Limousinen in der Langversion für China Im Reich der zweiten Reihe

Fast überall auf der Welt werden neue Autos eine Nummer kleiner, in China jedoch wollen die Kunden oft große Fahrzeuge. Die Hersteller reagieren. Eigens für solvente Kunden im Reich der Mitte ziehen BMW und Audi ihre Mittelklasse-Modelle in die Länge. SPIEGEL ONLINE nahm im Fond Platz.

Aus Shanghai berichtet


Preisfrage: Wo gibt es die meisten Stretchlimousinen? China-Kenner müssten es wissen - in Peking und Shanghai. Die Modelle sind zwar nicht ganz so lang und auffällig wie die Lincoln Towncars, die als Shuttlefahrzeuge von US-Luxushotels eingesetzt werden, doch weil Chinesen in höheren Positionen nicht selbst fahren, sondern fahren lassen, kreuzen in den Büro- und Bankenvierteln der Metropolen riesige Limousinenflotten mit verlängertem Radstand. Die meisten davon stammen von Audi und BMW; die meisten dieser Modelle (70 Prozent etwa bei Audi) werden von Privatkunden gekauft.

Der Markt ist so lukrativ, dass vor allem die bei Chinas Oberschicht beliebten deutschen Hersteller das Geschäft nicht irgendwelchen Karosseriebauern überlassen. Luxuslimousinen wie der BMW 7er, der Audi A8 oder die Mercedes S-Klasse werden in Fernost ohnehin ausschließlich in der auch hierzulande verfügbaren Langversion verkauft. Die Baureihen darunter jedoch wurden eigens für den chinesischen Markt gestreckt.

Während der BMW 5er und der Audi A6 aus deutscher Produktion eine Handbreit unter der Fünf-Meter-Marke bleiben, laufen die gleichen Limousinen bei Audi in Changchun (seit 2000) und bei BMW in Shenyang (seit 2006) im Oberklasse-Format vom Band. Dafür erhielt der Audi 14 und der BMW 15 Zentimeter mehr Radstand sowie entsprechend größere Türen im Fond. Mercedes ignorierte diesen Trend lange - hat aber nun für das kommende Jahr eine verlängerte E-Klasse avisiert.

Währenddessen legen die anderen Marken bereits nach: Audi bietet seit dem Jahreswechsel einen um sechs Zentimeter gestreckten A4 an, und Volvo hat auf der Motorshow in Shanghai vor wenigen Wochen einen S80 mit 14 zusätzlichen Zentimetern enthüllt.

Schon ein paar Zentimeter machen den Fond behaglicher

Ob die paar Zentimeter tatsächlich mehr Bequemlichkeit im Fond bringen, merkt man bei einer Sitzprobe im BMW 530 Li auf der Fahrt durch die Hochhausschluchten des Shanghaier Stadtteils Pudong. Während wegen des Dauerstaus auf den Straßen der Oriental Pearl Tower oder der Transrapid-Bahnhof in Zeitlupe passiert werden, lümmelt man drinnen auf den Rücksitzen, stellt die Füße auf die kleine Bank unter dem vorderen Sitz und genießt eine Erfrischung aus dem Barfach hinter der Mittelarmlehne.

Dabei flimmert über die Monitore in den vorderen Kopfstützen die neuste DVD von Jackie Chan, die Sitzheizung trocknet den schweißnassen Rücken der Passagiere, im Deckenspiegel kann man den Sitz von Frisur oder Krawatte kontrollieren, und falls zwischendurch noch etwas Arbeit zu erledigen ist, klappt der Handlungsreisende in Reihe zwei ein Tischchen aus dem Vordersitz und kann loslegen.

Schneller Einsatz von Komponenten aus dem BMW 7er

Dass dieses Ambiente vor allem den Kunden des BMW 7ers bekannt vorkommt, hat einen Grund: Statt alles neu zu entwickeln, haben sich die Ingenieure der BMW-5er-Langversion aus den Ausstattungspaketen des Flaggschiffs bedient und die Limousine auf diese Weise schnell und effizient zum Helden im Reich der zweiten Reihe aufgerüstet. Gemessen am 7er ist der verlängerte 5er beinahe ein Schnäppchen: Ab umgerechnet 49.000 Euro wird das Auto in China verkauft, der 7er kostet mehr als das Doppelte.

In unsteten Zeiten, wo eine flaue Wirtschaftslage Bosse und Besserverdiener zu einer gewissen Bescheidenheit animiert, wären die gestreckten Modelle aus China sicher auch für den deutschen Markt eine attraktive Alternative. Denn billiger und im Fond mindestens ebenso bequem wie ein BMW 7er ist der 5er allemal. Und bei Audi sieht es nicht anders aus. Doch noch geben sich die Unternehmen rigoros. "Außerhalb Chinas ist der Verkauf der Langversionen nicht geplant", heißt es unisono bei Audi, BMW und vorauseilend auch schon bei Mercedes.

In Europa werden die verlängerten Autos nicht angeboten

Offiziell sehen die Hersteller für die China-Langversionen hierzulande keinen Markt. "In China wird der A6 sehr häufig als Chauffeursfahrzeug eingesetzt, deshalb nutzen die Passagiere natürlich bevorzugt den Fond. In der übrigen Welt hingegen wird der A6 in der Regel von den Besitzern selbst gefahren, so dass die Nachfrage nach einem geräumigeren Fond kaum je aufkommt", sagt Audi-Sprecher Josef Schlossmacher.

Tatsächlich schwingt bei solchen Entscheidungen natürlich auch die Angst vor der Kannibalisierung der eigenen Luxusfahrzeuge mit. Denn jeder Käufer einer langen Mittelklasselimousine wäre für die weit teureren Oberklassemodelle verloren. In China stellt sich diese Wahl für viele Interessenten noch nicht, zumal die großen Flaggschiffe aus Deutschland importiert werden und aufgrund von Zöllen und Steuern absurd teuer werden. Aber das ist schon wieder ein anderes Thema.



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