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LkW-Unfälle: Vom Winde verweht

Foto: Daniel Karmann/ picture-alliance/ dpa

Unfälle durch Seitenwind Achtung, Zwölf-Tonner fällt

Auf der A45 hat starker Seitenwind einen Lkw umgeworfen. Eine Studie ergibt: Vor allem leichtere Fahrzeuge sind anfällig für Wind. Aber es gibt Möglichkeiten, sie zu schützen.

Auf einer Brücke der A45 in Hessen ist ein Lkw durch starken Seitenwind umgefallen. Der Fahrer erlitt leichte Verletzungen, sein Fahrzeug blockierte die Autobahn zwischen den Anschlussstellen Dillenburg und Herborn. Gerade Lkw-Unfälle haben durch die enorme Größe und das hohe Gewicht der Fahrzeuge oft verheerende Folgen. Und gerade Lkw können durch ihre große Angriffsfläche besonders anfällig für Wind sein. Ein Überblick über die Gefahren und Möglichkeiten bei Unfällen durch Seitenwind.

Welche Fahrzeuge sind besonders anfällig?

Lkw werden unterteilt in leichte (3,5 bis 7,5 Tonnen), mittelschwere (mehr als 7,5 bis 12 Tonnen) und schwere Lkw (mehr als 12 Tonnen). Besonders anfällig für Seitenwind sind leichte und mittelschwere Fahrzeuge. Denn auch sie haben eine sehr große Angriffsfläche, aber nicht genug Gewicht, um bei hohen Windgeschwindigkeiten stabil auf der Straße zu bleiben. Bei leeren Fahrzeugen wird die Gefahr nochmals größer. Der Anteil der Lkw mit einem Gewicht von bis zu zwölf Tonnen an allen Lkw auf deutschen Straßen beträgt allerdings nur etwa zwei Prozent.

Wie häufig kommen Unfälle durch Seitenwind vor?

Offizielle Zahlen zu Lkw-Unfällen, die durch Seitenwind verursacht wurden, gibt es nicht. Pkw eingeschlossen lässt sich jedoch eine Aussage treffen: Laut Statistischem Bundesamt gab es im Jahr 2015 in Deutschland insgesamt 407 Unfälle von Pkw oder Lkw mit Personenschaden, die durch Seitenwind ausgelöst wurden. Neun Menschen kamen dabei ums Leben.

Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat sich speziell mit den besonders anfälligen Lkw bis zu zwölf Tonnen beschäftigt. Eine Sonderabfrage beim Statistischen Bundesamt ergab, dass in den Jahren 2010 bis 2013 16 Unfälle der entsprechenden Fahrzeuge durch Seitenwind statistisch erfasst wurden. Die tatsächliche Zahl liegt allerdings höher. Bei einem Unfall ist nämlich nicht immer eindeutig festzustellen, dass Seitenwind die tatsächliche Ursache war. Das Statistikamt erfasst außerdem viele Unfälle ohne Personenschaden nicht. Deswegen hat die UDV eine eigene Internetrecherche durchgeführt und fand für Zeit von 2010 bis 2013 nicht nur 16, sondern 32 Unfälle von Lkw bis zu zwölf Tonnen durch Seitenwind. Gerade bei Sturmtiefs häufen sich die Unfälle. Für umliegende Fahrzeuge können sie besonders kritisch werden, wie hier bei einem Vorfall in Wyoming in den USA:

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Wo ist das Risiko besonders groß?

Überall dort, wo Wind sehr plötzlich einfällt. Also wenn ein Fahrzeug einen - zum Beispiel durch einen Wald - windgeschützten Bereich verlässt und dann plötzlich starkem Seitenwind ausgesetzt ist. Das geschieht häufig auch auf Autobahnbrücken, so wie im aktuellen Fall auf der A 45.

Was für Kräfte braucht es, um einen Lkw umzuwerfen?

Um diese Frage zu klären, hat die UDV eine Studie mit verschiedenen Simulationen durchgeführt. Sie hat ergeben: Schon bei einer Windgeschwindigkeit von knapp 56 Kilometern pro Stunde sind leere mittelschwere Lkw bis zu zwölf Tonnen vom Fahrer teilweise nicht mehr in der Spur zu halten. Das entspricht Windstärke sieben. Fällt der Wind schräg und nicht direkt ein, ist der Effekt zwar nicht so stark, aber auch dann reicht schon Windstärke acht, um das Fahrzeug umzustoßen. Am sichersten fahren voll beladene schwere Lkw mit einem Gesamtgewicht von 40 Tonnen. Selbst bei Windstärke zwölf sind diese Fahrzeuge nicht umzuwerfen.

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Wie können Lkw sicherer gemacht werden?

Beispielsweise durch Seitenwind-Assistenzsysteme. Hier gibt es seit einigen Jahren bereits zwei verschiedene Varianten: Eine wirkt, ähnlich wie der aktive Spurhalteassistent bei Pkw, auf das Lenkrad. Registriert das Auto beispielsweise starken Wind von links, so lenkt der Wagen selbstständig leicht nach links gegen. Die Lenkung nach rechts wird außerdem in diesen Momenten erschwert. Die zweite Methode wirkt, ähnlich wie das Stabilitätssystem ESP, auf den Bremskreislauf. Bei Seitenwind von links wird die linke Seite des Fahrzeugs über die Bremse leicht verzögert. So wirkt das Auto dem Drang entgegen, weiter nach rechts zu driften. Beide Systeme funktionieren einzeln oder auch in Kombination. Anders als das ESP sind die Maßnahmen gegen Seitenwind jedoch weder für Lkw noch für Pkw verpflichtend.

Wie viel Einfluss hat der Fahrer?

Sobald eine Böe das Fahrzeug aus der Balance gebracht hat, ist die Situation selbst für den talentiertesten Fahrer sehr gefährlich. Mit sehr viel Fahrgeschick und genauem Gegenlenken, ohne dabei zu übersteuern, und mit etwas Glück kann man den Lkw zwar auffangen. Darauf sollte sich aber kein Fahrer verlassen. Die größte Risikominimierung bestehe durch vorbeugende Maßnahmen, sagt Christian Hieff vom ADAC. Am wichtigsten sei es, die eigene Geschwindigkeit bei starkem Wind massiv zu verringern - und den Lkw gegebenenfalls auch abzustellen: "Man muss überlegen, ob man das Fahrzeug ab einer gewissen Windstärke überhaupt noch fährt", sagt Hieff.

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Was kann gesetzlich getan werden?

Von der UDV kamen in Folge der Studie zwei Vorschläge. Zunächst sollten die Fahrer und Spediteure sensibilisiert werden, die Geschwindigkeit stets den Wetterverhältnissen anzupassen, wie es in Paragraf 3 der Straßenverkehrsordnung steht. Außerdem könnte das Gesetz in Paragraf 2 ergänzt werden - dahingehend, dass Gliederzüge bis zu zwölf Tonnen ab einer Windgeschwindigkeit von 75 Kilometern pro Stunde den nächsten Rastplatz ansteuern müssen. Spediteure wären dann verpflichtet, dafür zu sorgen, dass die Regeln eingehalten werden.

Dabei gibt es jedoch ein grundsätzliches Problem: Außer bei Sturm- oder Orkanwarnungen sind einzelne besonders starke Böen nicht unbedingt vorhersehbar. Deshalb sieht Hieff vom ADAC zunächst eine andere Chance: Der Gesetzgeber könnte Hersteller und Spediteure verpflichten, die Seitenwind-Assistenten, die über Lenkung und Bremse für zusätzliche Stabilität sorgen, zu nutzen. Bei der insgesamt doch recht geringen Zahl an Unfällen durch Seitenwind ist ein solcher Schritt jedoch vorerst nicht zu erwarten.

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