdgas ist auch nicht unbeschraenkt vorhanden. Heute sind wir wohl schon soweit, dass wir Biogas erzeugen koennen. Aber wen interessiert das? Deutschland ist eh ein Vorbild: mit 200 ueber die Bahn zu brettern und 500 PS unter der Haube zu haben. Das ist geil! Ich frage nur, wann werden wir erwachsen?
dieterschg, 16.11.2006
4. Sparsamkeit
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- So lange diese Techniken noch nicht ausgereift sind, sollte man auf sparsamen Verbrauch bei den Fahrzeugen achten. 400km/h braucht niemand, schon 200km/h auf überfüllten Autobahnen reicht dicke aus, wobei manche Wagen dabei sogar noch relativ sparsam sein können.
Tarja13, 16.11.2006
5. Ganz klar: Wasserstoff
---Zitat von sysop--- Die Autohersteller setzen für morgen auf die Brennstoffzelle, die Autofahrer heute schon auf Erdgas. Wo sehen Sie die Chancen und Risiken der Alternativen Antriebe? ---Zitatende--- Wasserstoff bietet von allen derzeit denkbaren Treibstoffen eindeutig das größte Potential. Es verwundert schon ein bisschen, warum die Automobilindustrie die Forschung seit Jahrzehnten nicht entschlossener vorantreibt. Erdgas ist nunmal endlich, Sonne nicht immer verfügbar, Wind sowieso als Autoantrieb ungeeignet, Öl geht in absehbarer Zeit zur Neige. Wasserstoff hingegen wäre reichlich vorhanden, würde bei der Reaktion keine Schadstoffe erzeugen und trotzdem ausreichend Energie freisetzen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.